Fußball-Weltverband FIFA erwartet halbe Milliarde Verlust

Fußball-Weltverband FIFA erwartet halbe Milliarde Verlust

Ankick aus dem Offside: Der neue FIFA-Präsident wird mit roten Zahlen in die Offensive gehen müssen.

Der erste Paukenschlag am außerordentlichen FIFA-Kongress in Zürich präsentierte am Freitagvormittag der Finanzchef des Fußball-Weltverbands: Die FIFA steuert geradewegs in die Verlustzone. Die Schmiergeldskandale zeigen ihre Wirkung. Sponsoren ziehen wegen der Ermittlungen der Justiz gegen FIFA-Funktionäre den Rückzug an. Gegen das Reformpaket stimmten 22 Funktionäre.

Zürich. Es geht nun an die Substanz des Fußballweltverbands: Nach den Skandalen und massiven Bestechungsvorwürfen gegen mittlerweile 140 FIFA-Funktionäre muss der reichste Sportverband der Welt seine Reserven angreifen.

Für den Zeitraum von 2015 bis 2018 hat der FIFA-Finanzchef Markus Kattner bereits einen Verlust von satten 550 Millionen Dollar (498,78 Millionen Euro) prognostiziert. Doch die Alarmglocken dürften erst Recht im März läuten, wenn die Ergebnisse für das Jahr 2015 bekanntgegeben werden.
"Die Situation ist sehr kritisch, weil die FIFA-Finanzen erstmals seit rund 20 Jahren ein Defizit aufweisen", erklärte Suketu Patel von den Seychellen. "Es sind circa 108 Millionen, das ist Fakt." Laut einem FIFA-Sprecher will der Weltverband die genauen Jahresergebnisse im März bekanntgeben. Dank der erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft konnte die FIFA eigenen Angaben zufolge insgesamt zwei Milliarden Dollar in Fußball-Entwicklungsprojekte wie Infrastruktur und Trainingsprogramme investieren.

Vergleicht man die Ansage der FIFA mit den Mitteilungen eines börsennotierten Unternehmens, entspricht die heutige Bekanntgabe des Verlusts einer Gewinnwarnung. Interessanter Aspekt: Die FIFA will im Gegensatz zu den Vorjahren Anfang März über das Geschäftsjahr 2015 berichten und ist in der Epoche nach Blatter offenbar bereits um mehr Transparenz bemüht. Bisher wurden offiziell nur Vier-Jahres-Zeiträume bilanziert. Zahlungsströme konnten so auf die vier Jahre verteilt optimiert werden.

Noch im Mai des vorigen Jahres hatte der mittlerweile gesperrte Ex-FIFA-Präsident Joseph Blatter einen Gewinn in Höhe von 338 Millionen Dollar präsentiert. Und zwar für den Abrechnungszeitraum von 2011 bis 2014. Dass es ausgerechnet nach einer Fußball-WM wie in Brasilien zu einem Gewinneinbruch kam, war bereits eine negative Überraschung. Denn der Gewinn ist geschrumpft, trotz des Weltturniers 2014 in Brasilien, das als großer Erfolg gefeiert wurde. Der Gewinn war halb so hoch ausgefallen wie in den Jahren 2007 bis 2010, als noch 631,2 Millionen Dollar Profit in die Kassen der FIFA flossen.

FIFA in der selbstgebauten Finanzkrise

"Wir befinden uns in einem schwierigen ökonomischen Umfeld", sagte FIFA-Finanzchef Kattner vor den 209 FIFA-Delegierten in Zürich. Er verwies dabei auch auf den Druck der juristischen Behörden. Seit Mai vergangenen Jahres, als Joseph Blatter zum FIFA-Präsident wieder gewählt wurde, sind 40 FIFA-Funktionäre verhaftet worden. Auf Veruntreuung, Schmiergeld und Geldwäsche lauten die Anklagen gegen mittlerweile 140 FIFA-Funktionäre. Die Ermittler haben seither unter anderem auch den Fuß in der Tür am FIFA-Hauptquartier in Zürich.

"Wir müssen eine Botschaft an die Welt richten, eine Botschaft der Einheit", sagte FIFA-Interimspräsident Issa Hayatou in seiner Eröffnungsansprache. Der Kameruner schwor die Landesverbände auf die anstehenden Veränderungen ein. "Die FIFA beginnt ihre Reise mit dem Ziel, Vertrauen wieder herzustellen." Er appellierte ebenso für neue Reformen zu stimmen, die mehr Transparenz und vor allem neue Strukturen bringen soll und zu einer Neuaufstellung der FIFA führen soll.

Die Finanzmisere klingt existenzbedrohend, ist es aber nicht - noch nicht. Unter der Ägide von Ex-Präsident Sepp Blatter und seinem bereits als fix gehandelten Nachfolger Michel Platini, der als Präsident von Europas Fußballverband UEFA im Exekutivausschuss der FIFA saß, konnte der in der Schweiz ansässige Fußballverband massive Überschüsse erzielen. 1,5 Milliarden Dollar hat die FIFA auf der hohen Kante - trotz Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe, die in den vergangenen Jahren als Subventionen verpackt und für Entwicklungsprojekt als Schmiergeld überwiesen wurden.

