Fairtrade-Boss: "Viele Bauern in Afrika sind pleite"

Fairtrade-Boss: "Viele Bauern in Afrika sind pleite"

Fairtrade-Geschäftsführer Hartwig Kirner fährt regelmäßig nach Afrika, um sich vor Ort von den Produktionsbedingungen der Bauern ein Bild zu machen.

Fairtrade vertreibt seit 25 Jahren Waren aus Entwicklungsländern, die aus fairem Handel stammen. Geschäftsführer Hartwig Kirner sprach mit trend.at, was sich seit der Gründung geändert hat.

Was hat seit den Anfängen von Fairtrade vor 25 Jahren geändert?
Kirner: Damals war fairer Handel noch ein Exotenthema. Auch das Interesse an Ökoprodukten ist erst später erwacht. Besonders in den letzten sechs, sieben Jahren ist das Interesse an einem fairen globalen Handel massiv gestiegen. Von 2011 bis heute ist der Umsatz um 200 Millionen Euro auf 304 Millionen Euro gestiegen.

Was hat den Bauern die Kooperation mit Fairtrade bisher gebracht?
Kirner: Sie stehen ökonomisch auf deutlich solideren Beinen als noch vor Jahren. Vielen ist es seither gelungen die Produktivität und die Qualität ihrer Produkte zu steigern. So nehmen Kaffeebohnen-Produzenten, mittlerweile sogar an Qualitätswettbewerben teil. So haben die Kaffeebauern, unser ersten und längsten Partner – sie sind auch jene mit dem größten Umsatzanteil - in den vergangenen 25 Jahren Direkteinnahmen von uns in Höhe von 130 Millionen Dollar ausbezahlt.

Wurden auch die Arbeitsbedingungen verbessert?
Kirner: In vielen Bereichen. Etwa bei den Rosenzüchtern. Und wir haben auch Projekte für existenzsichernde Löhne umgesetzt.

Wie werden die Bauern von ihnen entlohnt?
Kirner: Wir zahlen für jede Fairtrade-Gemeinschaft eine Prämie und einen Mindestpreis. Liegt der jeweilige Weltmarktpreis darüber wird dieser bezahlt. Es wird von uns nicht jeder Bauer einzeln entlohnt, sondern die jeweiligen Genossenschaften, die sich für die Kooperation mit uns entschließen. Anders würde es auch nicht gehen, da die meisten Mitglieder nur über eine sehr kleine Landwirtschaft verfügen. Sie erhalten bei der Lieferung der Waren einen Preis und am Ende des Jahres zusätzlich zum Verkaufspreis für jede Tonne, die sie zu Bedingungen verkaufen können, die zusätzliche Prämie. Bei Kaffee sind das beispielsweise 20 Dollar pro 45 Kilo.

Wozu dient eine solche Prämie?
Kirner: Sie soll die Bauern in ihrer Entwicklung fördern. Was sie mit dem Geld tun, können sie selbst entscheiden. Häufig wird es in die Erwachsenenbildung investiert, in Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitswesens oder zur Steigerung der Produktivität. Letzteres macht fast die Hälfte aller Investitionen aus. So verbessert sich die Chance der Kleinbauernfamilien, am Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Die Entscheidung was mit der Prämie passiert, fällen jeweils demokratisch gewählte Bauern. Auf unseren Plantagen wird die Prämie vor allem in die direkte Unterstützung der Arbeiter und deren Familien verwendet. Beispielsweise für Bücher und Uniformen für schulpflichtige Kinder, für Kredite und Darlehen für die Verbesserung der Wohnsituation oder als Zuzahlung für den monatlichen Lohn.


Die Gefahr, dass Kakao in den nächsten Jahren knapp wird, ist, trotz Investitionen, nicht gebannt.

Wo wird derzeit ihre Prämie besonders dringend benötigt?
Kirner: Gerade bei Kakao, eines unserer Produkte mit dem stärksten Wachstum, besteht hoher Investitionsbedarf. Vor allem Bauern in Westafrika, wie in Ghana, kämpfen mit schwachen Erträgen. Die Kakaobäume, sie wachsen nur sehr langsam, sind dort Großteils bereits alt und sind daher auch nicht mehr so ertragreich. Die Bauern in dieser Gegend produzieren nur halb so viel Kakao wie jene in Lateinamerika. Die Gefahr, dass Kakao in den nächsten Jahren knapp wird, ist, trotz Investitionen, nicht gebannt.


Viele Genossenschaften sind durch die gesunkenen Rohstoffpreise pleite gegangen.

