Erst die Kür, dann die Impfpflicht

Mit wieder steigenden Infektionszahlen und zugleich nachlassendem Impftempo wächst in den Unternehmen der Druck. Die Forderung nach einer generellen Impfpflicht spaltet jedoch auch die Wirtschaft.

Erst die Kür, dann die Impfpflicht

Am Ende des Tages waren die Reifen seines Autos aufgestochen. Nachdem der Verhaltensökonom Gerhard Fehr dem Schweizer Boulevardmedium "Blick" Mitte Juli ein Interview zum Thema Ungeimpfte gegeben hatte, rollte eine Hasswelle über ihn hinweg.

Der Vorarlberger, der in der Schweiz lebt und arbeitet, hatte laut über Möglichkeiten nachgedacht, wie man die angesichts des Infektionsanstiegs zu niedrige Impfquote - ohne Impfzwang - erhöht: etwa indem man zahlen muss, wenn man sich von einem zugewiesenen Impftermin nicht abmeldet, oder indem Geimpften und Genesenen im öffentlichen Leben mehr Rechte eingeräumt werden. "Systematische Diskriminierung" nennt Fehr das. Und der Berater sieht nun die Zeit gekommen, härtere Maßnahmen zu ergreifen: "Die Freiwilligkeit ist langsam ausgeschöpft."

Das ging den auf ihre freisinnige Haltung stolzen Lesern der Schweizer Tageszeitung "Blick" eindeutig zu weit, wie in den - bereits gefilterten - 600 Kommentaren im Onlineforum des Mediums nachzulesen ist. Persönlich erhielt Fehr noch deutlich radikalere Nachrichten, und die abendliche Attacke auf seine Pneus war längst nicht das Ende des Shitstorms.

Anti-Impfaktionen

Wer sich in der aktuellen Phase der Pandemie, beherrscht von der Delta-Variante des Coronavirus, mit Vorschlägen wie diesen an die Öffentlichkeit richtet, erlebt, wie verhärtet und hasserfüllt das Diskussionsklima geworden ist.

Nicht nur in der Schweiz: Als KTM-Chef Stefan Pierer sich jüngst in der "Presse" für eine generelle Impfpflicht aussprach, wurde ihm von eingefleischten KTM-Kunden ausgerichtet, "dass sie sich nie mehr wieder eines meiner Motorräder kaufen werden", wie der Industrielle dem trend erzählt. Von seiner Position will er sich deshalb aber keinesfalls abbringen lassen.

Denn Pierer will seine Betriebe schützen: In seiner Arbeiterschaft sind lediglich rund 50 Prozent geimpft, und mit jedem Produktionsausfall durch Corona-Cluster riskiert er, den aktuellen Rekordauftragsstand nicht abarbeiten zu können. Von neuen Mitarbeitern verlangt der KTM-Chef deshalb, dass sie geimpft sind, ebenso von jenen, die auf Dienstreise gehen. Bisher wurden solche Diskussionen nur für das Gesundheitspersonal und für die Lehrer angestellt, inzwischen gibt es sie auch für Friseure und andere körpernahe Dienstleister (siehe Kasten, u.).

Im seinem näheren Umfeld erntet Pierer jede Menge Sympathien. In der Wirtschaft wünscht man sich mehr Druck in Richtung einer Impfpflicht, auch wenn sich noch die wenigsten deklarieren. "Die Konzerne fürchten schlechte Presse", erkennt die Arbeitsrechtlerin Katharina Körber-Risak einen "First Mover Disadvantage": Wer zuerst an die Öffentlichkeit geht, wird geprügelt. Denn was ist, wenn sich ein Arbeitnehmer den Impfvorgaben des Unternehmens entzieht? "Eine Kündigung wäre möglich, aber dem Betriebsfrieden wohl abträglich", so Körber-Risak. Und hässliche Schlagzeilen wären unweigerlich die Folge.

