Fußball-WM: Nur ein kurzer Kick für Russlands Wirtschaft

Fußball-WM: Nur ein kurzer Kick für Russlands Wirtschaft

Die Fußball-Weltmeisterschaft wird in Russland den Rubel rollen lassen. Für das von Sanktionen gezeichnete Land und seine schwächelnde Wirtschaft wird die WM allerdings nur ein Strohfeuer sein.

Am Donnerstag, den 14. Juli wird im Moskauer Luschniki-Stadion die 21. Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte angepfiffen. Beim Eröffnungsspiel zwischen dem Gastgeberland Russland und Saudi Arabien werden unter den 80.000 Fans im Stadion auch zahlreiche prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft sitzen. Mit gutem Grund, gilt die Wochen dauernde FIFA WM 2018 doch als das wichtigste und größte Sportereignis des Jahres.

Die Weltmeisterschaft ist auch die am bisher höchsten dotierte. Insgesamt wird die FIFA 657 Millionen Dollar an die 32 teilnehmenden Nationan-Verbände und Clubs der Spieler ausschütten. 209 Millionen wandern in die Kassen der Vereine, in denen die Spieler normalerweise ihrem Broterwerb nachgehen, 48 Millionen werden für die Vorbereitungsphase ausgeschüttet und die letzten 400 Millionen im Verlauf des Turniers.

FIFA schüttet Millionen aus

Teams, die in der Gruppenphase ausscheiden erhalten acht Millionen, Achtelfinalisten zwölf Millionen, Viertelfinalisten 16 Millionen, der Vierte 22, der Dritte 24, der Zweite 28 und der Weltmeister 38 Millionen Dollar.

So großzügig dieses Preisgelder klingen - bei den Unsummen, die Fußballstars heutzutage verdienen, messen sie sich richtig bescheiden aus. Portugals Christiano Ronaldo hat etwa offiziellen Unterlagen zufolge im Jahr 2015 über 227 Millionen Euro verdient - etwa 620.000 Euro pro Tag.

Nahezu ebenso bescheiden dürften die Effekte sein, die von dem Turnier auf die Wirtschaft Russlands ausgehen. Rund um die zwölf Spielorte wird zwar mit lokalen Effekten gerechnet, abgesehen davon dient die WM aber wohl eher zur Imagepolitur Russlands denn dazu, die Wirtschaft des Landes zu stärken. "Das Ereignis ist wirtschaftlich zu klein, um einen nachhaltigen Einfluss auf das Wachstum zu haben", urteilt etwa Gert Wagner vom Berliner DIW-Institut (Deutsches Institut für Wirtschaft). Auch die Ratingagentur Moody's betonte jüngst in einer Studie: "Angesichts der begrenzten Dauer der Fußball-WM und der sehr großen Wirtschaftskraft des Landes sehen wir auf nationaler Ebene nur sehr begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen."

Russische Probleme

Das Bruttoinlandsprodukt Russlands ist 2015 und 2016 wegen des Verfalls des Ölpreises und der nach der Annexion der Krim verhängten Sanktionen geschrumpft, die Währung, der Rubel, hat massiv an Wert verloren. Zeitweise drohte sogar ein Staatsbankrott.

Erst 2017 ist das russische BIP wieder um bescheidene 1,5 Prozent gewachsen. Nach Angaben des stellvertretenden Ministerpräsidenten Arkadi Dworkowitsch haben die Vorbereitungen für die WM in den vergangenen fünf Jahren etwa 14 Milliarden Dollar oder rund ein Prozent zum BIP beigetragen. "Ich kann sagen, dass es ohne die WM momentan kein Wirtschaftswachstum geben würde", erklärte er kürzlich. Tatsächlich wurden auch Stadien wurden gebaut und Flughäfen modernisiert. Aber das sind sozusagen Einmaleffekte.

Ökonomen sehen dies ähnlich. "Die russische Wirtschaft kocht auf Sparflamme", sagt Russland-Experte Carsten Hesse von der Berenberg Bank. Für Schwung sorge der gestiegene Ölpreis. "Sonst wäre es um einiges düsterer." Denn außer dem Geschäft mit Öl und Gas laufe vieles nicht so rund. "Es gibt wenig ausländische Investitionen und viel Kapitalflucht wegen der Sanktionen."

Notenbankchefin Elvira Nabiullina hatte jüngst betont, Russlands Wirtschaft und Finanzsystem hätten sich der letzten Welle von Sanktionen relativ schnell angepasst. Im April hatten die USA neue Strafen gegen sieben Oligarchen und größere Firmen verhängt. Die Notenbankchefin hält in den nächsten Jahren ein Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent pro Jahr für möglich.

Dringender Reformbedarf

Für höhere Raten muss es laut Nabiullina mehr Strukturreformen geben - etwa bei der Arbeitsproduktivität oder bei privaten Investitionen. "Die Frage ist, inwieweit Russland in der Lage sein wird, die Möglichkeiten der WM zu nutzen, um sein Wachstumspotenzial durch bessere Infrastruktur und bessere weltweite Anerkennung zu steigern", sagt auch Jaroslaw Lissowolik, Chefökonom der Eurasischen Entwicklungsbank.

Im Zuge der seit 2014 geltenden Sanktionen des Westens hat sich Russland auch etwas stärker Richtung China orientiert. Es gab in den vergangenen Jahren einige größere Gas- und Energieabkommen mit der Regierung in Peking. Davon hätten beide Seiten profitiert, sagt Berenberg-Experte Hesse. "Die Russen brauchten marketingtechnisch die Deals." Die Chinesen hätten dies ausgenutzt und niedrige Preise ausgehandelt. Zudem sei der Anteil russischer Ausfuhren nach China an den Gesamtexporten von fünf bis sechs Prozent 2010 auf derzeit rund zwölf Prozent gestiegen. "Das ist schon signifikant", betont Hesse.

Der Ökonom hält zudem den wirtschaftlichen Effekt bei Sport-Großveranstaltungen wie Olympia oder einer Fußball-WM allgemein für überschätzt. In Russland hätten vor allem Bauunternehmer profitiert, die oft Präsident Wladimir Putin nahestünden. DIW-Experte Wagner schlägt in die gleiche Kerbe. "Das Geld kann nur einmal ausgegeben werden." Die Erfahrungen der Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien hätten gezeigt, dass das Geld besser - weil nachhaltiger - angelegt sei in Investitionen in die Infrastruktur. "Ein neues Stadion, das nach der WM kaum genutzt wird, ist schlichte Geldverschwendung im Interesse der Oberschicht."

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