In den vergangenen Jahren sind die Preise für Rohstoffe gefallen. Wie hart hat das Fairtrade-Bauern getroffen?
Kirner: Da wir einen Mindestpreis garantieren, haben diese die Situation relativ gut überstanden. In Ländern wie etwa in der Elfenbeinküste sind die Preise so stark gefallen, dass viele Genossenschaften im Land pleite gegangen sind. Oft waren unsere Bauern die einzigen, die überlebt haben. Auch dank der zusätzlich ausgeschütteten Prämien.

Wie wichtig sind genossenschaftlich organisierte Kooperativen für Ihr Unternehmen?
Kirner: Es ist das zentrale Element und Sprachorgan der Bauern. Bauern geben sich innerhalb der Genossenschaft auch gegenseitig Kredit. Genossenschaften haben vielfältige Funktionen, wie auch in Österreich. Wir haben 2011 eingeführt, dass Bauern verstärktes Mitspracherecht haben. So haben ihre Vertreter ein Stimmrecht von 50 Prozent.

Was wird von Fairtrade beispielsweise entschieden, wo Bauern mitreden können?
Kirner: Neue Standards für die Produktion oder wie Produkte weltweit vermarktet und vertrieben werden. Bei Schokolade beispielsweise haben wir, aufgrund von Wünschen einzelner europäischer Länder 2014 die Möglichkeit beschlossen, nur die Kakaobohne mit dem Fairtrade-Siegel zu zertifizieren, nicht aber andere Inhalte wie Zucker. So will man in Österreich, wo selbst Zucker hergestellt wird, verständlicherweise den Zucker für die Schokolade aus dem eigenen Land. Ansonsten stammen bei uns Waren, abgesehen von Schokolade, sämtliche Zutaten aus dem jeweiligen Erzeugerland. Die Entscheidung bei Kakao hat sich ausgezahlt. Die Nachfrage nach Kakaobohnen hat sich in nur knapp Jahren verzehnfacht. So haben sich neue Großabnehmer wie Casali oder Heidi seither dazu entschlossen unseren Kakao in ihren Produkten zu verwenden.


In so manchen Gegenden Afrikas habe ich noch gar keine landwirtschaftlichen Maschinen gesehen.

Wird in ihren Kooperativen in Afrika das meiste noch händisch bearbeitet oder steigt auch bei afrikanischen Bauern der Anteil an Maschinen?
Kirner: Der Anteil der Maschinen ist nach wie vor gering. Wenn es welche gibt, sind diese oft richtig alt. Also nicht 20 oder 30 Jahre, sondern bedeutend älter. In so manchen Gegenden Afrikas habe ich noch gar keine landwirtschaftlichen Maschinen gesehen. Die durchschnittliche Größe Land pro Betrieb ist mit einem bis zwei Hektar auch sehr klein.


Es gibt in Afrika nicht nur Elend und schlechte Bildung. Dort gibt es auch sehr gut ausgebildete Landwirte und viele, die einen Aufstieg erleben.

Das klingt nach anhaltendem Elend.
Kirner: Es gibt in Afrika nicht nur Elend und schlechte Bildung. Dort gibt es auch sehr gut ausgebildete Landwirte und viele, die einen Aufstieg erleben, wenn auch nur in bescheidenem Maße. In den bäuerlichen Kooperativen finden sie beispielsweise gut ausgebildete Agraringenieure. Insgesamt steigt das Bildungsniveau bei den Landwirten und der nächsten Generation. Und es ist wie bei uns früher: Die Eltern, deren Kinder eine gute Bildung erfahren, wünschen sich nicht, dass sie etwas anderes als Bauern werden, sondern sich verbessern. Das macht aber nichts, denn der Anteil der Bauern an der Bevölkerung beträgt in vielen diese Länder noch immer um die 80 Prozent.

In welchem Bereich ist das Wachstum, neben Kakao, noch besonders hoch?
Kirner: Bei Bananen. Obwohl wir es hier mit einem gesättigten Markt zu tun haben, lag das Wachstum im Vorjahr bei 13 Prozent. Vor allem Bio-Bananen verzeichnen hohe Steigerungsraten.


Das Problem, dass durch subventionierte Produkte aus der EU afrikanische Bauern ihrer Existenzgrundlage beraubt werden, ist zurückgegangen.

