Firmenübernahmen: Das große Fressen geht weiter

Firmenübernahmen: Das große Fressen geht weiter

Die Übernahmen von Unternehmen boomen wie nie zuvor. 2018 gab es ein Gesamtvolumen rund fünf Billionen US-Dollar. Auch in Österreich ist der Hunger der Dealmaker noch nicht gestillt.


  • Neuer Rekord bei M&A
  • Die Trends am globalen M&A-Markt
  • Die Treiber
  • Die Stolpersteine

Der Tiroler Immobilientycoon René Benko ist wohl Österreichs Dealmaker Nummer eins: Er übernahm im Juni das Geschäft der strauchelnden Möbelkette kika/Leiner um einen symbolischen Euro sowie deren 68 Standorte um 490 Millionen Euro. Er sicherte sich dadurch wertvolle Immobilien und den Fortbestand von knapp 4.000 Arbeitsplätzen. Im September 2018 wurde dann die Fusion der Signa-Tochter Karstadt mit Kaufhof offiziell besiegelt. Ein neuer Warenhausriese entsteht. Und zuletzt hat der Mann des Jahres auch die Medienbranche als neue Spielwiese entdeckt: Er kaufte der deutschen Funke-Gruppe ihre 49-Prozent-Beteiligung an der "WAZ" ab. Nun hält er 24,5 Prozent an der "Krone" und 24,22 Prozent am "Kurier".

Übernahmen boomen. Das Jahr 2018 brachte - nicht nur in Österreich - einen neuen Rekord bei Mergers & Acquisitions (M&A). Der Nachrichtenagentur Thomson Reuters zufolge gab es im ersten Halbjahr 2018 Transaktionen mit einem Volumen von 2,8 Billionen US-Dollar. Für das Gesamtjahr könnte die Rekordmarke von fünf Billiarden US-Dollar überschritten werden, schätzt die "New York Times". Ein Wert, der noch nie erreicht wurde.

Der Boom geht weiter

Und so, wie es aussieht, könnte der Boom weitergehen. Ludwig Hartenau, M&A-Spezialist bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Wien: "Der Trend dürfte sich im Wesentlichen fortsetzen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Investoren haben hohe Liquiditätsreserven, die sie veranlagen müssen. Und sie werden von disruptiven Geschäftsmodellen neuer Mitbewerber angetrieben" .


Die Trends am globalen M&A-Markt

1. REKORDERGEBNIS. Mit einem Gesamtvolumen von fünf Billionen US-Dollar dürfte 2018 zum besten M&A-Jahr der Geschichte werden. US-und chinesische Unternehmen investieren in Europa.

2. DIGITALER WANDEL. Die rapide Entwicklung neuer digitaler Technologien ist ein wesentlicher Treiber für Übernahmen. Unternehmen müssen Innovationen zukaufen.

3. NIEDRIGE ZINSEN. Das Niedrigzinsumfeld begünstigt ebenfalls den Übernahmemarkt. Unternehmen verfügen über hohe Cash-Bestände. Mangels Zinsertrag werden damit Transaktionen finanziert.

4. EINFLUSSNAHME. Die Interventionen durch die Politik auf Übernahmen nehmen zu. Der Schutz nationaler Interessen oder Infrastruktureinrichtungen wächst.

5. NIEDRIGE BEWERTUNG. Die gesunkenen Börsenkurse sind ein weiterer Anreiz für Übernahmen.


Die meisten Transaktionen wurden heuer im Technologieindustrie- und Immobilienbereich getätigt. "Investoren picken sich gezielt einzelne Perlen als Übernahmeziele heraus und nehmen dafür auch viel Geld in die Hand", analysiert Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin des Bereichs Transaction Advisory Services bei EY Österreich.

Eine dieser Perlen ist der oberösterreichische Autoscheinwerferhersteller ZKW. Das Unternehmen ist führend bei der Xenon- und LED-Technologie. Im Jahr 2014 startete das in Wieselburg beheimatete Unternehmen weltweit die erste Produktion von Laserlichtscheinwerfern für den BMW i8. Im April dieses Jahres schlug dann der koreanische Elektronikkonzern LG zu. Um 1,1 Milliarden Euro übernahm er das Unternehmen mit 9.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro. Der Deal ist der größte in der Firmengeschichte von LG.