Ob Firmen überhaupt einseitig Maßnahmen verhängen können, ist zwar noch Gegenstand juristischer und politischer Debatten. Doch Expertin Körber-Risak, die namhafte Unternehmen in dieser Frage berät, sieht die Welt der Führungskräfte schon jetzt in zwei Lager auseinanderfallen: in jenes, das sich mit der Verhängung einer Impfpflicht aus Angst davor zurückhält, Fachkräfte zu verlieren oder erst gar nicht zu gewinnen, und jenes in international tätigen Konzernen, das zwar gerne einen Impfzwang hätte, die Konzern-Compliance eine solche aber verbietet, Stichwort Antidiskriminierung.

Beide Lager plädieren für eine Klarstellung durch den Gesetzgeber. Sowohl Kanzler Sebastian Kurz als auch Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein haben eine generelle Impfpflicht bisher ausgeschlossen. Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer hält "auch wegen der historischen Belastung einen allgemeinen Zwang zum Impfen in Österreich für nicht möglich. Für bestimmte Berufsgruppen ist eine Impflicht aber sinnvoll." Er meint aber auch, dass man die Entwicklung in anderen Ländern abwarten müsse, im europäischen Gleichklang wäre eine Impfpflicht denkbar.

Kein Tabu

Auf Europa warten wollen in den besonders stark betroffenen Bereichen, insbesondere in der produzierenden Industrie und im Tourismus, aber immer weniger. Motto: Wenn die Impfkür nicht reicht, um möglichst viele zu schützen, dann darf eine Verpflichtung kein Tabu mehr sein.

"Wenn es eine bundesweite Regelung gäbe, dann wäre ich für eine Impfpflicht", sagt Robert Machtlinger, Chef des wie KTM im Innviertel angesiedelten Flugzeugzulieferers FACC. In seinem eigenen Unternehmen will er auf eine Durchimpfungsrate von 85 Prozent kommen, um Herdenimmunität zu erreichen. Nachsatz des Managers, dessen Frau Lehrerin ist: "Ich bin gegen Impfverpflichtungen für einzelne Gruppierungen - wenn, dann für alle."

Machtlinger ist jedoch nicht ganz so rigoros wie sein CEO-Kollege Pierer - insbesondere bei den Neuanstellungen: "Wenn ich die dringend benötigten IT-Spezialisten oder andere Fachexperten gefunden habe, die wir seit Langem suchen und benötigen, wird der Impfstatus des Interessenten nicht das No-Go-Kriterium sein."

Ausfallsrisiko

Etwas mehr als die Hälfte der Österreicher sind inzwischen voll immunisiert, zwei Drittel haben zumindest einen Stich erhalten. In Regionen wie dem Innviertel, traditionell eine Hochburg der impfkritischen FPÖ, sind es spürbar weniger. Dabei bräuchte es in vielen Produktionen und Abteilungen mit Kundenkontakt höhere Raten, um nicht ständig Teilausfälle im Betrieb durch Cluster zu riskieren. Der Druck aus diesen Teilen der Wirtschaft wächst also.

Wegen der Aggressivität der neuen Mutanten sprechen führende Experten inzwischen von einem 85-Prozent-Ziel, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Zugleich dürften neue Varianten höhere Impfresistenzen zeigen, weshalb etwa der Molekularbiologe Ulrich Elling vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie damit rechnet, "dass uns im Winter das Delta-Virus und seine Nachfolger um die Ohren fliegen werden", wie er jüngst der "Wiener Zeitung" sagte. Einzige Lösung laut Elling: "Weltweit impfen. Alle."

Mit welchen Mitteln man dorthin kommt, ist eine der härtesten Debatten dieser Tage, die nicht nur von Ethikern und Politikern geführt wird, sondern auch von Unternehmern und Spitzenmanagern. Der Chef des teilstaatlichen Kommunikationskonzerns A1, Thomas Arnoldner, will etwa - ähnlich der Regierungslinie - für die Zukunft nichts ausschließen, aber kurzfristig keine Zwangsmaßnahmen: "Man sollte in den nächsten Monaten alle Möglichkeiten inklusive Anreize ausschöpfen, um die Menschen zur Impfung zu bewegen. Vielleicht ist es dann irgendwann noch nötig, politisch über eine Impfpflicht zu diskutieren. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt."

