10 Fragen und Antworten rund um CO2-Abgaben

Was können CO2-Abgaben oder Steuern bewirken? Wie hoch sollten sie sein? Ist es gerecht, dass die Verursacher auch die Folgekosten zahlen? Die Scientists for Future haben diese und andere zentrale Fragen zum Thema beantwortet.

10 Fragen und Antworten rund um CO2-Abgaben

Mit Demonstrationen, laut hinausgerufenen Forderungen und Klimastreiks hat die junge "Fridays for Future" Generation viel in Bewegung gesetzt. Das Wissen um den Klimawandel, die von ihm ausgehenden Bedrohungen und die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun, ist damit in die breite Bevölkerung gekommen.

Mit der Steuerreform 2022 wird es nun auch in Österreich zur Einführung von CO2-Abgaben kommen. Damit sollen die Unternehmen, aber auch private Haushalte, stufenweise die Folgekosten der von ihnen verursachten Treibhausgasemissionen übernehmen und zu Maßnahmen zur Reduzierung ihres ökologischen Fußabdrucks bewegt werden. Das Netzwerk der Scientists für Future hat in einem ausführlichen Statement Antworten auf zehn zentrale Fragen rund um die CO2-Bepreisung und ihre Auswirkungen für den schnelleren Übergang in eine klimafreundlichere Gesellschaft formuliert.

Nachfolgend finden Sie das Wichtigste daraus kompakt zusammengefasst. Das ausführliche Statement der Scientists for Future finden Sie hier zum Download.


1. Wieso reduziert ein CO2-Preis die CO2-Emissionen?

Die Herstellung klimafreundlicher Produkte und die entsprechende Anpassung der Produktionsprozesse wird dadurch wirtschaftlicher und wettbewerbsfähiger. Preissteigerungen bei klimaschädlichen Rohstoffen und Materialien bewirken zudem, dass sie sparsamer und weniger verwendet werden. Klimafreundliche Produkte werden in der Folge für Konsumenten günstiger. Es wird für Konsumenten einfacher, klimafreundlich zu handeln.

Mit einem CO2-Preis wird Klimaschutz meist dort umgesetzt, wo er am kostengünstigsten ist. Einen Wandel über einen Preis einzuleiten ist daher effizienter als etwa ein angeordneter Kohleausstieg oder Verbote von besonders klimaschädlichen Produkten.


2. Welche Erfahrungen haben Staaten bisher mit CO2-Preisen gemacht?

Weltweit gibt es bereits CO2-Preise in 45 Staaten und 28 CO2-Preise auf subnationaler Ebene – und zwar in so unterschiedlichen Regionen wie Chile, Kalifornien, Neuseeland, Norwegen, Südkorea und Südafrika. Insgesamt decken diese CO2-Preise jedoch bisher nur etwa 20 Prozent der globalen Emissionen ab. Zudem sind sie meist zu niedrig, um angemessen wirksam zu sein, und gleichzeitig werden fossile Energieträger vielerorts noch stark subventioniert. Dennoch haben unter anderem Großbritannien, Kalifornien und Schweden nach Einführung eines CO2-Preises beträchtliche Erfolge im Klimaschutz erzielt. Großbritannien hat etwa mit einem zusätzlichen Mindestpreis einen raschen Kohleausstieg bei der Stromherstellung herbeigeführt.

Für die energieintensive Industrie und die Stromerzeugung werden diese Reduktionen mit Hilfe des europäischen Emissionshandels (EU ETS) realisiert. Dabei entsteht ein CO2-Preis, weil Firmen, deren Anlagen CO2 ausstoßen, Zertifikate vorweisen müssen und diese Zertifikate handelbar sind. Mit welchen Mitteln die Ziele in den Wirtschaftssektoren, die nicht in den EU ETS fallen (Landwirtschaft, Verkehr und Gebäude) erreicht werden, ist aber jedem Land selbst überlassen.


3. Welche Möglichkeiten der Gestaltung eines CO2-Preises gibt es?

Die erste Möglichkeit ist ein Zertifikatehandel wie der existierende europäische Emissionshandel (EU ETS). Dabei entsteht ein CO2-Preis, weil Firmen, die Emissionen ausstoßen, Zertifikate vorweisen müssen und diese handelbar sind. Die Menge der CO2-Emissionen ist begrenzt, aber der Preis ist variabel. Die zweite Möglichkeit ist durch eine festgesetzte CO2-Steuer oder CO2-Abgabe.

Emissionshandel und Steuern bzw. Abgaben sorgen dafür, dass Emissionen gespart werden, wo es am günstigsten ist. Sie lenken aber entweder nur über die CO2-Menge oder den Preis, eine Mischform ermöglicht sowohl eine Steuerung der Emissionsmenge als auch des Preises.