Die EU wird dafür kritisiert, durch Subventionen von EU-Agrarprodukten Billigwaren nach Afrika zu exportieren und so den Bauern vor Ort ihrer Existenzgrundlage zu berauben. Trifft das Problem ihrer Erfahrung nach zu?
Kirner: Das Problem ist deutlich zurückgegangen. Unsere Bauern sind davon gar nicht betroffen, denn bei EU-geförderten Waren, die nach Afrika gelangen, handelt es sich um Produkte wie Tomaten oder Hühner. Also europäische Waren, die für den Export bestimmt sind. Unsere Bauern liefern dagegen Produkte, die es in Europa ohnehin nicht gibt, wie beispielsweise Bananen, Kakao oder Tee.


Während der Umstellung auf Bioproduktion können sich Bauern nur schwer über Wasser halten

Bauern kriegen für Bio-Produkte zwar mehr Geld, müssen aber auch höhere Auflagen erfüllen. Zahlt sich die Umstellung für die Bauern auf Bioproduktion in Afrika aus?
Kirner: Der Wechsel auf Bioproduktion kostet den Bauern Geld. Denn aufgrund der mit Spritzmittel kontaminierten Böden und durch die Umstellung häufig verursachte anfängliche Ernteausfälle, müssen Bauern im Schnitt drei Jahre warten, bis ihre Produkte biozertifiziert werden können. Bis dahin verdienen sie weniger Geld. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, verwenden sie häufig die von uns bezahlte jährliche Prämie.


Rücklagen in Höhe von einer Million Euro sind für uns essentiell

Sie sind ein gemeinnütziger Verein organisiert. In Ihrer Bilanz stehen derzeit finanzielle Rücklagen in Höhe von einer Millionen Euro. Wozu nutzen Sie diese?
Kirner: Diese Rücklagen sind für uns essentiell. Das liegt daran, dass wir die Gebühren die uns die Partnerfirmen für unsere Tätigkeit zahlen immer erst am Ende des Quartals gemeldet und noch etwas später bezahlt bekommen. Wir müssen unsere laufenden Kosten aber natürlich vorfinanzieren. Nachdem in einem Verein die Vorstandsmitglieder persönlich haften, können wir von ehrenamtlichen Funktionären nicht verlangen, dass sie für einen Kredit bürgen. Daher benötigen wir ungefähr fünf Monate Liquiditätspolster, die wir glücklicherweise durch sparsame Gebarung über die letzten Jahre aufbauen konnten.


Viele Goldminen sind illegal. Kinderarbeit ist keine Seltenheit.

Sie bieten seit zwei Jahren auch fair gehandeltes Gold an. Wie schaffen Sie es in dieser menschen- und arbeitsrechtlich äußerst schwierigen Branche faire Arbeitsbedingungen zu schaffen?
Kirner: Der Goldabbau ist ein besonders hartes Geschäft und funktioniert anders als alle unsere Kooperationen mit den Bauern. Viele Minen sind illegal. Kinderarbeit ist keine Seltenheit. Um Gestein zu zermalmen und Gold herausfiltern zu können, wird mit schädlichem Quecksilber gearbeitet. Durch den Goldabbau werden alleine in den Amazonas 100.000 Tonnen Quecksilber pro Jahr in den Amazonas gekippt. 90 Prozent des Goldes wird in zehn Prozent der größten Hersteller geschürft. Wir konzentrieren uns aber nur auf einen überschaubaren kleingewerblichen Goldbergbau. Dort leisten wir Pionierarbeit. Wir haben ökologische Standards eingeführt und versuchen etwa besonders schädlichen Abbau einzudämmen. Durch Schutzkleidung und Aufklärung tragen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei.

Wie stark ist die Nachfrage nach Fairtrade-Gold?
Kirner: Der Anteil am Gesamtumsatz ist gering und wird es auch bleiben. Wachstumschancen sehen wir vielmehr etwa bei Kakao oder Bananen. Dort setzen wir auch unsere Bemühungen das Wachstum weiter anzukurbeln an.

Ihre Abnehmer sind einerseits Lebensmittelproduzenten wie die Süßwarenhersteller Casali und Niemetz, auf der anderen Seite sind es Restaurants- und Kaffeehaus, viele davon Kette. Wie läuft das Geschäft beim zweiten Bereich?
Kirner: Wir haben zuletzt, nach dem Betreiberwechsel beim ÖBB-Speisewagen, vom neuen Betreiber Donhauser, den Zuschlag für die Belieferung mit unserem Kaffee erhalten. Ein wichtiger neuer Kunde. Zu den großen Abnehmern zählen auch die Rosenberger Restaurants oder das Cafe George im Erste Campus am Wiener Hauptbahnhof, in dem rund 20.000 Mitarbeiter arbeiten. Insgesamt werden in 1.850 Cafés, Bäckereien, Restaurants und Kantinen Produkte von uns angeboten.

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