Alle Optionen

Das ist auch der Ansatz des Wiener Multigastronomen Martin Ho, eines Freunds von Kanzler Kurz: "Die Durchimpfung wird der einzige Weg sein, der auch ein wirtschaftlich normales Leben wieder zulassen wird", so Ho, der Restaurants, Bars und ein Hotel betreibt: "Von Incentivierung bis zu Impflicht sollten alle Möglichkeiten evaluiert werden, die uns diesem Ziel näher bringen."

Doch auch durch die Branche, in der Ho tätig ist, ziehen sich tiefe Risse. Der Spartensprecher der Gastronomen in der Wirtschaftskammer, Mario Pulker, bekam nach seiner jüngst geäußerten Ansicht, eine generelle Impfpflicht sei das Beste, von Kollegen öffentlich ausgerichtet, er hätte in ihren Wirtshäusern künftig lebenslanges Hausverbot.

"Fürchterlich geärgert" habe sie sich über Pulkers Aussage, sagt die Kärntner Hotelière Claudia Boyneburg-Lengsfeld, die in Villach das Hotel "Goldenes Lamm" betreibt und auf ihrer Homepage damit wirbt, alle ihr Mitarbeiter seien geimpft und getestet. "Eine Pflicht greift mir zu stark in die Freiheitsrechte ein." Boyneburg-Lengsfeld will dagegen stärker auf Schulungen der Mitarbeiter und Bewusstseinsbildung setzen.

In dieses Horn stößt auch Matthias Winkler, Chef des berühmten Hotels Sacher: "Ein Impfzwang ist weder sinnvoll noch notwendig, wir setzen auf Überzeugungsarbeit. Uns ist kein einziger Mitarbeiter bekannt, der eine Impfung aktiv ablehnt."

Da trifft er sich inhaltlich mit dem Großcaterer und Gastronomen Josef Donhauser, der das Don-Catering der ÖBB ebenso betreibt wie zwölf Standorte der Vapiano-Kette, die er letztes Jahr übernommen hat. In seinen Betrieben hätten, so Donhauser, "Eigenverantwortung und Individualität" höchste Priorität. Einen Wettbewerbsvorteil in der Aussage "Alle unsere Mitarbeiter sind geimpft" könne er "nicht erkennen."

Zwanglose Zukunft

Das ist auch die Überzeugung eines Industriellen, der vor ähnlichen Problemen wie KTM-Chef Pierer steht: Karl Ochsner. Das Geschäft des Wärmepumpen-Unternehmers, der auf einem FPÖ-Ticket in den Aufsichtsräten der staatlichen Beteiligungsgesellschaft Öbag und der ÖBB sitzt, brummt dank Energiewende, er rechnet dieses Jahr mit einem Plus von 20 Prozent. Daher wären Ausfälle im Kernbereich eine mittlere Katastrophe - aber nur die Hälfte seiner Mitarbeiter in der Produktion ist geimpft. Anders als der KTM-Boss will er sie jedoch keinesfalls zwingen. "Das muss jeder für sich entscheiden", postuliert Ochsner, der wie das gesamte Management seiner Firma bereits zweimal geimpft ist.

Gerhard Fehr, der Verhaltensökonom und Berater, hat sich nach seinem Auftritt im "Blick" und der darauf folgenden Empörungslawine jetzt einmal in den Urlaub begeben. Seine provokante Frage aber bleibt und wird Politik und Wirtschaft auch in den nächsten Monaten beschäftigen:"Darf eine Minderheit für sich in Anspruch nehmen, volle Freiheitsrechte auf Kosten der geimpften Mehrheit zu genießen?"


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