Fairphone: Das gute Gewissen der Smartphone-Industrie

Fairphone Gründer Bas van Abel mit dem Fairphone 3

Fairphone-Gründer Bas van Abel

Das niederländische Unternehmen Fairphone ist angetreten, die Smartphone-Industrie von innen heraus zum Besseren zu verändern. Im November kommt das neue Fairphone 3 in den Handel. Der trend traf anlässlich der Markteinführung Fairphone-Gründer, Designer und Ingenieur Bas van Abel zum Gespräch.

trend: Fairphone hat ursprünglich als eine Art Öko-Kampagne begonnen. Das Ziel war, ein nachhaltiges Smartphone zu bauen – ein langlebiges Gerät, dessen Rohstoffe unter fairen Bedingungen gewonnen werden und das unter fairen Bedingungen produziert wird. Sind Sie sechs Jahre und gut 100.000 verkaufte Geräte später zufrieden mit dem Erreichten?
Bas van Abel: Oh, aber ja! Wenn wir uns ansehen wo wir heute stehen und was wir zu Beginn der Kampagne erreichen wollten, dann haben wir unser Ziel bei weitem übererfüllt. Uns sind in den letzten Jahren einige tiefgreifende Innovationen gelungen. Beim Design der Geräte, in der Supply Chain, beim Abbau der Rohstoffe, in der Produktion und beim Recycling.

Wo waren für Fairphone als Quereinsteiger im Smartphone-Business die größten Hürden?
Es war eine ziemliche Herausforderung, eine Kontinuität in der Produktion zu erreichen und das Unternehmen profitabel zu machen. Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, das Unternehmen so aufzustellen, dass es stetiger und beständiger weiterwachsen kann. Das aber hängt direkt von der Zahl der produzierten Geräte ab. Das ist das Betrübliche an der Smartphone-Industrie: In China hört einem niemand zu, wenn man weniger als 100.000 Geräte im Jahr herstellt.

Das wollen Sie mit der nächsten Generation, die im November in den Handel kommt, erreichen?
Alles ist darauf ausgelegt. Das Fairphone 3 ist das Produkt, das den Durchbruch bringen soll. Mit dem Fairphone 1 ging es darum, überhaupt ein eigenes Smartphone zu bauen. Es war kein tolles Gerät, aber das war nicht das Entscheidende. Es war für die Leute gebaut, die mit ihrem Smartphone ein Statement setzen wollten.


Wir haben ein Smartphone gebaut wie es niemand zuvor getan hatte.

Das klingt sehr nach dem iPhone der ersten Generation.
Man muss als Unternehmen lernen. Es geht nicht nur um das Telefon, sondern um das ganze Ökosystem rundherum. Mit dem Fairphone 2 haben wir in das Produkt und das Design investiert und sind dabei große Risiken eingegangen. Wir haben mit einem Team von nur 40 Leuten ein Telefon designt, wie es noch niemand zuvor gemacht hatte. Das war ein Paradigmenwechsel, an den sich auch die Fabriken erst gewöhnen mussten. Wir mussten uns mit Qualitätsproblemen herumschlagen und wir waren finanziell nicht für das Wachstum aufgestellt. Das ganze Team hatte eine Menge zu lernen - wir waren ja immer noch ein Start-up und keine Big Corp. wie Apple.

Und die Schwachstellen wurden ausgeräumt?
Für das Fairphone 3 haben wir vergangenes Jahr ein wirklich gutes Fundraising gemacht. Wir sind daher in einer viel besseren Startposition. Wir können außerdem die Supply Chain besser finanzieren und Vorräte aufbauen, sodass es keine Versorgungslücken gibt. Das ist für die Handynetzbetreiber wirklich wichtig. Sie mögen es nicht, wenn man zwei Monate lang liefern kann und dann vielleicht auch wieder zwei Monate lang nicht. Und das Produkt selbst ist robuster. Beim Fairphone 2 konnte ich den Bildschirm mit nur einer Hand in ein paar Augenblicken ausbauen – auch auf einer Bühne während eines Vortrags.

Introducing the Fairphone 3, a phone for everyone who cares about how their products are made.

Das klingt nach einem Fehler.
Nicht wirklich. Es war so designt. Wir wollten, dass die Leute ihre Displays leicht austauschen können. Aber wir sind damit übers Ziel hinausgeschossen. Es war ein Show-off-Gerät. Es ist vielleicht cool, wenn man in einer Bar sitzt und sein Telefon zerlegen und wieder zusammenbauen kann, aber wer macht das schon? Beim Fairphone 3 muss man daher wieder elf Schrauben lösen, bevor man den Screen abnehmen kann. Das macht es kompakter und robuster und es ist lässt sich immer noch leicht reparieren. Es dauert eben nur ein bisschen länger.

