Fussl-Chefs Karl und Maria Mayr: "Extreme Bürokratie"

Über 1.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit, Mietzahlungen eingestellt, ein Gespräch mit der Hausbank: wie die Innviertler Handelskette Fussl auf den Corona-Supergau reagierte.

Fussl-Chefs Karl und Maria Mayr: "Extreme Bürokratie"

MODE. Die Fussl-Familie Mayr (von links: Karl, Maria und Karls Bruder Ernst) will hundert Prozent der Belegschaft in 180 Filialen behalten.

Die Lieferungen aus China waren alle noch rechtzeitig eingetroffen, die Verkäuferinnen hoch motiviert für die Frühjahrssaison - und dann das. Der Innviertler Familienbetrieb Fussl Modestraße, der 180 Filialen in Österreich und Bayern betreibt und 175 Millionen Euro umsetzt, ist von Corona kalt erwischt worden. Firmenchef Karl Mayr, der in der Zentrale in Ort im Innkreis dieser Tage mit seiner Frau Maria unverdrossen an der Bestellung der Herbst- und Winterware arbeitet, traf von Beginn weg "die strategische Entscheidung, niemanden zu kündigen".

Tage, bevor viele anderen Firmen nach langem Hin und Her die Kurzarbeits-Option zogen, setzte er deshalb auf dieses Instrument -und erlebte, dass der Amtsschimmel auch in Corona-Zeiten kerngesund ist. "Extrem bürokratisch und kaum administrierbar" seien die Anträge gewesen. Fussl hat keinen Betriebsrat, daher mussten für die 1.150 Kurzarbeit-Anwärter einzeln Zustimmungserklärungen einholt werden. Die Rücklaufquote betrug 99 Prozent, "die Rückmeldungen waren unglaublich positiv". Nachsatz: "Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass wir 100 Prozent der Belegschaft halten können."

Um die Unsicherheit möglichst gering zu halten, wurden die Informationen von Beginn weg per SMS beziehungsweise per eigens eingerichteter Homepage und Liveticker ausgespielt. Und um die Liquidität für das Unternehmen zu sichern, sistierten die Mayrs sofort alle Mietzahlungen für die Filialen und ließen sich von der Hausbank mündlich eine Überbrückungsfinanzierung zusichern. Doch selbst beim Kredit gab es bis Mitte Woche keine definitive Zusage, weil die Durchführungsbestimmungen von der Politik noch nicht ausgearbeitet waren.


FUSSL MODESTRASSE MAYR
SITZ: Ort im Innkreis
FILIALEN: 180
MITARBEITER: 1.300
UMSATZ: 175 Mio. Euro

Wenn die Modehändler jetzt durch ihre voll bestückten Filialen gehen, blutet ihnen das Herz. Mode ist de facto verderbliches Gut, die Ware wird nur mit hohen Rabatten zu verkaufen sein. Doch Fussl sei kapitalstark, "ein paar Wochen halten wir das schon durch". Und "alle freuen sich schon darauf, dass sie wieder starten können". Nachsatz: Wenn bis Ende Juni alles stillstehen sollte, "müssen wir schauen, ob wir irgendwo einen Kartoffelacker auftreiben".

Und inzwischen rufen chinesische Lieferanten von Fussl an und fragen, ob sie Schutzmasken nach Österreich schicken sollen.


Die Geschichte ist der trend-Ausgabe 13/2020 vom 27. März 2020 entnommen.


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