Erste-Bank-Chef Bosek: "Ich bin eher der Blockbuster-Typ"

Erste-Bank-Chef Bosek: "Ich bin eher der Blockbuster-Typ"

Erste-Bank Chef Peter Bosek

Peter Bosek, Chef der Erste Bank, spricht im trend-Interview über die großen Zukunftsthemen für Banken, Sparen und die neue Strategie und spricht über George, Apple und Google Pay sowie den neuen Konkurrenten Post.

trend: Wir schreiben das Jahr eins nach der Ära Treichl. Was wird sich nach seinem Abgang in der Erste Bank verändern?
Peter Bosek: Natürlich ist es für die Bank erst einmal eine neue Situation, aber Banken sind durch Zinsumfeld und Marktveränderungen ohnehin in einer permanenten Transformation. Die Gruppe hat sich rechtzeitig auf den Wechsel an der Spitze und die großen, globalen Herausforderungen eingestellt.

Was wird am meisten von Andreas Treichl fehlen?
Ich denke, er hat in den 25 Jahren die Bank sehr stark geprägt. Das alles verschwindet ja nicht mit seinem Wechsel in die Erste Stiftung. Davon bleibt ja ganz viel erhalten. Die Gruppe, so wie sie heute dasteht - und sie steht sehr gut da -, hat er ganz stark gestaltet. Er war der längstdienende Bank-CEO der westlichen Hemisphäre. Normalerweise tut das einem Unternehmen nicht gut, bei uns war es genau umgekehrt. Dadurch konnten wir sehr langfristig eine Strategie verfolgen. Das war sicher ein Riesenvorteil gegenüber unserem Mitbewerb.

Wird es mit dem neuen Gruppen-CEO Bernhard Spalt denn auch eine neue Strategie geben?
Im Kern unserer Vision steht unser Gründungsgedanke, der nicht von Personen abhängig ist. Uns gibt es, um die Menschen in unserer Region wirtschaftlich zu unterstützen. Ich bin überzeugt davon, dass das auch so bleiben wird.

Was Treichl unter anderem ausgezeichnet hat, waren seine guten Kontakte in die Politik. Geht davon jetzt etwas verloren?
Natürlich hat Treichl ein sehr gutes Standing. Aber gerade im Umgang mit Politikern mache ich mir keine Sorgen, dass jetzt etwas fehlt.


"Es ist eine Tatsache, dass man de facto am Aktienmarkt nicht mehr vorbeikommt, wenn man Rendite sehen will."


Sie sind seit einem halben Jahr Chef der Erste Bank Österreich. Was haben Sie in der Zeit weitergebracht?
Es sind zwei Themen, die uns beschäftigen: Das eine ist leistbares Wohnen, und das andere ist, wie wir Menschen dabei unterstützen können, ihre finanzielle Situation zu verbessern.

Wie wollen Sie das angehen?
Das ist ein sehr langfristiger Prozess, wo wir die richtige Kommunikation finden müssen, die für alle gut nachvollziehbar ist. Gerade im Veranlagungsbereich drücken wir uns noch immer zu kompliziert aus. Es ist eine Tatsache, dass man de facto am Aktienmarkt nicht mehr vorbeikommt, wenn man Rendite sehen will. Dabei machen große Einmalerläge wegen der hohen Marktvolatilität wenig Sinn, das heißt, am sinnvollsten sind regelmäßige Investments in Aktienfonds.


"In der Erste Bank liegt der Anteil von Wertpapierkunden bei 15 Prozent. Ich glaube, dass man diesen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln könnte."


Wie groß sehen Sie da das Potenzial?
Wie viele Leute haben monatlich 100 Euro zur Verfügung, die sie zur Seite legen können? Das müssen ja nicht 100 Euro sein. Wir denken in Kategorien von etwa 50 Euro im Monat. Österreichweit liegen die monatlichen Sparquoten bei rund sieben Prozent, bei uns sind das im Durchschnitt 279 Euro. In der Erste Bank liegt der Anteil von Wertpapierkunden bei 15 Prozent. Ich glaube, dass man diesen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln könnte.

