Zurück nach Europa: Nearshoring am Westbalkan

Europäische Unternehmen planen die Produktionen von Fernost nach Europa zurückzuholen, um so auch das Lieferketten-Management neu aufzustellen. Sechs Länder am Westbalkan könnten dabei von Milliardeninvestitionen besonders profitieren.

Zurück nach Europa: Nearshoring am Westbalkan

Für Österreichs Wirtschaft könnte der Westbalkan in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als es bisher schon ist. Infolge der Corona-Krise und den daraus folgenden Lieferschwierigkeiten in Fernost, aber auch der Sperrung des Suez-Kanals über mehrere Tage im März und den daraus massiven Lieferverzögerungen, kommt es bei vielen Unternehmen in Europa zu einem Umdenken. Das Thema Rückverlagerung von Produktionen aus Fernost nach Europa wird wieder aktueller. Zu sehr haben die Ereignisse der vergangenen Monate einmal mehr die Abhängigkeit vom Handel mit Fernost aufgezeigt.

Vor allem die Westbalkanländer könnten davon profitieren, heißt es in einer aktuellen Erhebung des das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Vor allem Serbien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro und Nordmazedonien werden dabei die größten Chancen eingeräumt. Es geht dabei um Direktinvestitionen in Milliardenhöhe. Die Länder des Westbalkans könnten dabei eine wesentliche Rolle als neue verlängerte Werkbank bekommen.


Österreichs Handel mit den 6 Westbalkan-Staaten

*Rang = Platzierung im Gesamtranking Außenhandel Österreich 2020
Rang CEE Rang* Land Export 2020 Import 2020 Export 2019 Import 2020 Exporte [%] 2020/2019 Importe [%] 2020/2019
11 29 Serbien 686 Mio. € 563 Mio. € 776 Mio. € 680 Mio. € -11,49 -17,18
12 38 Bosnien Herzegowina 425 Mio. € 595 Mio. € 445 Mio. € 654 Mio. € -4,41 -8,99
13 63 Nord-Mazedonien 106 Mio. € 102 Mio. € 125 Mio. € 73 Mio. € -15,12 40,24
14 78 Kosovo 60 Mio. € 5,8 Mio. € 66 Mio. € 5,5 Mio. € -9,10 5,8
16 83 Albanien 48 Mio. € 27 Mio. € 56 Mio. € 34 Mio. € -14,72 -21,01
17 86 Montenegro 39 Mio. € 2,9 Mio. € 55 Mio. € 3,5 Mio. € -29,22 -16,39
Quellen: WKO

Die Rückverlagerung der Produktionen zeichnete sich schon in den Jahren vor der Corona-Panademie ab. Die Entfernungen, lange Lieferzeiten, aber vor allem protektionistische Maßnahmen hatten zuletzt ganze Branchen wieder auf den Plan gebracht, die Produktion wieder zurück nach Europa zu holen.

"Angesichts protektionistischer Tendenzen im Welthandel setzte bereits im vergangenen Jahrzehnt eine Rückverlagerung von Produktionen aus Asien in die Nähe der alten Industrieländer ein", erklärt der WIIW-Ökonom Branimir Jovanovic. "Dieses 'Nearshoring' wird sich in Europa nach der Pandemie signifikant verstärken." Das WIIW hat unter der Leitung des Ökonomen und Co-Autoren der Studie "Getting stronger after COVID-19: Nearshoring potential in the Western Balkans" das Potenzial erhoben. In Kooperation mit den Handelskammern der Westbalkan-Staaten und unter der Co-Finanzierung des deutschen Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist die Studie entstanden. Die Erhebung wurde zwischen August 2020 und März 2021 durchgeführt.

Neues Umfeld schaffen

Voraussetzung für ein positives Gelingen sei, dass die Länder ihre "Hausaufgaben machen", sagt Jovanovic. Für die Länder dürfte ein weiterer Anreiz sein, damit auch näher an Europa heranrücken zu können.

Neben der Behebung altbekannter Defizite wie schlechter Regierungsführung und politischer Instabilität müsse aber auch das Investitionsumfeld grundlegend geändert werden. "Geringe Lohnkosten und niedrige Steuern spielen nicht mehr die entscheidende Rolle. Auslandsinvestoren brauchen vor allem gut qualifizierte Arbeitskräfte und Infrastruktur", sagt Jovanovic.

Für ihn impliziert das höhere Ausgaben der Regierungen für das Bildungssystem, einen verstärkten Fokus auf die MINT-Fächer, einen qualitativen Sprung bei der Berufsausbildung – Stichwort Lehre –, und einen Ausbau der Transportinfrastruktur.

Was Importe und Exporte anbetrifft haben gerade die Westbalkanländer noch genug Luft nach oben. Vor allem Länder wie Deutschland, die Niederlande und Österreich, die ohnehin in der Region die aktivsten Investoren stellen, könnten noch eine Schippe drauf legen. So hat Deutschland zwischen 2010 und 20219 nur 2,5 Mrd. Euro in die Länder am Westbalkan investiert.


Österreichs Top-CEE-Exportmärkte

*Rang = Platzierung im Gesamtranking Außenhandel Österreich 2020
Rang CEE Rang* Land Ausfuhren 2020 Ausfuhren 2019 +/- [%] 2020/2019
1 6 Polen 5.330 Mio. € 5.164 Mio. € 3,20
2 7 Tschechische Republik 4.989 Mio. € 5.405 Mio. € -7,68
3 8 Ungarn 4.898 Mio. € 5.587 Mio. € -12,35
4 11 Slowakei 2.859 Mio. € 3.179 Mio. € -10,06
5 13 Slowenien 2.808 Mio. € 3.176 Mio. € -10,79
6 15 Rumänien 2.311 Mio. € 2.513 Mio. € -8,06
7 16 Russland 2.119 Mio. € 2.362 Mio. € -21,43
8 20 Türkei 1 254 Mio. € 1.158 Mio. € 8,30
9 21 Kroatien 1.217 Mio. € 1.328 Mio. € -8,36
10 28 Bulgarien 737 Mio. € 813 Mio. € -9,37
11 29 Serbien 686 Mio. € 776 Mio. € -11,49
12 38 Bosnien Herzegowina 425 Mio. € 445 Mio. € -4,41
13 63 Nord-Mazedonien 106 Mio. € 125 Mio. € -15,12
14 78 Kosovo 60 Mio. € 66 Mio. € -9,10
15 79 Moldau 59,0 Mio. € 84 Mio. € -29,73
16 83 Albanien 48 Mio. € 56 Mio. € -14,72
17 86 Montenegro 39 Mio. € 55 Mio. € -29,22
Quellen: WKO

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