Neue Chancen in Zentral-/Osteuropa nach Corona-Schock

Österreichs Exportwirtschaft blickt mit großem Interesse nach Zentral- und Osteuropa (CEE). Die Corona-Krise hat die Stimmung eingebremst. Doch es gibt einen "angepassten Optimismus". Die Zeichen stehen heuer wieder auf Wachstum, das mit dem der Eurozone einhergeht.

Neue Chancen in Zentral-/Osteuropa nach Corona-Schock

Wie geht es in Zentral- und Osteuropa (CEE) nach der Corona-Krise weiter? Die Learnings aus den vergangenen 14 Monaten waren, dass die Planbarkeit geradezu unmöglich geworden ist. Der Austrian Business Circle hat die Stimmung bereits im Oktober abgefragt, wie die heimischen Unternehmen mit ihren Niederlassungen in den 25 wichtigsten Ausländsmärkten die Situation beurteilen, aber auch was sie sich für die Zukunft erwarten. Zu den 25-Top-Auslandsmärkten Österreichs zählen neuen Länder der CEE-Region. 1864 heimische Unternehmen hatten an der Online-Umfrage teilgenommen.

Der Tenor: Angepasster Optimismus für die Zukunft. Klarerweise hängt alles davon ab, wie und wann die Öffnung vonstatten geht. Und auch der Impfstatus spielt in den Ländern Zentral- und Osteuropa eine wichtige Rolle.

Die Exporte sowie die Investitionen haben im Jahr 2020 infolge der Corona-Krise abgenommen. Doch für das Jahr 2021 geben mehr als zwei Drittel der heimischen Unternehmen, dass man in den kommenden 12 Monaten mit einer positiven (30 Prozent) oder zumindest gleichbleibenden Entwicklung (36 Prozent) rechne. Für das Vorjahr hatten 69 Prozent der Unternehmen noch von einer Verschlechterung gesprochen, für nur neun Prozent hatte sich trotz Corona-Pandemie die Lage verbessert, für 22 Prozent war 2020 die Lage gegenüber dem Jahr davor unverändert.

Das "Blaue Auge"

Das Stimmungsbild spiegelt sich auch den jüngsten Zahlen, Daten und Fakten. So kam es im abgelaufenen Jahr insgesamt zu einem Rückgang der Exporte. Die Ökonomen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) kommt in der ersten Corona-Bilanz für Zentral-, Ost- und Südosteuropa zum Fazit: Mit "einem blauen Auge" sei die Region davon gekommen. Die Wirtschaft brach in den 23 Ländern der Region um 2,3 Prozent ein. Steigende Infektionen minderten zuletzt die Chance der Wirtschaft auf eine raschere Erholung. Und dennoch: Für das Jahr 2021 rechnet die WIIW-Ökonomen immerhin mit einem Wachstum von 3,8 Prozent. Die Region ist somit auf dem Wachstumspfad ähnlich der Staaten der Eurozone.

"Unsere Analysen zeigen, dass Osteuropa die Pandemie im Jahr 2020 relativ gut überstanden hat", sagt Richard Grieveson, Stellvertretender WIIW-Direktor und Co-Autor des neuen WIIW-Konjunkturberichts. Im Jahr 2020 sank das gewichtete reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 23 analysierten Ländern durchschnittlich um 2,3 Prozent. Damit betrug der Corona-bedingte Wirtschaftseinbruch lediglich ein Drittel jenes im Euroraum.

Wichtige Lehren hätten die Länder der CEE-Region aus der Wirtschaftskrise des Jahres 209 und den darauffolgenden Jahren gezogen. Der Rückgang des realen BIP in Osteuropa sei nämlich deutlich geringer ausgefallen im Jahr 2009 nach der globalen Finanzkrise. Die Wirtschaftsleistung war damals noch um 5,6 Prozent eingebrochen sei. Das niedrigere Zinsniveau sowie Coronahilfen hätten 2020 bis heute die Wirtschaft gestützt.

Allerdings gibt es innerhalb der Region Unterschiede: Sowohl die osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten als auch der Westbalkan erlitten im vergangenen Jahr stärkere Wirtschaftseinbrüche als 2009. Im Gegensatz dazu war die Rezession in den GUS-Staaten und der Ukraine im vergangenen Jahr weit weniger stark als 2009.

