EZB mischt mit Käufen von Firmen-Anleihen Markt kräftig auf

EZB-Boss Draghi ist sich bewußt, dass die niedrigen Zinsen ein Nährboden für Ungleichgewichte ist.

EZB-Boss Draghi ist sich bewußt, dass die niedrigen Zinsen ein Nährboden für Ungleichgewichte ist.

Die Konzerne bereiten sich bereits auf die Anleihenkäufe der EZB vor, schon jetzt steigt der Umfang der Emissionen. Experten sehen einige negative Nebenwirkungen, Banken fürchten um ihr Geschäft in der Firmenfinanzierung.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird mit dem geplanten Kauf von Firmenanleihen den Markt kräftig durcheinanderwirbeln. Unternehmen bringen sich bereits in Stellung, um bei der Emission neuer Papiere vom Auftritt der EZB zu profitieren. Investoren müssen sich aber auch auf Nebenwirkungen einstellen. "Es besteht das Risiko, das Privatinvestoren aus dem Markt gedrängt werden", befürchtet etwa Anleihen-Spezialist Michael Lesnik vom Frankfurter Bankhaus Metzler. Manche Geldhäuser treibt die Sorge um, dass sie bei der Finanzierung von Unternehmen künftig zu kurz kommen könnten.

Obwohl die Währungshüter erst im Juni mit den Käufen starten, sind am Markt schon jetzt Auswirkungen spürbar. So wurden nach Informationen der Thomson-Reuters-Tochter IFR seit der EZB-Ankündigung im März Firmen-Schuldtitel mit guter Bonität im Umfang von mehr als 60 Milliarden Euro begeben. Das liegt deutlich über dem Volumen, das seit Jahresstart bis dahin platziert wurde.

Und die Zentralbank wird ein dominanter Akteur sein: Bis zu 70 Prozent einer Unternehmensanleihe will sie aufkaufen. In Betracht kommen dabei Papiere mit Laufzeiten zwischen sechs Monaten und 30 Jahren, die eine Bonitätsnote haben, die mindestens dem "BBB-" der US-Agentur Standard & Poor's entspricht. Das sind Titel mit nur geringem Ausfallrisiko. Dabei sollen Anleihen sowohl auf dem Markt als auch direkt bei der Emission neuer Titel erworben werden. Bonds von Banken sind allerdings ausgeschlossen.

"Die Nachfrage ist extrem groß"

"Der Run auf Unternehmensanleihen ist schon voll im Gange. Die Nachfrage ist extrem groß", sagt Moritz Westerheide, Analyst bei der Bremer Landesbank. Auf der anderen Seite verstärke das EZB-Programm bei den Unternehmen den Trend zur Refinanzierung über den Kapitalmarkt statt über Kredite. Der Markteintritt der Notenbank hat den Experten zufolge aber auch negative Folgen. "Die Papiere, die die EZB aufkauft, werden bis zur Fälligkeit gehalten und kommen nicht mehr auf den Markt", schätzt Metzler-Spezialist Lesnik. "Die Liquidität wird stark reduziert und das ist die Kehrseite des Programms." Das dürfte vor allem institutionelle Anleger treffen. Denn diese sind darauf angewiesen, dass im Markt ein Mindestmaß an Handelsvolumen besteht - sie also Papiere bei Bedarf wieder loswerden.

Laut IFR liegen die Schätzungen weit auseinander, wie groß der Markt für in Frage kommende Schuldtitel ist, die die EZB-Kriterien erfüllen. Einer Umfrage zufolge reicht die Bandbreite von 444 bis 800 Milliarden Euro. Das Bankhaus Metzler taxiert das Volumen auf etwa 700 bis 800 Milliarden Euro. Die Experten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass die Währungshüter monatlich Firmenanleihen im Umfang von rund fünf Milliarden Euro erwerben werden.

Unternehmen bringen sich in Stellung

Der Auftritt der EZB beeinflusst bereits Finanzplanungen von Unternehmen. Der weltgrößte Autozulieferer Bosch, der laut Finanzchef Stefan Asenkerschbaumer größere Emissionen in diesem Jahr anschieben will, hat das EZB-Programm genau im Blick. "Es ist für uns durchaus eine Möglichkeit. Insofern werden wir mit Sicherheit die Möglichkeiten eines EZB-Unternehmensanleihekaufs mit in Betracht ziehen."

Die Deutsche Telekom erklärte auf Anfrage, sie habe die positive Markt-Stimmung unmittelbar nach der EZB-Ankündigung bereits genutzt. Ihre im März 2016 zunächst in einem Volumen von rund 2,5 Milliarden Euro geplante Anleihe sei auf 4,5 Milliarden aufgestockt worden.

Anders fällt die Einschätzung bei manchen Banken aus. So wächst bei den Landesbanken die Sorge, dass die EZB mit ihrem Programm den Geldhäusern Geschäft wegschnappen könnte. "Mit dem Kauf von 'Corporate Bonds' nimmt man den Landesbanken noch mal ein neues Geschäftsfeld, nämlich die Finanzierung von großen Unternehmen", befürchtet Helaba-Chef Herbert Hans Grüntker. Seine Prognose: "Ich glaube, alle Unternehmen werden demnächst Anleihen emittieren - und wissen genau, wer sie aufkauft."

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