Wird man den Kunden da mit neuen, günstigeren Produkten entgegenkommen?
Das ist der Plan. Dazu müssen wir aber unsere Abwicklungskosten vorher reduzieren. Bei Ansparbeträgen von 50 Euro im Monat müssen die aktuellen Gebühren sicher reduziert werden, damit dem Anleger mehr übrigbleibt. Wahrscheinlich wird man da auch stärker auf passiv gemanagte Produkte setzen müssen.


Peter Bosek im Gespräch mit trend-Redakteurin Angelika Kramer


Müssen sich die Banken beim Sparbuchthema nicht selbst an der Nase nehmen? Banken haben diese doch über Jahre hindurch angepriesen als die Veranlagung schlechthin.
Seit ich bei der Erste Bank für Filialen zuständig bin, war das schon ein Thema, auch andere Veranlagungen als das Sparbuch anzubieten. Wichtig ist mir, zu sagen, dass es nicht darum geht, das Sparbuch schlechtzureden. Ich bleibe dabei: Drei Netto-Monatsgehälter sollte man auf der Seite haben für den Fall, dass etwa die Waschmaschine kaputt wird.

Wird die Erste jemals Leute abweisen, die ein Sparbuch eröffnen wollen, weil es sich für die Bank nicht lohnt?
Nein, wir schicken niemanden weg. Aber es ist schon eine schwierige rechtliche Situation, weil man Negativzinsen auf Kredite schon weitergibt, aber jene auf Sparbücher nicht weitergeben darf. Aber das Verwahren von Geld ist nichtsdestotrotz eine Grundfunktion der Banken. Die kann man nicht auf- und abdrehen wie einen Wasserhahn. Da verliert man viel Vertrauen.

Sie haben gesagt, Sie wollen Kosten reduzieren. Ist da auch von weiteren Filialschließungen in Österreich die Rede?
Nein. Die Zahl der Filialen ist aktuell auf einem Niveau, das so passt. Die lokale Präsenz ist uns weiterhin wichtig. Ich rede da hauptsächlich von Einsatz von Technologie im Backoffice.

Beim Personal wurde ja, verglichen mit der Zahl der Filialen, in den letzten Jahren praktisch nicht gespart. Wo sind all diese Leute jetzt?
Wir haben erfreulicherweise die Zahl der Kunden in Österreich erhöht, also kann ich auch die Zahl der Berater nicht reduzieren. Das wäre dann ein Qualitätsverlust, den ich nicht will. Mein Ziel ist es, das Unternehmen erfolgreich zu machen, und das funktioniert nur dann, wenn unsere Kunden mit uns zufrieden sind.


"Ist es sinnvoll, dass in Österreich eine neue Bank an den Start geht, und ist es sinnvoll, dass das ausgerechnet die Post tut?"


Die Erste hat in Österreich Retail-Kunden dazugewonnen. In welchem Ausmaß und wieso?
Wir liegen jetzt knapp bei über einer Million Kunden. Das liegt sicher daran, dass wir eine der attraktivsten Marken sind. Und als Erste Bank sind wir vor allem in Ostösterreich tätig, wo die Bevölkerung auch stark zugelegt hat.

Was erwarten Sie sich von dem neuen Konkurrenten, dem Bankpartner der Post?
Ich gehe davon aus, dass das Produktangebot zu Beginn sehr eingeschränkt sein wird. Die Frage, die sich für mich stellt, ist: Ist es sinnvoll, dass in Österreich eine neue Bank an den Start geht, und ist es sinnvoll, dass das ausgerechnet die Post tut? Ich überlege mir ja auch nicht, Briefe auszutragen.

