Fußball: Topclubs wollen Superliga und gehen auf Konfrontationskurs

Superliga-Pläne: Die Gründerclubs einer neuen Liga haben bereits 3,5 Milliarden Euro in Aussicht. uropas Fußballverband UEFA droht Klubs, aber auch Spielern mit dem Ausschluss aus internationalen Turnieren.

Fußball: Topclubs wollen Superliga und gehen auf Konfrontationskurs

London/Madrid/Mailand. Im europäischen Klubfußball wird kein Stein auf dem anderen mehr bleiben: Die totale Kommerzialisierung und finanzielle Entfesselung, aber auch die Loslösung vom eigentlichen Sport und vor allem von seinen Fans, die ja auch zu den Erlösen beitragen und denen droht nun abgezockt zu werden, steht bevor.

Denn die Schwergewichte des europäischen Fußballs, dazu zählen zwölf Klubs aus England Spanien und Italien, machen mit Blick auf die eigene Schatulle nun ernst. Zwölf Top-Clubs wollen zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine europäische "Super League" gründen. Die Ankündigung kam in der Nacht auf Montag und damit genau an dem Tag, an dem die UEFA die Reform der Champions League beschloss. Von Europas Kontinentalverband kamen ebenso wie vom Weltverband FIFA Drohgebärden. Es droht der Gang vor Gerichte.

Liverpool, Manchester City, Manchester United, Arsenal, Chelsea und Tottenham aus England. Dazu Real Madrid, Atletico Madrid und der FC Barcelona aus Spanien sowie Inter Mailand, Juventus Turin und AC Milan aus Italien. Dieses Dutzend deklarierte sich als Teilnehmer der neuen Liga. Drei weitere Vereine sollen als Gründungsmitglieder noch dazustoßen.

Fünf weitere Clubs sollen über eine Qualifikation teilnehmen. Gespielt werden soll in zwei Zehner-Gruppen jeweils in der Wochenmitte, ehe es in eine K.o.-Phase geht. Die Liga solle "so bald wie möglich" starten, hieß es.

Dies neu gegründete Liga gilt klar als Gegenveranstaltung der UEFA-Champions League sowie der UEFA Euro League. Der Europäische Fußballverband UEFA hat seinerseits ebenso angekündigt, seine beiden Wettbewerbe zu reformieren. Und auch die bisherige UEFA Cahmpions League soll vergrößerte werden. Ein Detail: Die Champions League soll künftig statt der bisher 128 Spiele zusätzlich um 100 Matches aufgestockt werden. Freilich auch deswegen, um den Klubs und der UEFA mehr Geld in die Kassen zu spielen.

Die Macht der großen Zahlen, Ankündigungen und das Corona-Argument

Doch die zwölf Teams wollen mit der UEFA nicht mitziehen. Die Teams kündigten Gespräche wohl mit der UEFA und dem Weltfußballverband FIFA Gespräche an. Es soll abgeklärt werden, was das Beste für das "Ökosystem Fußball" sei. Vorsorglich wurden aber laut der Nachrichtenagentur AP bereits rechtliche Schritte eingeleitet, um die internationalen Verbände an einer Einmischung zu hindern. Dies wurde der UEFA und der FIFA demnach in einem Schreiben mitgeteilt. Diese hatten ihrerseits die Gründung der neuen Liga scharf kritisiert und angekündigt, alle Maßnahmen zu ergreifen, um den Wettbewerb zu verhindern.

"Wir werden dem Fußball auf jedem Level helfen und ihn zu seinem rechtmäßigen Platz in der Welt bringen. Fußball ist der einzige globale Sport auf der Welt mit mehr als vier Milliarden Fans und unsere Verantwortung als große Clubs ist es, auf deren Begehrlichkeiten zu reagieren", wurde Real-Boss Florentino Perez zitiert, der Vorsitzender der neuen Superliga sein soll. Einer seiner Stellvertreter ist Andrea Agnelli. Der Vorstandsvorsitzende von Juventus war bisher Vorsitzender der Club-Vereinigung ECA. Von diesem Posten trat er laut Medienberichten bereits zurück.

