EU-Bericht: Wie Arbeitskräfte in Europa ausgebeutet werden

EU-Bericht: Wie Arbeitskräfte in Europa ausgebeutet werden
EU-Bericht: Wie Arbeitskräfte in Europa ausgebeutet werden

In den Baubranchen in Frankreich, Belgien, der Slowakei und Österreich ist das Risiko der Ausbeutung von Arbeitern am höchsten. Das ergab ein EU-Bericht.

Zwölf Stunden Arbeit an sieben Tagen in der Woche, weniger als einen Euro Stundenlohn. Keine Seltenheit, auch nicht in der EU. Ein Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrecht (FRA) zeigt, dass in vielen Ländern Europas Arbeitskräfte ausgebeutet werden. In Österreich trifft es Arbeiter in der Baubranche und der Landwirtschaft am schlimmsten.

Es sind nicht nur die Näherinnen in Kambodscha und Bangladesch, die für Hungerlöhne arbeiten. Auch Erntehelfer in Großbritannien, Haushälterinnen in Wien oder Bauarbeiter in Finnland werden ausgebeutet. Das geht aus einem Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hervor, der sich auf rund 600 Gespräche mit Gewerkschaftern, Polizisten und Mitarbeitern von Aufsichtsbehörden stützt. "Ausländische Arbeitnehmer haben in der EU ein ernsthaftes Risiko, ein Opfer von Arbeitsausbeutung zu werden", sagte Blanca Tapia von der FRA.

Jeder fünfte Gesprächspartner traf demnach mindestens zweimal pro Woche auf einen solchen Fall, heißt es im Bericht. Zum Teil dauert der Arbeitstag der Betroffenen zwölf Stunden oder mehr, manchmal von Montag bis Sonntag. Dabei verdienen sie einen Euro oder sogar noch weniger pro Stunde. Arbeiter werden oft in menschenunwürdigen Behausungen untergebracht und ihnen wird der Anspruch auf Urlaub verweigert - selbst, wenn sie krank sind. Verträge sind meist gar nicht vorhanden. Chinesische Arbeiter in Finnland etwa verstanden gar nicht, was in den Verträgen stand, die sie unterzeichneten.

Verstoß gegen EU-Grundrechtscharta

Die prekären Verhältnisse verstoßen eindeutig gegen die Grundrechtscharta der EU. Dort heißt es in Artikel 31 "Gerechte und angemessene Arbeitsbedingungen": "Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer hat das Recht auf gesunde, sichere und würdige Arbeitsbedingungen. Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer hat das Recht auf eine Begrenzung der Höchstarbeitszeit, auf tägliche und wöchentliche Ruhezeiten sowie auf bezahlten Jahresurlaub."

Eine klare Definition ist indes schwierig. "Das Projekt hat sich nur mit jenen Formen der Arbeitsausbeutung befasst, die strafrechtlich verfolgt werden können", sagte Albin Dearing von der FRA. Dabei sei die rechtliche Situation unter den EU-Ländern aber unterschiedlich. In Polen beispielsweise gelten landwirtschaftliche Betriebe laut seiner Kollegin Tapia als Privatgrundstücke, relevante Kontrollen seien schwierig. "Sie können die Bedingungen für die Hühner kontrollieren, aber nicht für die Arbeiter", beklagte Tapia.

"Endemisches Problem" in der EU

Betroffen sind vor allem Arbeiter, die innerhalb der EU umziehen oder als Migranten in die EU einwandern. Constantinos Manolopoulos, Interimsdirektor der FRA, sieht die Ausbeutung als „endemisches Problem“: „Die EU-Mitgliedstaaten müssen sich stärker für ein Klima der Null-Toleranz gegenüber schweren Formen der Ausbeutung von Arbeitskräften einsetzen. Sie müssen Schritte einleiten, um die Lage wirksamer zu überwachen und Sanktionen gegen TäterInnen zu verhängen.“

Der Bericht zeigt, dass die Ausbeutung von Arbeitskräften in manchen Wirtschaftszweigen weit verbreitet ist: In der Landwirtschaft, der Hotellerie und Gastronomie, im Bauwesen, in der Hausarbeit und im verarbeitenden Gewerbe. Eine Tabelle im Bericht zeigt, in welchen EU-Ländern welche Branche am stärksten betroffen ist. In Österreich werden Arbeitskräfte vor allem im Baugewerbe, in der Land- sowie Forstwirtschaft, in der Fischerei und als Angestellte in Haushalten ausgenutzt.

Dreiste Ausbeutung

Ein Fall aus Österreich zeigt die Dreistigkeit, mit der Arbeitgeber ausländische Arbeiter ausnutzen. Ein Mann aus Montenegro arbeitete in der Land- und Forstwirtschaft in der Steiermark, drei Monate erhielt er keinen Lohn. Als der Mann sich darüber bei seinem Arbeitgeber beschwerte, sagte dieser ihm, er solle es erst beweisen, dass er ihm Geld schulden würde. Der Arbeiter verlor daraufhin seinen Job und die Unterkunft, die ihm der Arbeitergeber bereit stellte. Der Mann fuhr per Anhalter nach Graz und berichtete der Arbeiterkammer von dem Vorfall. Der Arbeitgeber forderte hingegen weiter einen Beweis und behauptete, er hätte den Mann bar bezahlt.

Die Arbeitgeber haben kaum strafrechtliche Folgen zu befürchten, denn die Betroffenen werden entweder daran gehindert oder sie trauen sich nicht, eine Anzeige zu erstatten, weil sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren. Die EU-Agentur pocht auf bessere Kontrollen und schärfere Gesetze. Vorbildlich seien die Instrumente im Kampf gegen den Menschenhandel. Denkbar sei auch ein staatlich überwachtes Siegel für Produkte, die ohne Ausbeutung entstanden sind.

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