Drogeriemarkt-König Schlecker weist Bankrott-Vorwurf zurück

Drogeriemarkt-König Schlecker weist Bankrott-Vorwurf zurück

Der 72jährige Anton Schlecker muss sich mit seiner Familien wegen der Milliardenpleite noch vor Gericht verantworten.

Drogeriekönig Anton Schlecker muss sich für die Pleite seiner Drogeriekette vor Gericht verantworten. Schlecker war schon drei Jahre vor der eigentlichen Pleite insolvenzreif. Er soll laut Staatsanwaltschaft vor der Insolvenz wissentlich Millionen an die Kinder umgeleitet haben. Schleckers Verteidiger meinte, "die Insolvenz war für ihn nicht vorstellbar".

Stuttgart. Der ehemalige Drogerie-König Anton Schlecker hat die drohende Milliarden-Pleite seines Unternehmens bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Sein Verteidiger Norbert Scharf wies am Montag vor dem Landgericht Stuttgart den Vorwurf des betrügerischen Bankrotts zurück: "Die Insolvenz seines Unternehmens war für ihn schlicht nicht vorstellbar. Die Firma war sein Lebenswerk - und blieb es bis zuletzt."

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 72-Jährigen vor, in den letzten Monaten und Wochen vor der Insolvenz Millionen aus der einst größten deutschen Drogeriemarkt-Kette gezogen zu haben. Das Geld soll überwiegend seinen Kindern zugute gekommen sein. Den Gläubiger ist aber nichts geblieben. Sie blieben auf Forderungen in Höhe von 1 Milliarde Euro sitzen. Das Unternehmen sei spätestens Ende 2009 insolvenzreif gewesen, gut zwei Jahre bevor Schlecker tatsächlich Insolvenz anmeldete, sagte Staatsanwalt Thomas Böttger. Er agierte formal als "eingetragener Kaufmann" (e.K.). Dank dieser Rechtsform konnte er viel Geheimniskrämerei um sein Firmengeflecht betreiben

Anfang 2012 musste die Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 meist weibliche Mitarbeiter - die sogenannten "Schlecker-Frauen" - haben ihre Arbeit verloren. Damals schob Schlecker seine Tochter Meike vor. "Es ist nichts mehr da", sagte sie. Die heute 43-Jährige muss sich genauso vor Gericht verantworten wie ihr zwei ältere Bruder Lars sowie Anton Schleckers Frau Christa, die auch in wirtschaftlichen Angelegenheiten die engste Vertraute des Drogeriekönigs war. In Österreich kam die Pleite eine Jahr später. Die österreichische Schlecker-Nachfolgegesellschaft dayli meldete ein Jahr später Insolvenz an. Mehr als 3.000 dayli-Beschäftigte - vorwiegend Frauen - verloren hierzulande ihren Job.

Die einst größte deutsche Drogeriekette habe seit 2004 nur noch in einem Jahr - 2006 - operativ Gewinne geschrieben, sagte Staatsanwalt Böttger. Spätestens 2009 habe Schlecker gewusst, dass seinem Unternehmen der Zusammenbruch drohte. Da habe es keine Aussicht mehr gegeben, mittelfristig in die Gewinnzone zurückzukehren. Schlecker habe zu diesem Zeitpunkt weder nennenswertes Vermögen gehabt, um die Dauer-Verluste auszugleichen, noch Aussicht auf Kredite. Dass er die Insolvenz vermeiden wollte, stehe nicht im Widerspruch zur Anklage, betonte der Staatsanwalt. Schlecker haftete als "eingetragener Kaufmann" allein für den Konzern aus Ehingen bei Ulm. "Er wollte in seinem Unternehmen frei schalten und walten", sagte Staatsanwalt Christoph Buchert. "Aber dann muss ich auch in der Krise mein Vermögen zusammenhalten."

Die Anklage

Auf betrügerischen Bankrott in einem schweren Fall, wie er Schlecker vorgeworfen wird, steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Lars und Meike Schlecker sowie ihre Mutter sind unter anderem wegen Beihilfe zum Bankrott angeklagt. Die Anklage umfasst daneben Insolvenzverschleppung, Untreue und eine falsche eidesstattliche Versicherung vor dem Insolvenzrichter.

In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte in Millionenhöhe zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten, aus der Gläubiger bedient werden sollen. In ihrer Anklageschrift kommt die Staatsanwaltschaft auf eine Summe von mehr als 20 Mio. Euro. Außerdem soll Schlecker falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben.