Mit einer Ausweitung des Emissionshandelssystems auf Nicht-ETS Sektoren - vor allem Wärme und Verkehr - würden alle fossilen Aktivitäten in der EU gleich behandelt, alle Treibhausgas-Emissionen hätten somit den gleichen Preis. Allerdings ist iene EU-weite Lösung politsich schwer umsetzbar. Zumindsest vorübergehende nationale Mindestpreise in den nicht ETS-Sektoren könnten in der Zukunft an den EU ETS angeschlossen werden.


4. Wie hoch sollte der CO2-Preis sein?

Was eine überschwemmte Küste, ein zerstörter Wald oder eine ausgestorbene Tierart kostet, lässt sich nur sehr schwer in Euro ausdrücken – und wenn solche Schätzungen unternommen werden, ist damit immer eine ethische Bewertung verbunden. Dennoch bieten Angaben der gesellschaftlichen Kosten von CO2-Emissionen eine Orientierungshilfe für die Höhe einer CO2-Bepreisung.

Das deutsche Umweltbundesamt schätzt, dass eine in Deutschland ausgestoßene Tonne CO2 etwa 180 € an Schäden für Mensch und Umwelt verursacht; noch höhere Schätzungen beruhen auf neuen empirischen Einsichten zu wirtschaftlichen Produktivitätsverlusten bei hohen Temperaturen und einer erhöhten Variabilität. Während die genaue Höhe der Schäden durch eine Tonne CO2 mit vielen Unsicherheiten verbunden ist, können Ökonomen deutlich robuster abschätzen wie hoch CO2-Preise sein müssten, um den Temperaturanstieg deutlich unter 2°C zu halten und Anstrengungen zu unternehmen den Anstieg auf 1.5°C zu begrenzen, wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart.

Der Weltklimarat, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), hat einen Korrodor definiert, im dem sich die optimalen globalen CO2-Preise der Modellrechnungen bewegen. In einem Szenario wird die Treibhausgaskonzentration bis 2100 zwischen im bereich von 430 und 480 ppm CO2eq stabilisiert und somit die Erderwärmung „wahrscheinlich“ auf höchstens 2°C begrenzt. In diesem Szenario liegen mittleren 50% der Modellrechnungen

  • für 2020 die im Bereich von 40 bis 70 US-Dollar pro Tonne CO2 (USD/tCO2)
  • für 2030 bei ca. 70-140 USD/tCO2
  • für 2050 bei ca. 130-300 USD/tCO2 und
  • für 2100 bei 900-2600 USD/tCO2.

5. Warum ist es gerecht, dass ein CO2-Preis die Verursacher trifft?

Der CO2-Preis stützt sich auf das „Verursacherprinzip”: Wer einen Schaden verursacht hat, der muss auch dafür aufkommen. Im übertragenen Sinn ist er eine „Abfallgebühr“ für das Deponieren von Treibhausgasen in der „atmosphärischen Müllhalde“.

Mit einem CO2-Preis werden Unternehmen und Bürger proportional zu ihren CO2-Emissionen in die Verantwortung genommen. Ein umfassender CO2-Preis behandelt alle emissionsintensiven Aktivitäten gleich (z.B. Heizen, Autofahren, ...). Es bleibt den Emittenten überlassen, darauf zu reagieren: entweder das Verhalten ändern oder den CO2-Preis dafür zahlen.


6. Belastet ein CO2-Preis Haushalte mit niedrigen Einkommen?

Ein CO2-Preis führt zu Preiserhöhungen von emissionsintensiven Gütern und Dienstleistungen, wie z.B. dem Betrieb großer Autos oder alter Heizungen. Haushalte mit niedrigen Einkommen geben zwar dafür in Relation zu ihrem Einkommen mehr aus, absolut gesehen sind jedoch diese Ausgaben in Haushalten mit höheren Einkommen auch höher.

Um die Auswirkungen einer CO2-Bepreisung auf die Haushalte finanziell einzudämmen empfehlen die Scientists for Future die Ausschüttung von jährlichen „Klimaprämien”, bei der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung an alle Bürgerinnen und Bürger zurückfließen und Haushalte mit niedrigen Einkommen mehr zurückbekommen können als sie bezahlen - wie das auch in Österreich geplant ist.


7. Führt ein nationaler CO2-Preis zu einer Verschiebung der Emissionen in andere Länder?

Bei der Diskussion rund um die Einführung von CO2-Preisen wird oft argumentiert, dass es dadurch Verlagerung von energieintensiven Industrien in Länder mit weniger ambitionierten Klimazielen – und damit bloß zu einer Verlagerung von Emissionen statt einer tatsächlichen globalen Reduzierung – kommen wird.