Verzögerung bei der Erholung

Nach dem Anstieg der Infektionen über den Winter wird sich jedoch die Erholung der Wirtschaft etwas verzögern. "Es ist daher unwahrscheinlich, dass sich die überdurchschnittliche Wirtschaftsleistung der Region im Vergleich zu Westeuropa in diesem Jahr wiederholen wird", sagt WIIW-Ökonom Grieveson. Über den Zeitraum der nächsten drei Jahren erwartet das WIIW für alle 23 Volkswirtschaften Osteuropas eine wirtschaftliche Erholung. Die Länder werden dabei wieder auf das BIP-Wachstum der Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie zusteuern.

Allerdings mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während Serbien und die Türkei bald auf den Wachstumspfad zurückkehren sollten, werden Länder wie Tschechien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Moldawien erst im Jahr 2022 - und Montenegro erst im Jahr 2023 wieder Wachstumszahlen auf dem Niveau von 2019 erreichen, so die WIIW-Prognose.

Neue Chancen in Südosteuropa

Das stärkste Wachstum dürfte heuer Südosteuropa verzeichnen, darunter Montenegro (6,5 Prozent), die Türkei (5,8 Prozent), Serbien (5 Prozent), Kosovo (4,8 Prozent), Kroatien (4,5 Prozent) und Albanien (4,5 Prozent). Dabei handelt es sich einerseits um Länder, die den Wirtschaftsabschwung entweder fiskal- oder geldpolitisch sehr erfolgreich abfangen konnten (Türkei und Serbien). Andererseits gehören auch jene Länder dazu, deren Wirtschaft im vergangenen Jahr besonders stark eingebrochen ist (Kroatien, Montenegro) und die daher heuer von einem niedrigeren Niveau aus aufholen.

Die Wirtschaft in Serbien wird ebenso stark zulegen. Das Land habe auf Kosten eines hohen Budgetdefizits rasch mit gezielten Hilfsmaßnahmen reagiert habe. Auch Nordmazedonien habe fiskalpolitische Maßnahmen reagiert. Allerdings später als Serbien, so dass das Wachstum dort heuer viel geringer ausfallen dürfte. Die Türkei wiederum habe mit niedrigen Zinsen und Kreditwachstum die Wirtschaft gestützt. Doch ob diese Stützungen wirken, sei laut WIIW-Ökonom Grieveson fraglich: "Das birgt aber auch Risiken und ist mittel- und langfristig nicht die beste Option."

Österreichs Top-CEE-Exportmärkte

Rang CEE Rang* Land Ausfuhren 2020 Ausfuhren 2019 +/- [%] 2020/2019
1 6 Polen 5.330 Mio. € 5.164 Mio. € 3,20
2 7 Tschechische Republik 4.989 Mio. € 5.405 Mio. € -7,68
3 8 Ungarn 4.898 Mio. € 5.587 Mio. € -12,35
4 11 Slowakei 2.859 Mio. € 3.179 Mio. € -10,06
5 13 Slowenien 2.808 Mio. € 3.176 Mio. € -10,79
6 15 Rumänien 2.311 Mio. € 2.513 Mio. € -8,06
7 16 Russland 2.119 Mio. € 2.362 Mio. € -21,43
8 20 Türkei 1 254 Mio. € 1.158 Mio. € 8,30
9 21 Kroatien 1.217 Mio. € 1.328 Mio. € -8,36
10 28 Bulgarien 737 Mio. € 813 Mio. € -9,37
11 29 Serbien 686 Mio. € 776 Mio. € -11,49
12 38 Bosnien Herzegowina 425 Mio. € 445 Mio. € -4,41
13 63 Mazedonien 106 Mio. € 125 Mio. € -15,12
14 78 Kosovo 60 Mio. € 66 Mio. € -9,10
15 79 Moldau 59,0 Mio. € 84 Mio. € -29,73
16 83 Albanien 48 Mio. € 56 Mio. € -14,72
17 86 Montenegro 39 Mio. € 55 Mio. € -29,22
Quellen: WKO

Österreichs Exportbilanz 2020

  • Gesamt: 141,9 Mrd. €
  • Europa: 113,7 Mrd. €
  • davon EU-27: 95,7 Mrd. €
  • CEE: 95,7 Mrd. €
  • CEE: 95,7 Mrd. €
  • Eurozone-19: 73,9 Mrd. €
  • Importe aus EU: 98,6 Mrd. €
  • Handelsbilanz mit EU: - 2,86 Mrd. €
  • OECD Europa: 104,7 Mrd. €
  • OECD CEE: 95,7 Mrd. €

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