Interview mit FACC CEO Machtlinger: Aus der Krise in den Steigflug

Robert Machtlinger, CEO FACC

Robert Machtlinger ist seit 1989 bei der FACC, im Jänner 2017 wurde er zum CEO des Unternehmens bestellt.

Vor zwei Jahren wurde der Flugzeugzulieferer FACC spektakuläres Opfer einer Cybercrime-Attacke. Heute hat das Unternehmen volle Auftragsbücher, baut neue Geschäftsfelder auf und sucht Mitarbeiter. CEO Robert Machtlinger im trend-Gespräch über den erfolgreichen Turnaround.

trend: Vor wenigen Stunden ist Ihr Flug aus Peking gelandet. Sitzen Sie mit einem prüfenden Blick in der Kabine oder haben Sie auch den normalen Passagiermodus?
Robert Machtlinger: Beim Hinflug habe ich schon ganz genau hingeschaut, weil ich das erste Mal in einer A350 geflogen bin. Da vergleicht man schon, was kommt von uns, was von der Konkurrenz. Bei älteren Modellen mache ich das nicht mehr so intensiv, da bereite ich mich auf die Termine vor oder schlafe.

trend: Genau zwei Jahre ist der große Betrugsfall her, nun hat FACC erstmals den Börsenwert von einer Milliarde erreicht. Aus der Krise eine Chance gemacht?
Machtlinger: Es ist tatsächlich genau am 19. Jänner passiert. Diese Art von Betrug ist ja ein großes Industriethema, es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über dieses Thema berichtet wird.

trend: Was haben Sie danach an den Prozessen verändert?
Machtlinger: Die Prozesse wurden alle, auch mit externer Beratung, auf Herz und Nieren geprüft. Wir haben extrem sensibilisiert, die Organisation angepasst und die Themen Social Engineering und Security intensiv betrieben. Das Wichtigste unmittelbar danach war, schnell Vertrauen und Rückhalt bei Kunden, Banken und Mitarbeitern zu gewinnen.


Wir sind sicher, dass das Geld retour kommt.

trend: Was ist juristisch beziehungsweise finanziell noch offen von diesem GAU?
Machtlinger: Wirtschaftlich ist er abgeschlossen, den Schaden haben wir bilanziell bereits 2016 verarbeitet. 10,8 Millionen Euro sind nach wie vor eingefroren auf Konten, vor allem in China, und da arbeiten wir intensiv mit den Behörden an der Rückholung. Wir sind aber sicher, dass das Geld retour kommt. Bei den 42 Millionen diskutieren wir noch über die Schadensdeckung, auch mit den verschiedenen Anwälten und der Versicherung.

trend: Firmengründer Walter Stephan musste gehen und hat seine Entlassung eingeklagt. Haben Sie sich mittlerweile geeinigt?
Machtlinger: Es handelt sich um ein laufendes Verfahren.

trend: Ihre Auftragsbücher sind auf sechs Jahre hinaus voll. Jetzt investieren Sie rund 100 Millionen Euro. Das Vertrauen haben Sie schnell wieder hergestellt?
Machtlinger: Den Boden für unser aktuelles Wachstum haben wir schon länger aufbereitet. Jetzt kommen die Ergebnisse unserer Investitionen, besonders durch die Hochläufe neuer Flugzeugprojekte, allen voran dem Serienstart der A350. Und wir haben ja nie aufgehört, uns technologisch weiterzuentwickeln. Das brachte uns 2017 auch Neuaufträge im Wert von 650 Millionen Euro, davon fast eine halbe Milliarde für Interior (Anm. Innenverkleidung) für Airbus. Damit wollen die Airlines ihr Kofferproblem lösen, eine Kabine, in der mehr Gepäck Platz hat und in der sich die Passagiere noch wohler fühlen. Und mit ein paar Aufträgen haben wir den Sprung ins nächste Komplexitätslevel geschafft. Der Bombardier-Auftrag etwa ist Primärstruktur. Wir bauen also erstmals Flugzeugteile, die kritisch sind für den Flugbetrieb. Das ist ein Aufstieg in eine höhere Liga.