Auf Ihrer Website heißt es „Fairphone ist auf einer Reise um die Elektronik-Industrie zu verändern“. Sie haben immer wieder erklärt, das System von innen verändern zu wollen. Wie weit sind Sie dabei gekommen?
Es ist uns gelungen, die Industrie zu inspirieren, Dinge anders anzugehen. Wir haben gezeigt, dass es einen Markt dafür gibt. Jetzt geht es darum, das Unternehmen auf gesunde Beine zu stellen. Nicht, dass wir nicht gesund wären. Aber wir haben wie alle Start-ups begonnen: Zu Beginn muss man Geld in das Unternehmen und in die Technologie stecken, man braucht Investoren. Aber an einem gewissen Punkt ist es wichtig, dass man aus den eigenen Umsätzen und Verkäufen weiter wachsen kann, und genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Es ist ein spannender Punkt, aber ich glaube, dass wir die richtigen Karten in der Hand haben, um das zu erreichen.


Wir geben mit unserem Produkt ein anderes Versprechen.

Klimawandel, die Friday-For-Future-Bewegung, das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit unter den Konsumenten – spielt das Ihnen und Ihren Zielen in die Hände?
Wenn man die Consumer-Trends ansieht, dann gibt es einen ganz klaren Trend in Richtung Nachhaltigkeit. Ich hoffe also, dass uns das in die Hände spielt, denn wir brauchen den Absatz. Die Leute müssen unser Produkt auch kaufen. Wir brauchen eine gewisse Größe, um von der Industrie ernst genommen zu werden. Nicht nur in Hinblick auf unsere Position, sondern auch was die Lieferkette und die Konditionen betrifft, unter denen Fabriken für uns arbeiten. Viele Dinge werden einfacher, wenn man größer wird. Wir müssen nicht die größten Player werden, aber wir müssen zeigen, dass es eine Nachfrage gibt. Und je größer die Nachfrage ist, desto mehr Gehör bekommt man auch. So funktioniert die Wirtschaft.

Die Wirtschaft funktioniert auch nach dem Muster, dass es immer etwas Neueres, noch Besseres gibt, dass das Alte ersetzt.
Da unterscheiden wir uns wirklich von anderen Smartphone-Herstellern. Wir geben mit unserem Produkt ein anderes Versprechen. Wir stehen für Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Ich glaube daher, dass wir es in der Hand haben, eine echte Marke im Elektronik-Geschäft zu werden und das Unternehmen skalieren können. Smartphones sind schließlich mittlerweile Gebrauchsgegenstände, wie Laptops. Sie schauen alle fast gleich aus und können auch fast das Gleiche - solange die Batterie hält. WhatsApp wird auch nicht mehr schneller, wenn man einen stärkeren Prozessor einbaut. Man verwendet die Geräte auch länger – wenn sie immer noch schöne Fotos machen.

Fairphone-Gründer Bas van Abel

Bas van Abel: "Die Leute sollen ihre Smartphones länger benutzen."

Im Vergleich mit den Giganten aus dem Smartphone-Business wie Samsung, Apple oder Huawei wird Fairphone aber wohl immer ein kleiner Player bleiben.
Das ist vermutlich richtig. Andererseits sind wie in einer Nische, die sich zu einem großen Markt entwickelt. Wenn wir im Jahr 200.000 bis 250.000 Geräte in Westeuropa verkaufen würden, dann hätten wir einen Marktanteil von ungefähr 0,15 Prozent und wären trotzdem schon ein hochprofitables Unternehmen. Derzeit verkaufen wir 40.000 bis 50.000 Geräte im Jahr und schreiben schon fast schwarze Zahlen. Man braucht nicht so rasend viel, um diesen Punkt zu erreichen. Man ist aber viel angreifbarer, wenn man nicht größer wird. Ganz einfach, weil der Markt so umkämpft ist.

Wie wichtig sind für Sie da Kooperationen mit Netzbetreibern?
Gute Partner sind für uns enorm wichtig, und besonders die Shops. Wir sind ja als Online-Unternehmen gestartet, aber die Leute wollen die Telefone sehen und angreifen, bevor sie sie kaufen. Magenta ist eines der Unternehmen, mit denen wir kooperieren und Österreich ist insgesamt ein sehr wichtiger Markt für uns. Gemessen an der Fairphone-Penetration haben wir hier eine der stärksten Communities. Vor kurzem sind wir auch in Frankreich mit Orange gestartet und dort jetzt in über 600 Shops. Das ist sehr wichtig für uns.


Es gibt niemand, der die Komplexität eines Smartphones voll versteht.

