Emporia Telecom: Smarte Seniorenflüsterer

Die Senioren als Lost Generation der Digitalisierung sind seit Corona ein Stück weit Geschichte: Der Linzer Handyproduzent Emporia hat sie in ganz Europa scharenweise ins Netz geholt.

Eveline Pupeter, Emporia Telecom

EVELINE PUPETER. Die Geschäftsführerin von emporia telecom fährt in der Krise die Ernte von Jahrzehnten Aufbauarbeit ein.

Nicht alle haben ihn bestanden, den Elchtest "Digitalisierung" während der Pandemie. In Österreich sind das noch immer Hunderttausende Menschen in höherem Alter, die weder Smartphone noch Computer nutzen und dann auch nicht über Nacht routiniert Videochats mit den Lieben abhalten oder E-Rezepte ausdrucken konnten. Was vielen erst in der abrupten Funkstille bewusst wurde, war Eveline Pupeter lang vor dem ersten Lockdown klar.

Als Eigentümerin eines Anbieters für Seniorenhandys kennt sie ihre Zielgruppe bestens. Überrascht war sie aber doch über die hektische Betriebsamkeit, die bei besorgten Kindern und Enkeln und in weiterer Folge Telekomanbietern ausbrach. "Wir wurden auf einmal bei Anbietern gelistet, wo wir früher vergeblich versucht hatten, reinzukommen", erinnert sich Pupeter ans Frühjahr 2020, als der Linzer Hersteller mehr oder weniger über Nacht einen Pandemieservice aus dem Hut zauberte. Mit engagierten lokalen Händlern wurden die Smartphones komplett aufgesetzt und versandt. Die Kunden mussten nur die wichtigsten Daten durchgeben. "Ein kleiner Freistädter Händler allein machte im Lockdown täglich zehn Packerl versandfertig", sagt sie.

Feedback vom Partnerhändler

emporiaSMART.5 Smartphone. Das aktuelle Flaggschiff des Unternehmens ist staub- und spritzwasserfest und kostet ungestützt 249,99 Euro.

emporiaSMART.5 Smartphone. Das aktuelle Flaggschiff des Unternehmens ist staub- und spritzwasserfest und kostet ungestützt 249,99 Euro.

So einen Einsatz weiß die Zielgruppe zu schätzen. "Wir haben treue Kunden, die die Geräte drei bis fünf Jahre nutzen. Verlässlichkeit und Qualität zählen hier viel", sagt Pupeter. Einer ihrer langjährigen Partnerhändler, Robert Hartlauer, bestätigt, so eine Loyalität sonst nur bei Apple-Kunden zu beobachten. Hartlauer gibt Pupeter auch konstruktiv-kritisches Feedback bei Neuerungen. "'Du, pass auf, ich hab das mit meinem Schwiegervater ausprobiert, und das läuft noch nicht perfekt', sagt er mir dann", erzählt Pupeter.

Verbessert hat sich in der Pandemie auch das Standing bei den Netzbetreibern: "Die haben bemerkt, dass diese Zielgruppe nicht digitalisiert ist", so Pupeter. Verkauft werden die Geräte in mehr als 30 Ländern, angeboten von Deutsche Telekom oder Telecom Italia, Händlern wie Migros, MediaMarkt oder Euronics und natürlich auch über Amazon, wo es als "bestverkauftes einfaches Smartphone" topplatziert ist. "Dort kaufen es die Kinder und Enkel."

Pupeter geht ungewöhnliche Allianzen ein: In Belgien hat sie Kooperationen mit den Banken BNP, KBC und Belfius, die ihre älteren Kunden mithilfe von Smartphones und vorinstallierten Apps an das Onlinebanking heranführen wollen. Für das leidenschaftliche Engagement in Sachen Senioren-Digitalisierung hat sie 2019 das Silberne Ehrenzeichen der Republik bekommen.

Expansion in der Krise

Pupeter nützte die Pandemie für weitere Expansion: Seit Dezember ist emporia auch in Italien präsent, in Großbritannien konnte emporia pandemiebedingt bislang nur online verkaufen. Dafür hat sich Pupeter dort von der Konkurrenz einen Topmann geschnappt, der den Markt aufrollen soll: "Gute Leute sind nicht so einfach zu bekommen", findet die Chefin von 110 Mitarbeitern, von denen zwei Drittel in der Entwicklung arbeiten, der Rest im Vertrieb. "Man muss schon etwas tun für seine Leute. Geschätzt wird das durchaus: Das Commitment zum Unternehmen hat sich in der Krise gestärkt", findet sie.

Vorausschauende Vorsicht ist ihr Krisenmotto: "Zu Beginn des ersten Lockdowns haben wir die Lager vollgemacht," sagt sie. Ohne die chinesischen Zulieferer läuft in der Telekomindustrie nichts. "Wir sind den Chinesen ausgeliefert. Bei den Komponenten sehen wir mittlerweile Preissteigerungen von 30 Prozent. Ich will bis Ende September die Ware für Weihnachten im Lager haben." Dort werden sich dann nicht nur Handys stapeln.