"Unsere zwölf Clubs stehen für Milliarden Fans auf der ganzen Welt und 99 europäische Titel. Wir haben uns in diesem kritischen Moment zusammengefunden, um den europäischen Wettbewerb zu verändern und das Spiel, das wir lieben, auf eine nachhaltige Basis für seine langfristige Zukunft zu stellen", meinte Agnelli in einem Statement. Atletico führte an, dass die Corona-Pandemie die Gründung der Liga aufgrund der Instabilität des aktuellen Modells im europäischen Fußball beschleunigt habe.

Das Fernsehen als die goldene Kuh

Den Gründungsvereinen der neuen Superliga sollen zunächst 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Der größte Teil der Einnahmen soll wohl wie üblich aus der Vermarktung der TV-Rechte kommen. Die Umsätze sollen deutlich über jenen liegen, die in der Champions League generiert werden. Alleine der Sieger soll kolportierte 400 Mio. Euro erhalten. Die Vereine wollen Solidaritätszahlungen leisten, ein ähnlicher Bewerb soll auch für Frauenteams entstehen. Auf den Börsen stiegen die Kurse der beteiligten Clubs. Der Aktienkurs von Juventus kletterte zunächst um über zwölf Prozent, jeder von Manchester United um elf.

Die Pläne einer Superliga waren am Sonntag durchgesickert und hatten für harsche Kritik gesorgt. Die UEFA und die nationalen Ligen reagierten mit einer scharfen Drohung. Die Vereine würden von allen weiteren Wettbewerben ausgeschlossen, ihre Spieler dürften nicht mehr für Nationalteams einlaufen, teilte die UEFA am Montag noch einmal mit. Dies hatten in der Vergangenheit bereits die FIFA und die weiteren Kontinentalverbände angekündigt.

Gedankt wurde den Clubs anderer Länder, insbesondere den französischen und deutschen. Bayern München, Borussia Dortmund oder Paris Saint-Germain schlossen sich der neuen Eliteliga nicht an. Die englische Premier League warnte ihre Aushängeschilder vor dem Beitritt. Auch der britische Premierminister Boris Johnson schaltete sich in die Diskussion ein und nannte die Pläne als "schädlich" für den Fußball. Ein Sprecher der Regierung gab an, dass man prüfe, mit welchen Mitteln man den neuen Bewerb verhindern könne.

Scharfe Kritik aus England und Österreich

Vor allem in England gab es teils wütende Reaktionen. Deutlich wurde Gary Neville. Er sei seit 40 Jahren Anhänger von Manchester United, merkte der Ex-Kapitän der "Red Devils" an. Die an dem Projekt beteiligten englischen Clubs würden ihre eigene Geschichte und ihre Fans verraten. "Das ist reine Geldgier. Das sind Hochstapler", sagte der TV-Experte auf Sky Sports. Er sprach von einem "kriminellen Akt gegen die Fans", den Clubs sollten die Punkte abgezogen und sie außerdem ans Tabellenende gereiht werden. "In welcher Welt leben diese Leute eigentlich, wenn sie denken, sie können dies zu diesem Zeitpunkt durchziehen?", sagte Neville unter Verweis auf die Corona-Pandemie.

Kaum weniger Kritik äußerte Österreichs ehemalige internationale Top-Star Andreas Herzog (früher u.a. Rapid Wien, Werder Bremen, FC Bayern), der die Geldgier einiger weniger Klubs via Twitter massiv kritisierte. Er befürchtet, dass vor allem die Klubs sowie deren Ligen in kleineren EU-Ländern unter die Räder kommen, etwa die Top-Klubs in Österreich und Schweiz. Aber vor allem auch, dass durch die Gier weniger Klubs und der totalen Kommerzialisierung auf die Fans vergessen wird, ohne die das ganze Fußballspektakel eigentlich auf Dauer nicht stattfinden kann.

Bei den zwölf Clubs selbst gibt es offenbar keine Bedenken. Die Besitzer hätten einen Gegenschlag einkalkuliert, zitierte der britische Sender Sky News ein ungenanntes Vorstandsmitglied von einem der englischen Vereine.

Das Wohl des Spiels sei für die Eigentümer zweitrangig. Im Geheimen seien sie über die Möglichkeit, dass ihre Spieler für Europa- und Weltmeisterschaft gesperrt werden könnten, sogar erfreut, so der Funktionär. "Sie mögen es nicht, ihr spielendes Vermögen für eine sehr geringe finanzielle Belohnung an Länder weiterzugeben."

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