Nachhaltigkeit passt gut zum Thema Corporate Social Responsibility – wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, dass Unternehmen Fairphones als Firmenhandy anbieten?
Das ist ein wichtiger Punkt. Es gibt viele potenzielle Kunden – vor allem Unternehmen, die selbst für Nachhaltigkeit stehen. Mit dem Fairphone 2 waren wir für die aber noch nicht bereit. Die Produktion war zu instabil und wir waren insgesamt etwas überambitioniert. Das Fairphone 3 ist das Produkt, mit dem wir auch in Richtung der großen Unternehmen wachsen wollen. Abgesehen von unserem Versprechen ist das Fairphone aber auch wegen seines modularen Konzepts ein perfektes Business-Phone, denn wenn etwas kaputt wird, kann man es leicht selbst reparieren. Man muss es nicht außer Haus geben und daher auch keine Bedenken hinsichtlich der darauf vorhandenen Daten haben. Einer unserer bestehenden Business-Kunden ist die Stadt Amsterdam.

Es ist aber wohl nicht zu erwarten, dass Unternehmen ihre Samsungs, iPhones und was auch immer in großem Stil gegen Fairphones eintauschen.
Das sollen sie auch nicht – so lange die Geräte funktionieren. Ein Smartphone ist ein wunderbares Produkt. In ihm stecken über 60 Mineralien und mehr als 1.000 andere Materialien. Es gibt niemanden auf der Welt, der seine Komplexität voll versteht, niemanden der alleine eines bauen könnte. Erst das dynamische Zusammenspiel vieler Beteiligter über den Globus macht das möglich. Wir wollen erreichen, dass die Menschen ihre Geräte als etwas Wertvolles sehen und auch so behandeln – und nicht nur so lange, bis ein neues Modell in den Handel kommt. Die Leute sollen ihre Smartphones länger benutzen.

Je länger Smartphones verwendet werden, desto schwieriger ist es, neue zu verkaufen.
Das ist die wahre Herausforderung. Das Problem unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems ist, dass die Geschäftsmodelle direkt an den Benutzern hängen: Je mehr Smartphones man verkauft, desto mehr Profit macht man. Wenn man aber zum Beispiel Smartphones als Service anbietet, dann hätten die Anbieter auch mehr Interesse, dass die Leute ihre Geräte länger verwenden. Schließlich bedeutet dann jedes Gerät, das man neu ausgibt weitere Kosten. Man muss die Kunden anders sehen und überlegen, mit welchen Angeboten man Geld verdienen kann. Ich glaube, dass wir die Businessmodelle neu denken müssen. Das kann aber nur passieren, wenn man sich von der Ressource Benutzer löst.

Wie kann man die Leute dazu bringen, besser auf ihre Smartphones aufzupassen und sie länger zu verwenden?
Wir bemühen uns, mit dem Fairphone die Schwellen dafür so niedrig wie möglich zu halten. Man kann es nicht nur leicht reparieren, sondern auch selbst upgraden, die Batterie austauschen oder eine bessere Kamera einbauen. Die internationale Zusammenarbeit, das Zusammenspiel vieler Beteiligter, ermöglicht es uns, ein Smartphone herzustellen. Das Problem ist nur, dass die Dinge so komplex geworden sind. Man hat als Benutzer keinen Bezug zu den Leuten, die es in der Fabrik zusammenbauen oder die dafür die Rohstoffe aus dem Bergwerk holen. Das ist aber auch die Magie unseres Wirtschaftssystems: Wenn wir zusammenarbeiten können wir Dinge erreichen, die kein Einzelner wirklich versteht.


Zur Person

Bas van Abel wurde 1977 in Nimwegen, Niederlande geboren. Er studierte Interaktionsdesign, Elektroingenieur und Programmierer und arbeitete von 2010 an im Rahmen der Amsterdamer Organisation Waag an Projekten rund um Nachhaltigkeit, Fairer Handel, Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik.

Aus Waag ging Fairphone als Projekt-Unternehmen zum Design und zur Produktion eines nachhaltigen Smartphones hervor. Im November 2019 kommt die dritte Fairphone-Generation, das Fairphone 3, in den Handel. In Österreich wird es unter anderem von Magenta angeboten.

Brigitte Ederer soll Übernahme von Osram überwachen

Wirtschaft

Brigitte Ederer soll Übernahme von Osram überwachen

Wirtschaft

Neues Online-Verzeichnis zeigt Stromtankstellen für E-Autos

OECD: Unternehmergeist an vielen Hochschulen nicht angekommen

Wirtschaft

OECD: Unternehmergeist an vielen Hochschulen nicht angekommen

Casinos Austria: Durchsuchungen wegen Sidlo-Bestellung

Wirtschaft

Casinos Austria: Durchsuchungen wegen Sidlo-Bestellung