Doch nicht nur die Schleckerfamilie ist auf der Anklagebank. Auch zwei Wirtschaftsprüfer der Prüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young) stehen vor Gericht. Sie sollen die falsche Bilanzen von Schlecker abgesegnet haben.

Im Kern geht es darum, dass Schlecker jahrelang Millionen auf die Logistik-Gesellschaft LDG umgeleitet haben soll, die die Filialen mit Waren aus dem Zentrallager belieferte und nicht zum Konzern gehörte, sondern Schleckers Kindern Lars und Meike. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Schlecker "zum Wohle seiner Kinder" bewusst überhöhte Preise an die LDG gezahlt und sein Unternehmen damit geschädigt hat.

Andererseits hätten die Kinder als stille Gesellschafter von Schlecker dem Vater insgesamt 320 Mio. Euro geliehen, die er aber - mit Billigung seiner Wirtschaftsprüfer - als Eigenkapital verbuchte. Tatsächlich sei Schlecker schon Ende 2010 überschuldet gewesen, während auf dem Unternehmen fast eine Milliarde Euro Schulden lasteten.

Der weißhaarige Schlecker wirkt neben seinen Verteidigern klein, als er im Nadelstreifenanzug den Saal im Untergeschoß des Landgerichts betritt. Der für schreiend bunte Oberhemden bekannte Mann trägt diesmal einen schwarzen Rollkragenpullover. Die Verhandlung verfolgt er fast reglos, nur die Augen wandern ständig hin und her zwischen Richter, Publikum und Staatsanwalt.

Anton Schlecker sei kein skrupelloser Unternehmer, betonte sein Verteidiger. Er sei "ein schwäbischer Unternehmertyp klassischen Zuschnitts". Vor dem Gericht gehe es darum, "die individuelle Vorstellungswelt von Herrn Schlecker" aufzuklären, sagte Verteidiger Scharf. Die Frage sei, ob der Metzgermeister erkannt habe, wie schlecht es um seinen Konzern stehe.

Die Mitarbeiter bei Schlecker sahen dies allerdings anders. Schleckers Frau soll ein System der Überwachung und Kontrolle entwickelt haben, das berüchtigt gewesen sei.


StGB §283 Bankrott
Wer bei Überschuldung oder bei drohender oder eingetretener Zahlungsunfähigkeit Bestandteile seines Vermögens, die im Falle der Eröffnung des Insolvenzverfahrens zur Insolvenzmasse gehören, beiseite schafft oder verheimlicht oder in einer den Anforderungen einer ordnungsgemäßen Wirtschaft widersprechenden Weise zerstört, beschädigt oder unbrauchbar macht [...] wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
StGB § 283a Besonders schwerer Fall des Bankrotts
In besonders schweren Fällen des § 283 Abs. 1 bis 3 wird der Bankrott mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter
1. aus Gewinnsucht handelt oder
2. wissentlich viele Personen in die Gefahr des Verlustes ihrer ihm anvertrauten Vermögenswerte oder in wirtschaftliche Not bringt.


Schlecker-Verteidiger Scharf kritisierte die Haltung der Anklage: Jeder dürfe Schenkungen vornehmen und Kosten übernehmen. "Nach der Ratio der Anklage darf ihm nur eines nicht passieren: Später in die Insolvenz gehen." Er monierte außerdem, dass im Vorfeld des Verfahrens Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangt waren. "Der Sachverhalt, um den es hier geht, ist komplex und verschließt sich einer einfachen und schnellen Beurteilung", sagte Scharf, der bereits Formel-1-Boss Bernie Ecclestone vertreten hatte.

Im Prozess spielen auch teure Urlaubsreisen mit der Familie, Schenkungen an die Enkel und ein Beratervertrag für Schleckers Frau eine Rolle. Das Verfahren dürfte sich mindestens bis in den Herbst ziehen. Anton Schlecker werde sich später zu den Vorwürfen äußern, sagte sein Anwalt. Auch die Verteidiger von Lars, Meike und Christa Schlecker wiesen die Anklage zunächst nur pauschal zurück.

Der Anwalt von Meike Schlecker wies auch einen Bericht des "Spiegels" zurück, wonach ihr und ihrem Bruder Steuernachzahlungen in Millionenhöhe drohen. Der Vorgang sei bereits seit dem Jahr 2012 bekannt, und es sei strittig, ob die Forderung berechtigt sei.

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