Und er wird Vorbildwirkung haben. Albert Hannak, Partner und M&A-Experte bei Deloitte Österreich: "Das Niedrigzinsumfeld und die Neuausrichtung von Geschäftsmodellen aufgrund des digitalen Wandels sind bislang die größten Treiber am Übernahmemarkt." Nach den weltweiten Kursrückgängen könnte auch noch ein weiterer Faktor die Übernahmelust anfeuern: Börsennotierte Unternehmen sind nun wieder deutlich billiger zu haben als noch vor wenigen Monaten.

Stolpersteine

Doch es geht nicht immer alles so glatt wie bei der Übernahme von ZKW. Politisches Störfeuer, Gegenwind aus der Öffentlichkeit, aber auch bewusstes Verschleiern von Problemen oder Unregelmäßigkeiten seitens des Verkäufers machen es gerade bei öffentlichen Übernahmen notwendig, dass sie von einem breiten Team aus Anwälten, Steuerberaten, M&A-Experten und auch PR- Strategen begleitet werden (siehe auch Kasten "Was bei Transaktionen zu beachten ist"). Freshfields-M&A-Experte Hartenau empfiehlt jedenfalls: "Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass politische Einflussnahmen auf Transaktionen immens zugenommen haben. Alle G7- Staaten haben ihre Investitionsregime verschärft. Deshalb muss man politische Risiken genau kalkulieren und entsprechende vorbeugende Maßnahmen setzen."

Ein Musterbeispiel für den Einfluss der Politik auf Transaktionen ist der erst nach zahlreichen Anläufen geglückte 75 Milliarden US-Dollar schwere Merger zwischen dem deutschen Industriegashersteller Linde AG und dem US-Konkurrenten Praxair. Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hat auf der einen Seite den Widerstand der deutschen Gewerkschaft und auf der anderen Seite jenen der US-Politik unterschätzt.

Die US-Kartellbehörde Federal Trade Commission (FTC) hat, angetrieben von US-Präsident Donald Trump, die Deutschen zu immer mehr Zugeständnissen genötigt. Letztendlich müssen beide Konzerne derart viele Tochterunternehmen an Konkurrenten abgeben, dass es fraglich ist, ob der Deal noch die angestrebten Synergien erbringen wird.

Auch der heimische Mineralölkonzern OMV musste mit politischen Widerständen bei geplanten Transaktionen leidvolle Erfahrung machen. Die OMV und der russische Energieriese Gazprom mussten heuer Pläne für das seit Jahren geplante Tauschgeschäft für einen 25-Prozent-Anteil am sibirischen Gasfeld Urengoi verwerfen. Gazprom hätte im Gegenzug einen Anteil an der norwegischen OMV-Tochter bekommen. Doch die Regierung Norwegens legte sich quer. Nun muss der Deal in bar abgewickelt werden. Bei der Übernahme eines 20-Prozent-Anteils an einem Offshore-Ölfeld in Abu Dhabi im April dieses Jahres lief politisch aber alles harmonisch ab.

Dass Unternehmenskäufe auch nach intensiver Prüfung ein heikles Unterfangen sein können, zeigt der Fall der geplatzten Übernahme des US-Unternehmens Akorn durch den deutschen Gesundheitskonzern Fresenius. Die Deutschen hatten anonyme Hinweise erhalten, wonach der Generika-Hersteller der US-Arzneimittelbehörde wissentlich gefälschte Testergebnisse zukommen habe lassen. Akorn pochte auf Einhaltung der Übernahmevereinbarung und klagte. Ein langwieriger Rechtsstreit war die Folge. Im Oktober 2018 gab das Gericht in Delaware den Deutschen Recht: Mit den Verstößen gegen die Datenintegrität seien die regulatorischen Vorgaben nicht mehr gegeben. Der 4,4 Milliarden Euro schwere Deal, der zweitgrößte Zukauf in der Firmengeschichte von Fresenius, war geplatzt.

Ende gut

Bei Übernahmen von privaten Unternehmen stehen aber meist ganz andere Faktoren im Fokus. Der Preis hat für den verkaufenden Unternehmer natürlich eine besondere Bedeutung - und es sind Emotionen im Spiel. Wein-&-Co-Gründer Heinz Kammerer hat schon jahrelang immer wieder Gespräche mit Interessenten über einen Verkauf seiner vor mehr als 25 Jahren gegründeten Weinhandelskette geführt - und die Pläne stets wieder verworfen. Stattdessen wurde viel Geld in Umbauten gesteckt. Heuer im Juli war es dann doch so weit. Die deutsche Weinhandelskette Hawesko übernahm Kammerers Lebenswerk.


Die Geschichte ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 14. Dezember 2018 entnommen.

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