Eventbranche in der Krise: Leere Hallen, leere Versprechen

In der Eventbranche droht ein Massensterben. Die Standesvertreter fordern von der Politik ein Sonderhilfspaket für die schwer gebeutelten Veranstalter.

Eventbranche in der Krise: Leere Hallen, leere Versprechen

Aufschrei von Agenturchef Erik Kastner: "Bis März 2021 ist die Hälfte der Betriebe tot!"

Seit März hat Erik Kastner, ein gestandener Unternehmer mit 30 Jahren Erfahrung, keine einzige Rechnung mehr geschrieben. Seine auf Firmenevents spezialisierte Wiener Agentur Opus hat 2019 etwa noch den „Tag der Industrie“ für die Industriellenvereinigung organisiert, seit dem Beginn der Corona-Krise hat sie exakt null Aufträge. Das geht inzwischen ans Eingemachte. Kastner hat sein Privathaus als Sicherheit für einen 500.000-Euro-Überbrückungskredit eingesetzt. „Wir sind am Ende“, sagt er über sich und seine Berufskollegen.

Denn Kastner spricht auch für andere. Er vertritt als Branchensprecher der Wirtschaftskammer rund 7.000 Betriebe der Eventbranche in Österreich. Täglich telefoniert er mit zehn oder 15 von ihnen, „viele von ihnen sind den Tränen nahe“. Wenn es nicht doch noch ein maßgeschneidertes Paket für seine Branche gibt, erwartet Kastner eine riesige Pleitewelle. „Die Hälfte unserer 7.000 Betriebe ist bis März 2021 tot.“

In einem offenen Brief an die Bundesregierung finden auch Initiatoren der Plattform ohne-uns.at öhnlich dramatische Worte für die Situation der Branche. Die wirtschaftlich am Boden liegende Branche, die seit März 2020 mit bis zu 100 Prozent Umsatzeinbußen kämpfe, werde von der Bundesregierung im Stich gelassen: Trotz vieler Gespräche komme es zu keinen praktikablen, wirksamen Lösungsansätzen; das versprochene Branchenpaket werde nicht umgesetzt.

Zerstörte Hoffnungen

Nach dem großen Lockdown war im Juni die Hoffnung auf eine rasche Erholung noch groß. Doch mit den gestiegenen Corona-Infektionszahlen haben sich die Erwartungen an den Herbst und Winter praktisch aufgelöst. Dazu trägt auch die lange erwartete Corona-Ampel bei: Bereits in einer Gelb-Phase sind Indoor- ebenso wie Outdoor-Veranstaltungen auf maximal 100 Personen beschränkt.

„2020 ist für uns gelaufen“, fasst deshalb Martin Brezovich die Lage zusammen. Er ist Geschäftsführer von Eventplan und Sprecher des Event Marketing Boards Austria (EMBA), das rund 30 größere Agenturen vertritt. Noch stehen einige Weihnachtsfeiern in seinem Auftragsbuch, doch mit seinen Zulieferern verhandelt er bereits die Stornobedingungen.

Wirtschaftsgröße

Der Frust über die leeren Versprechen der Politik, die für die Staatsoper flugs Patronanzerklärungen aus dem Ärmel schüttelt, aber viele andere noch immer warten lässt, ist riesig. Der im Sommer nachgebesserte Fixkostenzuschuss, bei dem nun etwa auch Leasingraten zur Gänze berücksichtigt werden, kommt der Branche zwar zugute, konzediert Kastner. Aber generell habe er den Eindruck, „dass uns niemand zuhört“. Er sei bei Kanzler Sebastian Kurz ebenso gewesen wie bei den Ministern Werner Kogler, Margarete Schramböck, Elisabeth Köstinger und Rudolf Anschober. „Aber es ist nix passiert, und jetzt geht uns die Luft aus.“

Martin Brezovich

Martin Brezovich, EMBA: "2020 ist für uns gelaufen."