Robert Machtlinger, CEO FACC

FACC-CEO Machtlinger: "Ein Aufstieg in eine höhere Liga."

trend: Binnen 20 Jahren wird die sich weltweite Flotte an Verkehrsflugzeugen verdoppeln. Über 40.000 Flugzeuge werden neu gebaut. Das Aufkommen wird höher, der CO2-Abdruck muss aber wohl kleiner werden.
Machtlinger: Natürlich wird die Industrie stark an ihrer CO2-Bilanz gemessen. Wenn man sich eine A350 oder eine Boeing 737 anschaut, sind die heute um 25 Prozent effizienter als die Vorgänger. Wie? Zur Hälfte aus den viel besseren Triebwerken und der Rest durch hohen Composite-Anteil. Beide Flugzeuge haben heute einen Leichtbauanteil von 50 Prozent. Der lag bei der Vorgängergeneration bei 20 bis 25 Prozent. Und da kommen wir ins Spiel, weil man über leichtere Komponenten und neue Technologien das Flugzeug leichter und aerodynamischer macht. Allein die Winglets auf der 737 haben bislang 30 Milliarden Liter Treibstoff gespart.


Wir brauchen in den nächsten drei Jahren 500 bis 700 neue Mitarbeiter.

trend: Die Marktprognosen stehen auf Wachstum, bis zum Jahr 2020 wollen Sie die Milliarde Umsatz knacken. Wie erreichen Sie diese Vision?
Machtlinger: Das schöne an der Luftfahrtbranche ist: Wir können langfristig planen. Diese 40.000 Flugzeuge braucht der Markt - da sind sich die Analysten einig. Das erlaubt uns, dieses Investitionsprogramm von 70 bis 100 Millionen Euro zu starten. Es geht es um neue Technologien, Kapazitätsaufstockungen, Industrie 4.0, aber auch um 500 bis 700 neue Mitarbeiter, die wir in den nächsten drei Jahren brauchen. Daraus entsteht organisches Wachstum von 150 bis 200 Millionen Euro und geschieht durch das Anziehen der Fertigungsraten bestehender Programme, die wir langfristig unter Vertrag haben. Der Rest kommt durch neue Aufträge wie die 650 Millionen Euro, die wir im letzten Jahr unterschrieben haben.

trend: FACC beliefert auch die chinesisch-russische Allianz, die Airbus und Boeing Konkurrenz machen wird. Wann hebt die C929 ab?
Machtlinger: Die Chinesen haben eine klare Strategie, die 15 bis 20 Jahre in die Zukunft geht. Meiner Meinung nach machen sie genau das, was Airbus in den 70er-Jahren machte. Sie haben einen regionalen Markt und bauen einen Flugzeugtyp genau dafür. Die Frage ist nicht, ob es passiert, sondern nur, wie schnell. Braucht es zehn Jahre oder 15? China entwickelt ein Flugzeug nach dem anderen und hat mit 1,3 Milliarden Menschen, die irgendwann alle reisen wollen, einen immensen Heimmarkt. Ein gutes Beispiel ist die ARJ 2. Jede Airline in China muss 25 Flugzeuge dieses Typs kaufen. Erst wenn sie die 25 haben, dürfen sie Airbus oder Boeing kaufen.

trend: Neben neuen Flugzeugen bauen Sie den Reparaturbereich aus. Wie viel soll das Geschäft künftig einbringen?
Machtlinger: Jeder Flieger braucht Service und Wartung. Bei neuen Fliegern wie einer A350 oder Boeing 787 sind die Wartungskosten noch sehr gering. Mit zunehmendem Einsatz nimmt der Bedarf zu, der Markt liegt im zweistelligen Milliarden-Dollar- Bereich. Nachdem diese Flugzeuge vermehrt aus Composite-Material bestehen, können wir unser Know-how zukünftig auch im Wartungsgeschäft einsetzen. Stichwort: Composite ersetzt Metall. Dazu haben wir die Standorte in den USA und Kanada ausgebaut, denn das Service ist ein regionaler Markt. Ein Flieger muss im Wartungsfall ja in wenigen Tagen wieder in der Luft sein. Wir rechnen mit signifikanten Umsatzzuwächsen in den nächsten drei bis fünf Jahren, die zwischen 50 und 100 Millionen Euro ausmachen.


