Ende einer Ära bei Fiat: CEO Sergio Marchionne gestorben

Der langjährige Chef der von Fiat Chrysler und Ferrari, Sergio Marchionne, ist tot. Das Unternehmen und die italienische Politik trauern um den Spitzenmanager, der Fiat vor der Pleite gerettet und mit Chrysler fusioniert hat.

Sergio Marchionne bei der International Motor Show in Genf im März 2016

Sergio Marchionne bei der International Motor Show in Genf im März 2016

Der langjährige Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne ist tot. Marchionne, bis vergangenen Samstag Chef von Fiat Chrysler (FCA), ist in Zürich gestorben, wohin er nach einem chirurgischen Eingriff verlegt worden war. Der 66-Jährige lag seit drei Wochen im Koma. Unbestätigten Berichten zufolge war er an Lungenkrebs erkrankt.

Fiat hat das Ableben des Managers, der das Unternehmen seit 2004 lenkte, offiziell bestätigt. Marchionne starb demnach bereits am dem Tag des Debüts seines Nachfolgers, des Briten Mike Manley - also am Samstag. (Siehe Artikel "Fiat-Chrysler: Turbulenzen und viele Aufgaben für Neo-Chef Manley")

Die Unternehmerfamilie Agnelli, die über die Finanzholding Exor Mehrheitsaktionär von Fiat Chrysler ist, sprach ihr Mitgefühl aus. "Leider ist das passiert, was wir befürchteten. Unser Freund Sergio hat uns verlassen", sagte Verwaltungsratspräsident John Elkann. "Der beste Weg, um ihn zu würdigen, ist jene Werte von Menschlichkeit, Verantwortung und intellektueller Offenheit hochzuhalten, die typisch für Marchionne waren. Ich und meine Familie werden ihm immer für seine Leistungen dankbar sein", so Elkann.

Im italienischen Parlament wurde eine Schweigeminute zu Marchionnes Ehren gehalten. Italiens Ex-Premier Paolo Gentiloni kondolierte der Familie. "Danke für die Arbeit, die Anstrengung und die Resultate", twitterte Gentiloni.

Visionär und Retter

Marchionne galt als Visionär, aber auch als harter Verhandlungspartner für Gewerkschaften und in der Formel 1. Mit markigen Sprüchen machte er sich weltweit einen Namen. Sein Tod wird von vielen Menschen in Italien als das Ende einer Ära gesehen. Der Italiener mit kanadischem Pass war 2004 an die Fiat-Spitze gerückt, als das Turiner Unternehmen kurz vor der Pleite stand. Er rettete Fiat vor dem Konkurs und machte es zu einem Weltunternehmen. Zehn Jahre später fädelte Marchionne die Übernahme des ebenfalls schwer angeschlagenen US-Rivalen Chrysler ein.

Als Marchionne im Juni 2004 sein Büro in Turin bezog, kannte ihn kaum jemand. Bevor er zu Fiat gerufen wurde, war er Chef des Zertifizierung-Weltmarktführers SGS. In Turin fand der Sohn eines Carabiniere aus der bergigen Abruzzen-Region, der mit 14 Jahren nach Kanada ausgewandert war, eine katastrophale Lage vor: Der Verwaltungsratschef und letzte Patriarch der Dynastie der Fiat-Eigentümerfamilie Agnelli, Umberto Agnelli, war erst vor wenigen Tagen gestorben. CEO Giuseppe Morchio, der anstelle des Verstorbenen zum neuen Fiat-Verwaltungsratschef aufrücken wollte, war aus Protest zurückgetreten, weil ihm die Agnelli-Erben den Karrieresprung verweigert hatten. Der Konzern, der an den Rand des Abgrunds geraten war, verlor täglich zwei Millionen Euro. Marchionne stand vor einem Scherbenhaufen.

Mit einem hartem Sparkurs und neuen Automodellen gab Marchionne dem Bankrott-Kandidaten den Stolz einer italienischen Traditionsfirma wieder zurück. Für den Mann mit dem runden Gesicht und der Brille, der gerne unkonventionell auftrat, aber intern mit harter Hand und kompromisslosem Verhalten regierte, war dies nur der erste Schritt. Nach einem Streit mit dem Wiener Manager Herbert Demel übernahm Marchionne 2005 persönlich die Führung der Fiat-Autosparte.

Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Turin verkündete Marchionne seine Visionen: Künftig werde es nur noch fünf oder sechs große Autobauer auf der Welt geben. Seine Überlebensstrategie für den kriselnden Autobauer hat der selbstbewusste Manager, der auch vor hochkarätigem Publikum im schlichten Wollpullover auftrat, in diesen Jahren knallhart umgesetzt. Dabei scheute er auch nicht vor unpopulären Beschlüssen, wie die interne Bürokratie abzubauen und die Entwicklungszeiten für neue Modelle drastisch zu reduzieren.

Fusion mit Chrysler

Die Kooperation mit dem US-Konzern Chrysler, den Fiat 2014 komplett übernommen hat, erwies sich als der erfolgreichste Drahtseilakt in Marchionnes Karriere. Seit der Fusion von Fiat und Chrysler im Herbst 2014 stieg der Wert der Aktie um fast 350 Prozent - und damit so stark wie bei keinem anderen Unternehmen der Branche.

Den kurz nach der Todesmeldung präsentierten Halbjahreszahlen 2018 zufolge stieg der Konzernumsatz von Fiat Chrysler (ISIN NL0010877643) im ersten Halbjahr 2018 um ein Prozent auf 56 Milliarden Euro. Der Nettogewinn sank um ein Prozent auf 1,775 Milliarden Euro. 2,5 Millionen Fahrzeuge wurden im ersten Halbjahr 2018 abgesetzt, was einem Plus von sechs Prozent entspricht. Im zweiten Quartal lag der Umsatz bei 29 Milliarden Euro, der Gewinn bei 754 Millionen Euro, was einem Rückgang von 35 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal 2017 entspricht.

Der Konzern hat nun seine Prognose für den Umsatz im Gesamtjahr von bisher 125 Milliarden auf 115 bis 118 Milliarden Euro heruntergeschraubt. Die FCA-Aktie an der Mailänder Börse verlor nach Veröffentlichung der Halbjahresergebnisse zehn Prozent und ging auf 14,98 Euro zurück.

Marchionne hatte erst im Juni den Entwicklungsplan von FCA bis 2022 präsentiert, der Investitionen in Höhe von 45 Milliarden Euro vorsieht. Gerechnet wird mit einem jährlichen Umsatzwachstum von durchschnittlich sieben Prozent. Die Umsätze der Marken Jeep, Alfa Romeo, Maserati und Fiat Professional sollen zwischen 65 und 80 Prozent zulegen. FCA will zudem 9 Milliarden Euro investieren, um seine Modelle auch in der elektrischen Version anzubieten. Bis Ende 2021 will FCA keine Dieselautos mehr herstellen.

Der Automobilkonzern startet demnächst mit der Umsetzung des Plans für die Abspaltung des Zuliefergeschäfts Magneti Marelli. Vorgesehen ist die Ausgliederung der Gesellschaft und deren Börsengang. Die Auslagerung der Tochter, die bis Anfang 2019 abgeschlossen werden soll, soll Magneti weiteres Wachstum bescheren.

Reibungspunkte

Die italienische Belegschaft befürchtete nach der Fusion vor allem, dass italienische Standorte abgebaut und ins Ausland verlegt werden könnten. Scharfe Kritik zog sich Marchionne auch mit der Entscheidung zu, den Firmensitz von Turin nach London zu verlegen. 2014 entthronte er den langjährigen Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo, der in der Formel 1 keine Erfolge mehr einfuhr, und übernahm selbst das Ruder beim Luxusauto-Konzern. Ferrari wurde 2015 von FCA ausgliedert und 2016 mit Erfolg an die Mailänder Börse gebracht.

Als Ferrari-Präsident galt Marchionne auch in der Formel 1 als kompromissloser Manager, der den Rennstall wieder in die Spur brachte. Das Team von Pilot Sebastian Vettel hatte er öffentlich mehrmals deutlich kritisiert.

Als wichtiges Vermächtnis Marchionnes gilt auch die Konzentration auf Nischenmarken. Zum Ende seiner Karriere bei FCA hatte der Manager sein letztes großes Ziel erreicht und die Schuldenfreiheit des Unternehmens per Ende Juni 2018 verkündet.

Marchionne wollte sich eigentlich 2019 von dem Posten bei Fiat verabschieden. Rückzugspläne bei Ferrari waren hingegen nicht bekannt. An der Spitze von Fiat steht nun der bisherige Chef der US-Geländewagen-Tochter Jeep, Mike Manley. Neuer Ferrari-Chef wurde Louis Camilleri, der zuvor unter anderem leitende Positionen beim Tabakmulti Philip Morris innehatte.

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