Energieversorgern pfeift neuer Wind um die Ohren

Energieversorgern pfeift neuer Wind um die Ohren

Für Windkraft und Photovoltaik gibt es in Österreich Nachholbedarf - vor allem bei den EVU, die bisher bei der "Erneuerbaren Energie" noch ein wenig gebremst haben. Die EVU sind gleich auf mehreren Ebenen gefordert.

In Österreichs Energiesektor rollt laut A.T.Kearney-Studie die "zweite Welle des Umbruchs" nach der Stromliberalisierung an. Die gute Nachricht: Es gibt viele neue Jobs. Energieversorger bekommen neue Konkurrenz. Und die Digitalisierung wird die Branche neu aufmischen. Allen voran werden Unternehmen wie Google, Amazon sowie Start-ups neue Lösungen anbieten.

Der Strompreis in Österreich ist so tief wie kaum zu vor. Die Effizienzpotenziale bei den Energieversorgen des Landes sind noch zum Teil beträchtlich. Und dennoch: Infolge der Energiewende werden in den kommenden zehn Jahren noch 12.000 neue Jobs geschaffen. Das ist unter anderem das Fazit der jüngsten Studie „Wertschöpfung 4.0 in der österreichischen Energiewirtschaft“ vom Beratungsunternehmens A.T. Kearney.

"Die Treiber für die Branche sind künftig die Erneuerbaren Energien mit Windkraft und Photovoltaik", sagt Florian Haslauer, Managing-Director von A.T.Kearney. Für die klassischen Energieversorger wird eine neue Phase des Wettbewerbs eingeläutet. Die heimischen Energieversorger (EVU) werden sich künftig nicht mehr in der komfortablen Position eines Quasi-Monopolisten zurücklehnen können. "Die heimische E-Wirtschaft steht infolge der Energiewende, aber auch Digitalisierung des Strommarktes massive Veränderungen ins Haus."

Und das bedeutet: Die Stromversorger werden sich künftig auch mehr mit der Erneuerbaren Energie befassen müssen - allen voran Windkrafträder und Photovoltaikanlagen. "Hier haben die EVU nach dem Beginn des Erneuerbaren-Booms den Trend verschlafen und relativ wenig investiert", sagt Haslauer.

Der Großteil der 12.000 neue Jobs wird durch sogenannte Erneuerbare Energien und Digitalisierung in Österreich entstehen. Die Energiebranche Österreichs zählt derzeit 38.500 Beschäftigte. Die zusätzliche Wertschöpfung bis zum Jahr 2025 wird auf rund 2,7 Mrd. Euro geschätzt. Die Wertschöpfung der Energiebranche in Österreich werde demnach auf rund 8,8 Mrd. Euro bis 2025 anwachsen. Vor allem werden neue Anbieter in den Markt drängen und die eingesessenen Energieanbieter "mit neuen Produkten und Tarifschemen herausfordern", sagt Haslauer. Die Energieversorger seien gleichzeitig gefordert. Mit den veränderten Umfeld werden auch neue Fähigkeiten bei den Mitarbeitern gefordert.

Bei den Erneuerbaren Energie werden vor allem durch Windkraftanlagen, aber auch durch Photovoltaik die Hauptakzente für die neue Wertschöpfung generiert. Bei der installierten Kapazität bei Photovoltaik (PV) geht der A.T.Kearney-Experte bis 2025 von einer Vervierfachung der Kapazität von derzeit 900 auf 3600 bis 3.700 Megawatt aus. "Das ist rund ein Zehntel dessen, worüber Deutschland heute verfügt", sagt Haslauer.

Bei Windkraft rechnet A.T.Kearney-Studie für die Jahr 2015 bis 2025 mit einer Verdoppelung der Kapazität von 2.400 auf 4.800 Megawatt. Haslauer betont, dass die Zahl der Windräder und Standorte sich deshalb nicht verdoppeln.

Profitable Windkraft

Dank der Technologiereife bei Windkraftanlagen können die Betreiber nun auch unabhängig von den bisher notwendigen Förderungen profitabel arbeiten. Windkraft und Photovoltaik werden Mitte des kommenden Jahrzehnts "im Markt" sein. Bei Windkraft würden sich laut A.T.Kearney-Studie die Kosten von rund 60 Euro je Megawattstunde auf 30 Euro/MWh bzw. 3 Cent pro kWh halbieren. "In Deutschland hat der der erste Betreiber einer neuen Windkraftanlage, die 2023 fertig sein soll, erklärt, dass er keine Förderung benötigt um profitable zu produzieren", sagt Haslauer.