Das Innviertel ist die am stärksten wachsende Region in Österreich. Wir haben fast Vollbeschäftigung.

trend: Aktuell suchen Sie allein über die Website Dutzende neue Leute: 500 bis 700 in drei Jahren. Eine spannende Herausforderung für den neuen Personalchef. Fachkräftemangel ist sicher auch ein Thema.
Machtlinger: Gerade haben wir um die 100 Stellen ausgeschrieben: Zum einen gehen wir in Richtung globaler Technologiekonzern mit Standorten auf allen Kontinenten. Da brauchen wir internationale Ausrichtung. Unser neuer Personalchef Georg Horacek kommt von der OMV und bringt dafür beste Voraussetzungen mit. Im hochqualifizierten technischen Bereich kriegen wir die Ressourcen in Österreich gar nicht in der Menge wie benötigt. Wir beschäftigen aus diesem Grund Spezialisten aus 38 Nationen. Im Fertigungsumfeld ist es natürlich sehr regional, und da erweitern wir unseren Radius nach Westen. In den letzten Jahren haben wir über 700 Mitarbeiter aus Bayern nach Österreich reingebracht, die uns in den Werken 2,3 und 4 stark unterstützen. Das Innviertel ist die am stärksten wachsende Region in Österreich. Firmen wie FACC, Bernecker+Rainer, KTM, AMAG und andere haben in unserer Region 30.000 Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben ja fast Vollbeschäftigung und überlegen, mit Pendlerbussen und neuen Verkehrsanbindungen unseren Radius zu erweitern.

trend: Sie kennen vielleicht Kununu: Meist wird FACC als Arbeitgeber gelobt, dürftige Bezahlung angesichts der anspruchsvollen Tätigkeit wird öfter genannt. Zahlen Sie in der Fertigung zu wenig? Stimmt es, dass da noch immer der Holz-KV zum Einsatz kommt?
Machtlinger: Klar kenne ich Kununu. Da schau ich einmal die Woche rein. Das mit dem Holz-KV stimmt, hat aber mit unserer Geschichte zu tun. Als wir damals aus der Fischer (Anm. Schiproduktion) raus sind, haben wir uns an dem KV orientiert. Die tatsächliche Bezahlung sieht heute aber ganz anders aus. Im technischen Bereich sind die Einstiegsgehälter am Metaller- KV orientiert, und einen hochqualifizierten Statik-Ingenieur aus dem Ausland bekomme ich ohne entsprechende Entlohnung gar nicht.

Robert Machtlinger, CEO FACC

FACC-CEO Machtlinger: "Wir arbeiten intensiv an der Mobilität der Zukunft."

trend: Wie gehen Sie mit dem Hype-Thema Start-ups um? Mobilität in der Luft ist elektrisiert viele. Gibt es von FACC vielleicht einmal ein Flugtaxi?
Machtlinger: Genau daran arbeiten wir und wollen unsere Zusammenarbeit mit Start-ups noch weiter ausbauen. Auch der Elektroantrieb spielt hier eine große Rolle. Lufttaxis werden elektrisch betrieben und haben damit derzeit genug Reichweite für die Kurzstrecke von zehn bis 15 Minuten. Dann kann man sie wieder aufladen und für den nächsten Einsatz bereit sein. Wir arbeiten intensiv an der Mobilität der Zukunft. Die Nutzung des Luftraums für den Nah- und Individualverkehr wird sicher ein Thema werden. Vor allem in den großen Städten, London, Paris oder in Asien, wird das viel verändern. In zehn bis 15 Jahren ist das sicher spruchreif. Wir haben eine interne Forschungsabteilung und schauen, dass wir viele junge kreative Talente in diesem Team haben: Hier brauchen wir Querdenker und Innovatoren.

trend: Was kann in einem Geschäft mit derart langfristigen Investitions- und Planungszyklen eigentlich überraschen?
Machtlinger: Grundsätzlich wenig, wenngleich natürlich globale Entwicklungen auch auf uns zutreffen. Überraschend finde ich derzeit nur die Dynamik an sich. Gerade konsolidiert sich die Lieferantenkette zu Riesenkonzernen, die fast so groß sind wie unsere Kunden. Eine UTC (Anm. US-Zulieferer, 2017 mit Rockwell fusioniert) ist mit 65 Milliarden Dollar bald so groß wie eine Boeing mit 93 Milliarden Umsatz. So sieht heute unsere Konkurrenz aus. Wir können uns also nur über Innovation und Geschwindigkeit behaupten. Wir kriegen eine Idee schneller umgesetzt. Und das zweite Moment: Die Wachstumsmärkte haben sich verlagert, von den USA, Kanada und Europa hin nach China und Indien. Wir sind unter den Top zehn bis 15 Tier-1-Lieferanten nicht der Größte, wir haben in diesen Ländern aber ein besseres Netzwerk als mancher ganz Großer.


Das Interview mit FACC-CEO Robert Machtlinger ist der trend-Ausgabe 5/2018 vom 2. Februar 2018 entnommen.

Brigitte Ederer

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