Brexit und die Folgen für Österreichs Unternehmen

Christian Kesberg, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in London, über die Auswirkungen des Brexits auf das Geschäft österreichischer Exporteure. Was sich seit dem Brexit für österreichische Unternehmen geändert hat und wo sie Unterstützung bekommen.

Brexit und die Folgen für Österreichs Unternehmen

Das Pfund gegen den Euro zu tauschen - das wollten die Briten ohnehin nie. Mit Jahresbeginn hat das Vereinigte Königreich auch das für viele unliebsame Kapitel EU-Mitgliedschaft geschlossen. Nach langen Verhandlungen und Vorbereitungen ist der Brexit vor 100 Tagen Realität geworden. Seither hat sich vieles im Land verändert. Auch für all jene, die Waren oder Dienstleistungen nach Großbritannien liefern.

Was bedeutet der Austritt der Briten aus der Europäischen Union nun für österreichische Exporteure und lohnt sich der Handel mit dem Inselstaat überhaupt noch? trend.at sprach darüber mit Christian Kesberg, dem österreichischen Wirtschaftsdelegierten in London.

Starker Einbruch zu Jahresbeginn

Die ersten Wochen seit dem Vollzug des Brexits verhießen nichts Gutes. Die EU-Lieferungen in das Vereinigte Königreich brachen im Jänner 2021 nach dem Austritt Großbritanniens um 29 Prozent ein, jene aus Österreich in das UK um 24 Prozent.

Als richtungsweisend möchte Kesberg diese Entwicklung jedoch nicht verstanden wissen. Vielmehr hält er Vorzieheffekte als Ursache für die starken Rückgänge bei den UK-Einfuhren verantwortlich. So lagen die Ausfuhren im Dezember 2020 um 15 bis 30 Prozent höher als im Durchschnitt des Gesamtjahres.

Erhebliche Auswirkungen für österreichische Exporteure durch den Brexit erwartet Kesberg aber trotz der nun höheren bürokratischen Hürden wie Zollformulare nicht. „Die Beschwernisse durch Corona sind wesentlich größer als durch den Brexit“, ist der Handelsdelegierte überzeugt. „Österreichische Unternehmen hatten vier Jahre Zeit, sich darauf vorzubereiten und viele haben diese auch genutzt.“

Christian Kesberg, Wirtschaftsdelegierter der WKO in London

Christian Kesberg: "Unternehmen haben die Zeit zur Vorbereitung auf den Brexit genutzt."

Drittstaat-Status

Wie stark die einzelnen Unternehmen, die nach Großbritannien exportieren, vom Austritt der Briten aus der Union getroffen sind, hängt nach Beobachtungen des WKO-Experten zu einem Gutteil von der Größe des Unternehmens ab. Großbritannien wird nun wie ein EU-Drittstaat behandelt. Für viele größere Unternehmen, die zuvor schon Handelspartner außerhalb der EU hatten, sei das daher mehr oder weniger business as usual. Die Folgen des Brexits bei der Abwicklung ihrer Geschäfte tangiere sie nur am Rande: „Sie haben meistens ohnehin Niederlassungen in England oder Abteilungen, die sich laufend mit Anforderung für den Export in Drittstaaten auseinandersetzen.“


Für uns verändert sich durch den Brexit nichts

Rund 95 Prozent der österreichischen Unternehmen, die in das Königreich exportieren, sind große Betriebe. 250 von diesen verfügen über eigene Niederlassungen im UK, 100 davon haben zwischen 200 und 700 Mitarbeiter vor Ort. Das Who-is-Who der österreichischen Unternehmen - von Magna bis Wienerberger - vertreibt und produziert teilweise auch ihre Waren in Großbritannien. Ein Fünftel des österreichischen Exportvolumens machen alleine die Elektro-Jaguars aus, die Magna in Graz im Auftrag des britischen Herstellers fertigt. Der Ziegelhersteller Wienerberger etwa betreibt 13 Werke in Großbritannien und erzielt dort, mit mehr als 1.200 Mitarbeitern, etwa zehn Prozent des gesamten Konzernumsatzes von 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2020. "Wir konnten unsere Marktposition im Vorjahr weiter ausgebaut. Für uns verändert sich durch den Brexit nichts. Das Zollrisiko ist aufgrund der vorwiegend lokalen Produktion limitiert", so Claudia Hajdinyak von Wienerberger gegenüber trend.at.


Warenlieferungen werden teurer und mühsamer, aber nicht weniger lukrativ.

Aber auch zahlreiche Nischenplayer liefern nach UK. „Bei denen passiert durch den Brexit nicht viel. Für all diese großen Firmen wird das Geschäft genauso interessant und lukrativ sein wie vor dem Brexit“, ist Kesberg überzeugt.

Aufgrund der bürokratischen Hürden erhöhe sich zwar der Aufwand, aber die Kosten dafür seien im Schnitt vergleichsweise gering. Geschäfte mit Briten deshalb nach wie vor lohnend. „Durch den Brexit werden Warenlieferungen nach Großbritannien zwar etwas teurer und mühsamer, aber nicht weniger lukrativ“, erklärt der WKO-Experte. Wenn es Unsicherheiten gäbe, etwa welche Warenbegleitpapiere oder Zollformular nötig seien oder wenn Informationen zu Anforderungen für den Handel benötigt würden, sei die Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer behilflich.