Es gibt jedoch bisher keine Bestätigungen dafür, dass ein solches „Carbon Leakage“ stattgefunden hätte. Für Unternehmen machen die Kosten aus einer CO2-Bepreisung nur einen relativ geringen Teil der Gesamtkosten aus. Faktoren wie Investitionssicherheit, gut ausgebaute Infrastruktur oder das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften sind deutlich wichtiger sind.

Ausnahmen sind einzelne energieintensive und stark gehandelte Industrien, wie beispielsweise Stahl, Aluminium, Chemie oder Zement. Die in der EU bereits praktizierte freie Vergabe von Emissionsrechten für Firmen mit hohem Risiko von Carbon Leakage, sowie die Ergänzung des Emissionshandelssystem um konsumbasierte Komponenten und CO2-Zölle für einen eng definierten Kreis energieintensiver Industrien, die im Wettbewerb mit internationaler Konkurrenz stehen, sind Möglichkeiten, um eine solche Abwanderung zu begrenzen.


8. Schadet ein CO2-Preis der Wirtschaft?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht klar beantworten. Die Energiewirtschaft und besonders emissionsintensive Bereiche der Industrie sind bereits seit 2005 durch den EU ETS einem CO2-Preis (Handelspreis für Zertifikate) ausgesetzt. Mit einer CO2-Bepreisung fallen auch die Konsumenten und die bisher nicht berücksichtigten Unternehmen, besonders aus dem Gewerbe-, Handel- und Dienstleistungssektor darunter. Das Ausmaß der Betroffenheit schwankt stark zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen und je nach eingesetzter Technologie selbst zwischen einzelnen Unternehmen innerhalb derselben Branche. Studien zur CO2-Bepreisung in British Columbia (Kanada) geben Anlass für eine optimistische Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen.


9. Wie wird ein CO2-Preis für die Bürgerinnen und Bürger attraktiv?

Neue Steuern und Abgaben werden grundsätzlich skeptisch beurteilt. Wichtig ist, Vorbehalte auszuräumen, zumal sie die zum Teil auf Missverständnissen über die ökonomischen Eigenschaften einer CO2-Bepreisung beruhen. Sie werden dann mehr öffentliche Unterstützung erfahren, wenn ihre hohe Lenkungswirkung betont und Transparenz über die Verwendung von Einnahmen geschaffen wird.

Hilfreich ist es, klarzustellen, dass die „Verschmutzenden einen gerechten Preis“ bezahlen und dass die Einnahmen wirksam und fair verteilt werden. Möglichkeiten dafür sind die Rückerstattung in Form einer Klimaprämie. Alternativ können Mehreinnahmen lokal und sichtbar klimafreundlich investiert werden, etwa in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder in energiesparender Beleuchtung.


10. Warum ist ein CO2-Preis für eine gute Klimapolitik nicht ausreichend?

Die Aufgabe eines CO2-Preises ist es, CO2-Emissionen zu verteuern, da sie den Klimawandel hauptsächlich verursachen. Mit der Einführung eines solchen Preises werden nicht alle anderen umwelt- und klimapolitischen Instrumente überflüssig. Er sollte für eine beschleunigte und gelungene Dekarbonisierung durch weitere Maßnahmen begleitet werden. Vier wichtige Aspekte dabei sind:

  1. Verkehr: Der teurere motorisierte Individualverkehr lässt eine höhere Nachfrage nach öffentlichem Personenverkehr bzw. alternativen Transport- und Verkehrsmitteln erwarten.
  2. Die Förderung der Forschung und Entwicklung klimaschonender Technologien kann weiter sinnvoll sein, um Planungsunsicherheit über künftige CO2-Preise oder Defizite des Marktes bei der Bereitstellung von Wissen auszugleichen.
  3. CO2 ist zwar das wichtigste Treibhausgas, aber nicht das einzige. Beispielsweise wird bei landwirtschaftlicher Bodennutzung nicht nur CO2, sondern auch Lachgas (N2O) freigesetzt, und die Tierhaltung geht mit Methanemissionen einher. Treibhausgas-Emissionen, die nicht durch Verbrennung fossiler Energieträger entstehen, müssen zusätzlich reguliert werden.
  4. Werden oft zusammen mit CO2 weitere Schadstoffe wie z.B. Schwefeldioxid oder Feinstaub emittiert. Da solche Schadstoffe lokal unterschiedlich wirken, werden beispielsweise zusätzliche politische Eingriffe in den Stadtverkehr nicht unbedingt von einem CO2-Preis überflüssig gemacht. Umgekehrt gilt: Sind weitere politische Ziele nicht bereits erreicht, so kann es durch einen CO2-Preis Nebengewinne geben, etwa geringere Luftverschmutzung, gesündere Lebensweise und Energieunabhängigkeit

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