Doch nicht nur Windkraft, sondern auch Photovoltaik sei am Weg zu einer reifen und vor allem profitablen Technologie für die Betreiber. Bei einer im Oktober in Auktion vergebenen Großanlage sei das niedrigste Angebot bei 4,29 Ct/kWh gelegen, um fast 90 Prozent unter dem Einspeisetarif von 2004 - und "schon fast auf Marktpreis", der jetzt bei 3,5 Ct/kWh liege. Die historische Spitze betrug 8 Cent.

Smarte Spezialtarife als neuer Kick

Der Wettbewerb mit den Endkunden wird daher erstmals seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 2001 einen neuen Kick erhalten, nachdem bisher die EVU einen eher beschaulichen Wettbewerb hatten - im Vergleich etwa zur Telekombranche. Die Digitalisierung führt einerseits zu Einsparpotenzialen in den Geschäftsprozessen aber auch zu neuen Lösungen. "Nun werden neue Unternehmen auf den Markt drängen, die auch neue Produkte und neue Tarife anbieten", sagt Haslauer.

Für die klassischen Energieversorger heißt die, dass sie ihre Innovationsfähigkeit, den Willen zu Kooperationen und vor allem auch ihre Dienstleistungsfähigkeit verbessern müssen. "Neue Unternehmen werden im Strombereich neue Lösungen anbieten, nicht nur Strom, sondern komplette Lösungen für den Haushalt", sagt der A.T.Kearney-Chef.

Die klassischen Versorger sind daher gefordert. Energielieferanten, Zulieferunternehmen, die in die Wertschöpfungskette eindringen, und Internetfirmen mit digitalen Geschäftsmodellen werden künftig verstärkt auf den Markt drängen.

Prominente Beispiele gibt es bereits mit Google und Amazon, die Stromprodukte oder Dienstleistungen als Beiprodukt vermarkten. Dazu zählen etwa Anwendungen für das Smart Home, mit dem die Kunden ihren Stromverbrauch kontrollieren, vor allem aber auch optimieren und reduzieren können, um Geld zu sparen. "Es ist durchaus denkbar, dass Unternehmen sogar Strom gratis anbieten, dafür stimmt der Kunde zu, dass der Anbieter die Kundendaten gratis nutzen darf", sagt Haslauer. Und auch für Strom-Startups wird es aufgrund der Liberalisierung neue Chancen geben, die bisher von den EVU nicht genutzt wurden

In Deutschland hat der Landesversorger EnBW auf die Liberalisierung damit reagiert, eine eigene Geschäftseinheit über die Stromtochter Yellow auszugliedern. Die EnBW-Tochter hat in der Zwischenzeit immerhin 1 Million Stromkunden und 300.000 Gaskunden.

"Es ist durchaus denkbar, dass ein Stromdienstleister ein Produktbündel aus Waschmaschine plus TV mit Strom anbietet", so Haslauer. Und das alles könnte dann durchaus mit einer Flatrate nach Vorbild der Telekom-Unternehmen angeboten werden - für 30 oder 100 Euro im Monat. "Für den Kunden wird es dann auch nicht relevant sein, wie viel er letzten Endes für den Strom bezahlen muss."

Die Verteilung der neuen Wertschöpfung geht daher in erster Linie in die neuen Energielösungen wie "Smart-Home" (smarte Hausgeräte, Vernetzungen im Haus, Lichtsteuerung) und Energiedienstleistungen (samt Contracting) entfallen. Rund 80 Prozent des gesamten Zuwachses der Wertschöpfung von 1,7 Mrd. Euro fließen in die neuen Geschäftsfelder. 600 bis 650 Mio. Euro sind es für die Smart Phone-Anwendungen gegenüber heute 100 bis 150 Mio. Euro jährlich. Auf neue Energiedienstleistungen entfallen 600 bis 700 Mio. Euro.

Hohe Investitionen

In den kommenden Jahren wird es daher weiterhin zu massiven Investitionen kommen. In der EU beträgt der Investitionsbedarf bis 2025 ca. 1,06 Billionen US-Dollar. Die Experten von A.T. Kearney rechnen in Österreich mit einer Gesamtinvestition in diesem Zeitraum von 20 Mrd. Euro.

Eine Unsicherheit auf internationaler Ebene stellen derzeit freilich die Koalitionsverhandlungen in Deutschland dar. "Auch im Strombereich gehen die Vorstellungen der FDP und den Grünen massiv auseinander. Ein umgehender Ausstieg aus der Kohlekraft würde etwa durch die Produktion mit alternativer Stromgewinnung nicht vollständig kompensiert werden. Ein Riesenproblem für Deutschland ist der Überhang der Stromgewinnung mittels Windkraft in der Nordsee. Durch die fehlenden Trassen etwa in Bayern kann der Strom nur schwer zugestellt werden.

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