Sorgenkinder KMU

Etwas anders stellt sich die Lage für Klein- und Mittelunternehmen (KMU) dar, die noch keine Erfahrungen im Handel mit EU-Drittländern haben und denen das Knowhow dafür fehlt. „KMUs sind unsere Sorgenkinder. Wir haben schnell und effektiv geholfen, bürokratische Hürden zu überwinden – und haben noch nie so viel positives Feedback erhalten“, erzählt der WKO-Mann. Er bemerkt allerdings: „Unsere KMU sind häufig um vieles besser vorbereitet als jene Großbritanniens. Vor allem die neuen Zollvorschriften und auch steuerliche Aspekte machen diesen Unternehmen zu schaffen."

Die Frage, ob es sich für kleinere Unternehmen lohnt, weiter nach UK zu exportieren, hänge oft davon ab, wie viele Aufträge pro Jahr abgewickelt werden. „Bei einem geringen Auftragsvolumen ist es die Frage, wie effektiv die damit betrauten Mitarbeiter mit den neuen Anforderungen zurechtkommen“, gibt Kesberg zu bedenken. Die Frage, ob es sich für kleinere Unternehmen lohne, weiter in das UK zu exportieren, hänge oft davon ab, wie viele Aufträge pro Jahr abgewickelt werden können: „Bei einem geringen Auftragsvolumen ist die Frage, wie effektiv die damit betrauten Mitarbeiter mit den neuen Anforderungen zurechtkommen.“

Die Angst mancher Unternehmen, vor Calais oder Dover mit Lkws in stunden- oder gar tagelangen Staus wertvolle Zeit zu verlieren - was Waren zusätzlich verteuern könne - teilt Kesberg nicht. Er hält Meldungen darüber für weit übertrieben: „Große Speditionen sind wie die großen Firmen gut auf das neue Handelsregime vorbereitet.“

Etwas teurer wird es allerdings, Geschäfte zu machen. Im Schnitt wird für Exporteure mit höheren Kosten von rund zwei Prozent kalkuliert. „Je geringer das Handelsvolumen und umso sporadischer der Handel, umso höher die Kosten“, weiß Kesberg aus Gesprächen mit Unternehmen.

Die andere Seite des Kanals

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals schätzt Kesberg die Lage nicht so günstig ein. Dort wollen auch 25 Prozent der britischen Exporteure das Handtuch werfen. Kesberg: „Viele dieser Unternehmen sind erstaunlich schlecht auf den Brexit vorbereitet. Manche österreichische Unternehmen bitten uns, ihren Handelspartnern in Großbritannien zu helfen, da diese mit den Formalitäten überfordert sind.“

Einer der Gründe, warum die britischen Firmen mit den neuen Vorschriften zu kämpfen haben, ist die geringe Unterstützung durch zersplitterte Interessensvertretungen, glaubt der Experte. Eine Kammern-Pflichtmitgliedschaft wie in Österreich existiert nicht. Nicht einmal zehn Prozent der Unternehmen sind in unterschiedlichen Verbänden und Kammern organisiert , entsprechend gering sei die Unterstützung und Informationsreichweite.

London bleibt Banken-Metropole

Die oft prognostizierte große Abwanderung von Bank-Abteilungen aus der Finanzmetropole London hält der Handelsdelegierte für weit übertrieben. Kesberg: „Von, einer Million Mitarbeiter im britischen Finanzwesen sind bisher 8.000 Stellen in den EU abgewandert. Der Großteil der Verbliebenen wird auch dort bleiben und London wird auch der größte Finanzplatz Europas bleiben – wenn die Branche auch nicht wachsen wird.“

Die Begründung dafür liebt für Kesberg auf der Hand: Die EU war zwar ein wichtiger Geschäftspartner, aber kein unverzichtbarer. Schon bisher betrafen nur rein Drittel der Transaktionen Europa, der Rest waren globale Transaktionen. “Dieser Know-how-Cluster kann nicht wo anders hin transferiert werden."

Zudem herrsche im Vereinigten Königreich trotz des Brexits derzeit große Zuversicht. Die Aussichten für die Volkswirtschaft hellen sich von Woche zu Woche und von Impfung zu Impfung auf. Seit Februar wächst die Wirtschaft wieder und es wird wieder kräftig investiert. Die Kredite sprudeln und die Taschen sind wegen Lohnfortzahlungen in Form von Kurzarbeit im Lockdown gut gefüllt. Das Bankhaus Berenberg rechnet etwa im UK für 2021 mit einem Wirtschaftswachstum von 6,1 Prozent, 2022 soll es in ähnlichem Tempo weitergehen.

Info und Hilfestellung fürs Geschäft mit den Briten

Die gesammelten Informationen zu den neuen Regeln und Hürden für die Geschäfte mit Großbritannien finden sich auf der Website der Wirtschaftskammer unter

Einen kurzen Überblick Überblick über das neue Handels- und Kooperationsabkommen, die von den entsprechenden Fachabteilungen der WKÖ erstellt wurde, finden Sie unter Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich - eine Analyse der Wirtschaftskammer Österreich

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