E-Bikes: Turbo für Handel und Hersteller

E-Bikes: Turbo für Handel und Hersteller

E-Bikes haben das gute, alte Fahrrad in der Gunst der Käufer eingeholt. Das freut den Handel und die Hersteller, denn mit den Elektro-Fahrrädern steigen auch die Umsätze. Der oberösterreichische Fahrradhersteller und E-Bike-Pionier KTM investiert nun zehn Millionen Euro in eine neue Fertigung.

Über 300.000 Elektro-Fahrräder sind der aktuellen Erhebung von RegioData Research zufolge in Österreich bereits in Verwendung, und die Nachfrage nach den E-Bikes steigt seit Jahren so stark, dass die Produktionskapazitäten der Hersteller kaum ausreichen.

Viele Räder sind verkauft noch ehe sie gebaut sind und ein Ende des Booms ist noch länger nicht abzusehen, denn mit permanenten Verbesserungen bei der Akkuleistung, der Antriebstechnik und laufend neuen Innovationen gelingt es den Herstellern immer wieder, neue Zielgruppen zu erschließen.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass E-Bikes im Handel ein regelrechtes Nischendasein führten und ihnen der zweifelhafte Nimbus von Pensionistenschaukeln anhaftete. Bis es der oberösterreichische Fahrradhersteller KTM im Jahr 2008 erstmals wagte, ein Mountainbike mit einem Elektromotor auszustatten und damit ungeplant eine Lawine lostrat, die bis heute weiter anschwillt.

Obwohl manche Fahrrad-Puristen immer noch Magenkrämpfe bekommen wenn sie an E-Bikes denken, haben die Räder in ihren zahlreichen Varianten mittlerweile breite Einsatzbereiche erschlossen. Als E-Mountainbikes gibt es sie in extrem sportlichen Ausführungen genauso wie in bequemen, mit besonders breiten Reifen, Schutzblechen und integrierter Beleuchtung, für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Tourismusbetriebe und Regionen haben sie als Assets entdeckt und bieten ihren Gästen mit E-Leihrädern und Guides die Möglichkeit, die Natur zu erkunden.

E-Bike-Varianten

Eines der ersten E-Bikes mit ABS: "Machina City"

Retro-E-Bike mit besonders einem wartungsarmen Riemenantrieb: "Machina Gran Belt"

Es gibt klassische Citybikes und Klappräder mit Elektromotoren. Die Post, Liefer- und Zustell- und Servicedienste nutzen Elektro-Lastenfahrräder, um damit in Städten ihre Kunde zu bedienen. "Der Verkehr in den Innenstädten nimmt immer mehr zu und dadurch erhöht sich der Zeitdruck für die Servicetechniker, die vereinbarten Termine mit dem Kunden genau einzuhalten", erklärt etwa Uwe Rohr, Österreich-Kundendienstleiter bei Bosch Thermotechnik, weshalb das Unternehmen seine Service-Techniker nun mit E-Cargo-Bikes zu Kunden schickt. "Eine nachhaltige Lösung, sich im Stadtverkehr zu bewegen und die erforderlichen Werkzeuge und Materialien vorrätig zu haben", sagt Rohr.

Elektromobilität "Made in Austria"

Mittlerweile sind E-Bikes sogar in eine Kategorie vorgedrungen, in der sie bis vor kurzem völlig unvorstellbar waren: In die der Rennräder, den Asphaltschneidern mit dünnen Reifen und den nach unten gezogenen Lenkern. Für viele ist das ein Tabubruch, doch die E-Motorisierung der Fahrräder lässt sich kaum aufhalten. Neue Innovationen wie ABS oder Smart-Bike-Lösungen lassen zudem erahnen, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. "Wir sind die real existierende Elektromobilität Österreichs", sagt Stefan Limbrunner, Geschäftsführer der KTM Fahrrad GmbH, Österreichs größtem Fahrrad- und E-Bike-Hersteller. Was auch als Seitenhieb in Richtung der Automobilindustrie verstanden werden darf, in der Elektromobillität bis dato mehr Diskussion als auf den Straßen praktizierte Realität ist.

320 Millionen Euro Umsatz hat KTM Fahrrad mit Sitz im oberösterreichischen Mattighofen im vergangenen Geschäftsjahr (2017/18) erwirtschaftet - fast zweieinhalb Mal so viel im Jahr 2011, zu Beginn des großen E-Bike-Booms. Und angesichts der anhaltend steigenden Nachfrage investieren die Oberösterreicher jetzt kräftig: Die mittlerweile 45 Jahre alte Fabrikshalle wird abgerissen. Während die Produktion interimistisch in benachbarten Hallen weiterläuft wird ein neues Gebäude mit einer völlig neu konzipierten Fertigungsstraße und einer deutlich höheren Produktionskapazität errichtet. Angepeilt ist, dass die Produktion von 66.000 E-Bikes im Jahr 2017 bis 2019 auf 111.000 Elektro-Räder gesteigert wird.