In Deutschland gibt es das Modell, dass sich Banken Filialen teilen. Ist das für die Erste auch denkbar?
Das ist für mich völlig unvorstellbar und absurd. Wir investieren sehr viel in unsere Marke, diese Investitionen würde ich damit wieder zunichte machen. Und auch das Gesicht in der Filiale ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, das dadurch verloren geht.

"George" gilt ja als Baby von Ihnen. Richtig?
Natürlich fühle ich mich ein bisschen wie der Sugar Daddy von George, auch wenn dahinter natürlich die Arbeit eines Teams steht. Und es war am Anfang inhouse schon ein ordentlicher Kampf, das Projekt auf Schiene zu bringen. Ich glaube, dass George heute eines der erfreulichsten Projekte der Erste überhaupt ist. Das erkennt man auch an den Kundenrückmeldungen. Aber es ist natürlich sehr viel Arbeit, weil George ständig weiterentwickelt werden muss. Da darf es keinen Stillstand geben.


"Ich schaue nicht, was die Konkurrenz macht."


Viel des Erfolgs von George ist ja auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Erste damit in Österreich "First Mover" war. Wie nah ist Ihnen die Konkurrenz gekommen?
So ein Vorsprung kann natürlich nicht ewig halten. Ich schaue aber nicht, was die Konkurrenz macht, sondern darauf, welche neuen Services ich einführen kann, die den Kunden das Leben erleichtern.

Was hat Ihnen die Einführung von Apple Pay gebracht?
Das wurde extremst positiv aufgenommen.

Ist Google Pay auch ein Thema?
Vielleicht, das hängt von der Nachfrage ab.

Die Erste betont ja immer, dass ihr gesellschaftliche Relevanz so wichtig ist. Worin genau besteht diese, und inwiefern ist diese durch Regularien bzw. die Aktionäre eingeschränkt?
Ich glaube, die Aktionäre legen darauf auch größten Wert, denn wie es anders sein kann, haben wir in der Finanzkrise gesehen.


"Social Housing soll keinen Gewinn abwerfen, aber wir sehen uns als Institution, die etwas beitragen muss."


Aber die Erste Bank betreibt da ja auch Sozialprojekte wie "Social Housing". Das kann ja keinen Gewinn abwerfen. Stört das Aktionäre nicht?
Richtig, Social Housing soll auch keinen Gewinn abwerfen, aber wir sehen uns als Institution, die etwas beitragen muss. Das ist eindeutig auch ein unternehmerischer Erfolg, wenn man Sozialprojekte erfolgreich implementiert. Und aktuell sehe ich leistbares Wohnen und Veranlagungen im zinslosen Umfeld als die Hauptprobleme. Hier muss ich als Bank Lösungen anbieten.

Und diese gesellschaftliche Funktion können Sie auch ohne Gewinneinbußen erfüllen?
Ja, absolut. Ich bin sogar überzeugt davon, dass wir hier à la longue Gewinne erwirtschaften werden.

Das Beratungsinstitut ZEB hat kürzlich gemeint, Banken bräuchten neue Einnahmequellen, um zu überleben. Was könnte das sein?
Dieses Thema taucht alle paar Jahre neu auf. Ich bin überzeugt davon: Wir sind nicht Amazon. Wir sind eine Bank, damit kenne ich mich aus. Aber mit Autos oder Fernsehern kennen sich andere wahrscheinlich besser aus als ich. Ich halte den Ansatz, möglichst alles zu verkaufen, für völlig falsch.

Andreas Treichl hat aber kürzlich auch gemeint, Banken müssten sich um die gesamte "finanzielle Gesundheit" ihrer Kunden kümmern weit über das reine Bankgeschäft hinaus. Sehen Sie das anders?
Die finanzielle Gesundheit ist auf jeden Fall nach Gesundheit das Zweitwichtigste im Leben der Menschen. Jeder Mensch trifft täglich Entscheidungen, die mit seinen Finanzen zu tun haben.


"Ich schaue nicht, was die Konkurrenz macht."


