EZB senkt Leitzins auf Null - Geldflut wird forciert

EZB senkt Leitzins auf Null - Geldflut wird forciert

EZB-Präsident Mario Draghi öffnet die Geldschleusen noch etwas weiter.

Die seit einem Jahr eingeschlagene Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat noch nicht die Erfolge für die Belebung der Konjunktur gebracht. Die EZB wird mit dem Anleiheprogramm noch mehr Geld auf den Markt bringen als bisher. Gleichzeitig wird der Leitzins auf 0 Prozent gesenkt. Für Banken wird's nun teuer: Die Strafzinsen für Bankeinlagen wurden erhöht. Die Börsen reagieren prompt und ziehen an.

Frankfurt. Die Ratsmitglieder der Europäischen Zentralbank (EZB) haben gleich drei wichtige Entscheidungen am Donnerstagmittag in Frankfurt beschlossen. Die Geldpolitik, die vor gut einem Jahr beschlossen wurde wird, einmal mehr gelockert. Banken werden aber künftig mehr Strafzinsen zahlen, wenn sie ihre Gelder bei der Zentralbank horten.

Die drei Änderungen im Überblick:

Erstens: Die EZB weitet ihr milliardenschweres Kaufprogramm für Staatsanleihen und andere Wertpapiere aus und legt kräftig nach: Statt 60 Mrd. Euro werde die Notenbank ab April 80 Mrd. Euro in den Markt pumpen. Erst im Dezember hatte die Notenbank den Kauf von Wertpapieren um ein halbes Jahr bis mindestens Ende März 2017 verlängert. Mit dem seit März 2015 laufenden Kaufprogramm wollen die Währungshüter Konjunktur und Preisauftrieb anschieben.

Zweitens: Der Leitzins im Euroraum sinkt erstmals auf 0 Prozent. Der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank leihen, liegt seit September 2014 bei 0,05 Prozent.

Und drittens: Der Strafzins für Bankeinlagen wird von 0,3 auf 0,4 Prozent. Die Geldhaltung der Banken bei der Zentralbank soll damit verteuert werden. Die EZB will Banken mit dem Negativzins zwingen nicht das Geld zu horten, die Einlagen zu erhöhen und selbst mit den Geldern zu spekulieren. Vielmehr will der EZB-Zentralbankrat die Banken zwingen mehr Kredite zu vergeben, damit die Konjunktur anspringt. Das bisher billige Zentralbankgeld kam bisher nicht bei den Konsumenten und Unternehmen an, wie es sich die Währungshüter seit März 2015 gewünscht haben. Die Konjunktur im Euroraum hat sich daher seit Jahresfrist nicht so entwickelt, die Inflation ist noch immer im Keller.

Jubel an den Börsen

Die europäischen Aktienmärkte haben die Lockerung der Geldpolitik im Euroraum prompt mit Begeisterung aufgenommen. Die wichtigsten Aktienindizes haben ihre Gewinne am Donnerstagnachmittag nach der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich ausgebaut.


Sind nicht im Währungskrieg

Der 50 wichtige Unternehmen der Eurozone umfassende Euro-Stoxx-50 lag gegen 14.05 Uhr 3,14 Prozent im Plus. Vor der Entscheidung hatte er um etwa ein Prozent höher tendiert. Der heimische Leitindex ATX legte 1,40 Prozent zu, nachdem er zuvor noch im Minus notiert hatte. Der DAX in Frankfurt stieg zuletzt um 2,31 Prozent. Im Verlauf des Nachmittags haben sich die Gewinne bei knapp einem Prozent eingependelt.

Der große Rückhalt

EZB-Präsident Mario Draghi hat bei der Entscheidung zum weiteren Öffnen der Geldschleusen nach eigenen Worten großen Rückhalt im Führungsgremium der Zentralbank. Der Beschluss sei mit einer "überwältigenden Mehrheit" getroffen worden, sagte Draghi. Die Diskussion sei "positiv und konstruktiv" gewesen. Draghi verteidigte sich auch gegen Kritik aus den USA, wonach er einen Währungskrieg schüre.

"Wir sind überhaupt nicht in diesem Krieg", sagte er am Donnerstag in Frankfurt. Es gebe kein Rennen um den niedrigsten Zins weltweit. Zugleich betonte er, die Europäische Zentralbank (EZB) habe ihr Pulver noch nicht verschossen.

Die deutschen Banken hatten Draghi vor unerwünschten Nebenwirkungen einer immer lockereren Geldpolitik gewarnt. Am Ende drohe ein Abwertungswettlauf, der keine Gewinner haben werde.

Auch der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump hat die Zinssenkung der EZB scharf kritisiert. Die weltweiten Abwertungen der Währungen entwickelten sich zur Gefahr für Arbeitsplätze in den USA. Durch das Öffnen der Geldschleusen wird der Außenwert des Euro tendenziell gedrückt, was Güter von Exporteuren aus dem Währungsraum im Ausland verbilligt und ihre Wettbewerbssituation stärkt

Der Deutsche-Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der als Kritiker der ultra-lockeren Geldpolitik gilt, hatte wegen des Rotationsverfahrens im EZB-Rat dieses Mal kein Stimmrecht. Österreichs Notenbankchef (OenB) Ewald Nowotny hatte ein Stimmrecht. Ob er sich für die Lockerung der Geldpolitik ausgesprochen hat, war vorerst nicht in Erfahrung zu bringen. "Wir sprechen über die Stimmergebnisse prinzipiell nicht", hieß es aus der OeNB auf APA-Anfrage.

Dem EZB-Rat, der sich aus Draghi, seinem Vize Vitor Constancio, den vier EZB-Direktoren und den Notenbankchefs der 19 Euro-Länder zusammensetzt, bereitet die hartnäckige Mini-Inflation im Euroraum Sorgen. Inzwischen rückt das EZB-Ziel einer Inflation von knapp zwei Prozent, was die Notenbank als optimalen Wert für die Wirtschaft im Währungsraum erachtet, immer weiter in die Ferne. Im Februar waren die Preise wegen des Ölpreisverfalls sogar um 0,2 Prozent gesunken. EZB-Präsident Draghi hat die Finanzmärkte bereits auf mögliche weitere Schritte vorbereitet.

Den Ratsmitgliedern liegen auf der Zinssitzung neue Inflations- und Konjunkturprognosen ihrer Experten vor. Noch im Dezember hatten sie für 2016 eine Inflationsrate von 1,0 Prozent veranschlagt. Diese Prognose wackelt aber wegen des Ölpreisrutsches inzwischen gewaltig.

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