Warum, ist nicht nur für ihn schwer nachvollziehbar. Denn der Eventsektor hat sich zu einer beachtlichen Wirtschaftsgröße gemausert. Eine IHS-Studie aus dem Jahr 2015 kommt auf 8,9 Milliarden Euro Wertschöpfung und 140.000 Beschäftigte. De facto seien es aber inzwischen viel mehr, insbesondere wenn man die eventgetriebenen Umsätze von Caterern, Blumenhändlern, Zeltverleihern oder auch Taxifahrern dazuzählt, meint der Branchenvertreter, der von 13 Milliarden Wertschöpfung und über 250.000 mit dem Sektor verknüpften Jobs spricht.

Wiesn und Mozart

Die Heterogenität der Branche macht es dennoch schwer, die Interessen zu bündeln. Ein Schunkel-Festival wie das Wiener Oktoberfest-Surrogat Wiener Wiesn, das heuer als digitales Event über die Bühne gehen soll, fällt ebenso darunter wie Firmenevents, bei denen etwa ein neues Auto oder Medikament promotet wird, die Organisatoren von Kabaretts und Konzerten ebenso wie jene von Sportgroßveranstaltungen. Es gibt Tausende Einzelkämpfer, aber auch größere Firmen, die in der Regel auch Reserven haben, um die Krise besser durchzustehen.
Am stärksten trifft es die vielen Einpersonenunternehmen, sowohl bei den Organisatoren als auch bei den Zulieferern: Techniker, Messestandbauer, Kostümbildner etc. Diese Gruppe ist oft mit den bürokratischen Hürden überfordert, um die staatlichen Corona-­Hilfen auszuschöpfen.

„Ich hätte mit Anfang April meine Kartenverkäufer und Friseure angestellt“, sagt Gerald Grünbacher, Geschäftsführer der bekannten Wiener Mozart Konzerte, deren Verkäufer in historischen Kostümen im Straßenbild der Bundeshauptstadt eine Fixgröße sind. Corona war schneller, der Saisonstart fiel ins Wasser, nun hängen viele in der Luft. Einer seiner Künstler habe als Zweitberuf Fremdenführer, sagt Grünbacher – doppelt Pech gehabt. 150 Mal füllt er in normalen Jahren den Wiener Musikverein, der Plan, im September wieder zu beginnen, scheiterte daran, dass er sich mit dem Vermieter nicht einigen konnte. Nun hofft er auf eine Wiederaufnahme im April oder Mai 2021. Sich selbst und seine 13 fix Beschäftigten werde er, der mehr als 30 Jahre erfolgreich gewirtschaftet hat, über die Runden bringen. Es gebe aber „einen Riesenunterschied zwischen den subventionierten Betrieben und jenen, die privatwirtschaftlich agieren wie wir.“

Hilfe nach Maß

Die Standesvertreter fordern nun ein Sonderhilfspaket. „Wir sind wie keine andere Branche von Covid-19“ betroffen, sagt EMBA-Sprecher Brezovich. Die neue Kurzarbeit ab Oktober, die eine Mindestbeschäftigung von 30 Prozent vorsieht, bringt Veranstaltern ohne jegliche Aufträge wenig, sondern macht das an sich sinnvolle Instrument nur teurer. Eine weitere Idee ist eine Ausfallshaftung: Wenn es Covid-19-bedingte Absagen von Veranstaltungen gibt, sollen die Vorbereitungskosten durch den Staat ersetzt werden. Einen solchen Schutzschirm haben auch Sportevent-Größen wie Beachvolleyball-Veranstalter Hannes Jagerhofer, Vienna-City-Marathon-Organisator Wolfgang Konrad und Dominic-Thiem-Manager sowie Tennisturnierdirektor Herwig Straka jüngst ins Spiel gebracht.

Völlig unklar sind die mittelfristigen Aussichten, sie sind stark von der generellen Corona-Entwicklung und bei großen Veranstaltungen von den internationalen Reisebeschränkungen abhängig. Ausgeklügelte Sicherheits- und Gesundheitskonzepte werden in der Eventorganisation eine erheblich größere Rolle spielen als bisher, und da Menschengedränge in viralen Zeiten generell verdächtig ist, dürfte der Trend hin zu kleineren, durchwegs exklusiveren Events gehen. „Es werden beinharte zwölf bis 24 Monate werden“, erwartet jedenfalls Eventplan-Manager Brezovich, der mit einem „Kahlschlag“ rechnet.



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