Für den Neubau gibt es auch andere, logistische und produktionstechnische Gründe. "Mit den E-Bikes ist auch für uns die Komplexität stark gestiegen. Für die Herstellung sind wesentlich mehr Arbeitsschritte notwendig", sagt Limbrunner. Im neuen Fabriksgebäude werden daher auch die Arbeitsprozesse völlig neu strukturiert. Während Räder bisher von Zwei-Mann-Teams gebaut wurden, soll es künftig eine Linienfertigung mit 13-Mann-Teams geben, was auch die Flexibilität erhöhen soll, um Spitzenauslastungen oder auch Grippewellen besser auszugleichen.

Investieren in die Zukunft

Die zehn Millionen Euro, die KTM Fahrrad in den Bau der neuen Halle steckt, sind für das Unternehmen auch ein Investment, um die künftigen Entwicklungen, wiederum vor allem am E-Bike-Sektor, besser bewältigen zu können. Die Komplexität wird nämlich weiter steigen, die Diversifikation bei den Modellen ebenso und um bei den wichtigen Lieferanten - besonders bei dem auf Schaltwerke und andere Komponenten spezialisierten japanischen Hersteller Shimano und dem E-Bike-Motoren, Akku- und Elektronik-Systeme Zulieferer Bosch gute Konditionen zu bekommen, sind auch entsprechende Bestellmengen notwendig.

E-Bike-Trends

Innovation für E-Bikes von Bosch: Ein ABS-System am Vorderrad verhindert das gefährliche Überbremsen und somit Stürze in Form von Überschlägen.

Riemenantriebe sind besonders wartungsarm. Die Lebensdauer der Riemen liegt bei 8.000 km und ist damit etwa doppelt so hoch wie die von Fahrradketten.

"Wir werden weiterhin herkömmliche Fahrräder ohne Motor in allen Varianten bauen. Kinderräder und Citybikes, die zu tausenden über den Sporthandel verkauft werden, Mountainbikes und Rennräder, aber für E-Bikes gibt es eigene Qualitätsstandards, die erfüllt werden müssen", sagt Limbrunner. Für viele Konsumenten sei der Kauf eines E-Bikes schließlich auch ein entsprechendes Investment. Während früher Fahrräder oft nur um ein paar hundert Euro gekauft wurden, legen die Käufer für ihre E-Bikes jetzt einige tausend Euro dafür auf den Tisch. 60 Prozent der E-Bikes, die KTM verkauft, sind aus der Preisklasse zwischen 2.700 und 3.300 Euro.

Und während im Sportartikelhandel früher oft schon Anfang Juli der Sommerschlussverkauf eingesetzt hat und Fahrräder deutlich unter ihrem Listenpreis verschleudert wurden, darf man als Interessent an einem E-Bike nicht wirklich mit derartigen Okkasionen rechnen. Noch weniger als bei High-End-Mountainikes oder Rennrädern. Die Hersteller sind nämlich aufgrund der enormen Nachfrage permanent ausverkauft. Bei KTM ist etwa bereits jetzt die Hälfte der Jahresproduktion des kommenden Jahres verkauft. Zudem beginnt sich der Fahrrad-Kauf mit den E-Bikes aufgrund der höheren Verkaufspreise in die für den Fahrrad-Handel bislang eher tote Saison vor Weihnachten zu verschieben. Und mit den E-Bikes hat sich auch die jährliche Fahrradsaison bereits merklich verlängert. Statt von Mitte April bis Mitte Oktober wird jetzt von März bis in den November gefahren, sobald und so lange die Straßen schneefrei sind.

Freilich hat der E-Bike-Boom für die Hersteller auch problematische Seiten. So ist etwa der Finanzbedarf und damit auch das Risiko bei der Herstellung aufgrund der teureren Komponenten deutlich gestiegen. Und neue Anbieter und Hersteller drängen in den Markt. Auch Stefan Pierer, Chef des ebenfalls in Mattighofen ansässigen Motorrad-Herstellers KTM, will in dem Wachstumssegment mitmischen. Was man bei der Fahrrad GmbH nicht so einfach hinnehmen will und daher auch schon rechtliche Schritte eingeleitet hat. "Es gibt Verträge, in denen ganz klar geregelt ist, dass es nur ein Unternehmen gibt, das unter der Marke KTM Fahrräder anbieten darf, und das sind wir", betont Limbrunner.

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