Seit dem Jahr 2007 hat die FIFA sein Finanzpolster von 643 Millionen Euro auf zuletzt 1,5 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Dem in Zürich ansässigen Fußballverband brachte dabei die Rechtsform massive Steuervorteile. Als Verein nach Schweizer Recht ist das Milliardenunternehmen FIFA so gut wie steuerbefreit. Auch bei den Weltturnieren fordern die FIFA-Funktionäre von den Gastgeberländern bis zuletzt weitgehende Steuervorteile bis hin zu Steuerbefreiungen.

Reformpaket mit Mehrheit verabschiedet

Kettner appellierte daher an die über 200 FIFA-Delegierten für ein weitreichende Reformpaket zu stimmen. Nur durch die Annahme des Reformpaketes könne neues Vertrauen geschaffen werden, das für den Abschluss notwendiger neuer Sponsorenverträge essenziell sei. Die FIFA-Delegierten hatten am Freitagvormittag das umfangreiche Reformpaket mit 179 gegen 22 Gegenstimmen verabschiedet. Demnach sollen künftig die Kandidaten der oberen Führungsebene stärker durchleuchtet werden. Der Präsident soll künftig nur noch auf drei Wahlperioden zu je vier Jahre gewählt werden.

Auch die Mitglieder des neuen Councils sollen maximal drei Wahlperioden zu je vier Jahre - also auf zwölf Jahre - ins Kontrollgremium gewählt werden. Das Council soll das Exekutivkomitee ersetzen. Ein Auditkomitee soll die außerdem die Integrität der FIFA-Funktionäre stärker unter die Lupe nehmen.

Im vergangenen Jahr hatten mehrere Geldgeber die Zusammenarbeit mit der FIFA beendet erklärt oder damit gedroht, dass sie ihre Sponsoring-Aktivitäten bei der FIFA einstellen. Die großteils börsenotierten Unternehmen, die im eigenen Konzern strenge Compliance-Vorschriften haben, wollen nicht mehr länger bei den Schmiergeldskandalen der FIFA und seiner Mitglieder wegschauen.


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Blatter und Platini sind Geschichte. Sie wurden wegen Verstoß gegen die Ethik-Regeln im Dezember 2015 zunächst von der FIFA selbst für acht Jahre gesperrt. Vorige Woche wurde die Strafe auf sechs Jahre vermindert. Beide dürfen das FIFA-Gelände sowie die Sportstadien in den kommenden sechs Jahren nicht betreten, lautet das Urteil der FIFA-Ethikhüter.

Das Interesse der Schweizer Fahnder haben die beiden FIFA-Funktionäre geweckt. Die Schweizer Justiz ermittelt gegen Blatter, Platini und unter anderem auch gegen deutsche Fußballfunktionäre wie Franz Beckenbauer im Zusammenhang mit der Vergabe gleich mehrerer Fußball-Weltmeisterschaft wegen dubioser Geldzahlungen.

Vor allem die US-Justiz ermittelt wegen Geldwäsche und Korruption gegen verschiedene ehemaligen FIFA-Funktionäre. Jack Warner, einst Verbandschef von CONCACAF, dem Fußballverband Nord- und Zentralamerikanische und karibische Staaten, ist einer der Prominenten im Fadenkreuz der US-Ermittler. Er soll sich bereits bereit erklärt haben mit der US-Justiz zusammen zu arbeiten.

Die Neuwahl

Am Freitagnachmittag wird von den 207 Stimmberechtigen von insgesamt 209 anwesenden Fußballverbänden der neue FIFA-Präsident gewählt. Kuweit und Indonesien wurden wegen kürzlicher Verstöße gegen die FIFA-Statuten das Wahlrecht entzogen.

Favoriten sind galten Scheich Salman bin al Chalifa aus Bahrain und UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino aus der Schweiz. Zudem stehen der Jordanier Prinz Ali bin al-Hussein, Jerome Champagne aus Frankreich und der Südafrikaner Tokyo Sexwale zur Wahl.

Scheich Salman steht in der Kritik als Mitglied des Herrscherhauses in Bahrain unter anderem an der Verfolgung politischer Gegner einen wesentliche Rolle gespielt zu haben. Nach einer Reportage vom ZDF soll er Fußballspieler unter Druck gesetzt haben, die später auch inhaftiert wurden. Ein ehemalige Nationalspieler Bahreins, der auch inhaftiert wurde, lebt in der Zwischenzeit in Australien. Gegen Infantino spircht, dass er lange Jahre bereits als rechte Hand von Michel Platini in der UEFA von den Machenschaften gewusst haben könnte. Er ist somit Teil des "alten Systems", lautet die Kritik.

Prinz al-Hussein war im Vorjahr der einzige Gegenkandidat des wiedergewählten Josepf Blatter. Von den damals 209 Delegierten bekam Blatter 133 Stimmen, Prinz Ali bin Al-Hussein wurde von 73 Delegierten gewählt, drei Stimmen waren ungültig. Der jordanische Prinz hatte auf einen zweiten Wahlgang verzichtet.

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