Im Herbst bringt der Hersteller sein erstes Tablet, und in der Pandemie wurden medizinische Alltagsgeräte wie Pulsoxymeter, Blutdruck- und Fieberthermometer mitverkauft.

Dass emporia telecom in der Krise Verkaufsrekorde einfährt, ist nur zum Teil dem Digitalisierungsturbo geschuldet. Im zweiten Halbjahr 2020 verkaufte emporia 74 Prozent mehr Smartphones als im Jahresvergleich. Bis auf Schweden und Frankreich, wo der unmittelbare Konkurrent Doro eine starke Hausmacht hat, sind die Linzer in ganz Europa erste Wahl in dem Segment.

30 Jahre konsequent in der der Nische

Das konsequente Bearbeiten dieser Nische, die die Konkurrenz früher nicht einmal beachtet hat, gehört zur DNA des Linzer Unternehmens. 1991 von Pupeters Ex-Mann Albert Fellner als "post-autorisierte Funkwerkstätte" in der elterlichen Garage - ja, die gibt nicht nur in den USA - gegründet, war Fellners Unternehmen eines der ersten mit C-Telefonen. Er wagte Anfang der Nullerjahre den Sprung vom Händler zum Produzenten: mit Geräten, designt für ältere Semester.

Bis heute wird die komplette Produktentwicklung selbst, nur die Fertigung außer Haus gemacht. Pupeter, mittlerweile Alleineigentümerin, hat über die Jahrzehnte keine internationale Fachmesse ausgelassen und wusste dort mit Überzeugungskraft, österreichischem Charme und Sachertorte zu punkten, als sich viele fragten, wer denn Seniorenhandys kaufe. "Die Frage stellt uns heute niemand mehr. Manche Männer tun sich aber noch immer schwer mit dem Eingeständnis , dass sie ein Seniorenhandy verwenden", erzählt sie amüsiert. Der Pandemie verdankt Pupeter ein Rekordjahr, ihr fallen aber auch die Messeauftritte zum Opfer. Pupeter hat die Feiern zum 30-jährigen Firmenjubiläum kurzerhand übers Jahr verteilt, in der Firma einen Showroom errichtet und empfängt zwei Delegationen pro Woche. "Die ersten zwei waren schon da und waren ziemlich begeistert", sagt sie.

Pupeter hat das nächste Ziel fest im Blick. "Bis 2023 wollen wir 100 Millionen Euro umsetzen und gut profitabel sein", sagt sie. Und was kommt danach? "Ich werde emporia noch einige Jahre weiter ausbauen, eine gute Übergabe einleiten und mich dann gemeinnützigen Projekten im Flüchtlingsbereich widmen." Diese Frau hat einen Plan, und keinen Zweifel, dass der auch aufgeht.

Take Aways
  • Emporia. Das Unternehmen wurde im Jahr 1991 gegründet. Der Firmensitz ist seither in Linz. Zunächst wurde mit Elektronik- und Telekomprodukten gehandelt. Erst ab dem Jahr 2000 hat sich das Unternehmen auch auf die Produktion von Handys für Senioren und beeinträchtigte Menschen fokussiert.
  • Emporia Telecom. Wurde 2001 gegründet. Das Unternehmen hat mehrere Designpreise gewonnen und verkauft mittlerweile rund 600.000 Geräte jährlich.
  • Eveline Pupeter. Die 1960 geborene Geschäftsführerin ist 2003 in die Geschäftsführung des Familienunternehmens eingestiegen. 2015 übernahm sie die Anteile ihres Ex-Partners Albert Fellner und ist seither Alleininhaberin des Unternehmens.
  • Sortiment. Neben klassischen Tasten-und Klapphandys verkauft der Hersteller auch Smartphones. Deren Benutzeroberfläche ist reduziert und übersichtlich. Wichtige Apps (ÖBB, Zeitungen, Bank etc.) sind vorinstalliert, ebenso ein QR-Leser. Es gibt ein 124 Seiten starkes Trainingsbuch dazu, und der Hersteller hat eine Reihe von Schulungsinitiativen, etwa in Seniorenvereinen, organisiert. Über das patentierte Smartphonecover können auf der Hülle Kurzwahltasten belegt werden, etwa mit den Gesprächspartnern. Optional gibt es einen Notfallknopf.

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Zur Person. Martin Butollo ist seit 2013 Country CEO der Commerzbank in Österreich. Davor war Butollo für die Commerzbank und die Dresdner Bank in Frankfurt/Main in Managementfunktionen tätig. Seine berufliche Laufbahn begann bei PriceWaterhouseCoopers.

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