Was sagen Sie zum Programm der türkis-grünen Regierung?
Ich sehe das sehr positiv. Vor allem die Behaltedauer für die KESt-Befreiung finde ich gut. Auch die mögliche Ausweitung auf Green Bonds ist begrüßenswert so wie der Plan, das Baurecht zu modernisieren.

Irgendetwas, das Ihnen im Programm fehlt?
Nein, ich bin generell sehr positiv gestimmt und finde, dass alle wichtigen Themen adressiert werden. Ich freue mich, dass wir eine neue Konstellation haben.

Ein Punkt darin ist ja auch die Incentivierung von grünen Krediten. Wann rechnen Sie damit, dass das kommt?
Auf EU-Ebene ist das schon sehr weit gediehen. Es gibt eine Liste, was als grün gilt. Dazu ist aber zu sagen, dass sich diese Definition ständig ändern kann. Ich schätze, dass es in den nächsten zwölf Monaten dazu einen Gesetzestext geben wird.

Sie sind seit rund 20 Jahren im Management der Erste Bank, trotzdem weiß man über Sie privat so gut wie nichts. Von Ihrem neuen Chef weiß man zum Beispiel, dass er Schachspieler und Cineast ist. Und Sie?
Ich gehe zwar sehr gerne ins Kino, bin aber im Unterschied zu Bernhard Spalt eher der Blockbuster-Typ. Ich gehe etwa nächste Woche mit meinen Söhnen in "Krieg der Sterne". Hauptsache, möglichst viele Schusswechsel. Ich lese gern, und früher habe ich viel Sport gemacht. Dazu komme ich jetzt kaum. Ich habe zwar eine Fitnesscenter-Karte seit einem knappen Jahr, war aber erst zwei Mal dort!


"Ich bin per Zufall in die Bank gekommen."


Wollen Ihre Söhne auch Banker werden?
Einer geht mehr in die Richtung Marketing, der andere studiert Jus. Mal sehen, wie es weitergeht.

Sie haben ja auch Jus studiert. War Banker Ihr Traumberuf?
Ich bin per Zufall in die Bank gekommen. Ich glaube, die wenigsten wachen während ihres Studiums auf und sagen: "Ich will Banker werden."

Es ist ja kein Geheimnis, dass Sie sich auch um die Treichl-Nachfolge beworben haben. Wie groß war die Enttäuschung, dass es nicht geklappt hat?
Ich muss zugeben, ich war drei Tage saugrantig. Aber letztlich liebe ich das Haus und meine Kollegen und bin auch mit Bernhard Spalt seit 20 Jahren befreundet. Sonst wäre ich nicht hier.

Wie hat Ihnen der Aufsichtsrat seine Entscheidung erklärt?
Dass es für die Weiterentwicklung der Erste-Gruppe besser ist, jemanden an die Spitze zu holen, der im Führungsstil Andreas Treichl nicht zu ähnlich ist. Und heute bin ich mit der Entscheidung völlig einverstanden.

Müssen Bank-Generaldirektoren heute tatsächlich eher Zahlenmenschen als Verkäufer sein?
Das ist, glaube ich, generell ein Trend in der Wirtschaft, der auf den vielen Regularien basiert.

Wie sieht eigentlich Ihre eigene Veranlagung aus?
Ich habe ein kleines Sparbuch und bin hauptsächlich in Aktien veranlagt.


Zur Person

Peter Bosek, 51, wurde im Juli 2019 zum Chef der Erste Bank Österreich bestellt. Außerdem ist er für das Retail-Geschäft in der gesamten Erste Group zuständig. Der studierte Jurist ist seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen in diversen Führungsaufgaben tätig und galt auch als Favorit für die Nachfolge von Andreas Treichl. Der Wiener gilt auch als Erfinder der erfolgreichen Finanzplattform "George". Er ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 1-2/2020 vom 10. Jänner 2020 entnommen.


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