Dombaumeister Zehetner: „Notre-Dame muss wieder aufgebaut werden“

Dombaumeister Zehetner: „Notre-Dame muss wieder aufgebaut werden“

Dombaumeister Wolfgang Zehetner ist bereit Notre-Dame mit Tat und Expertise zu unterstützen.

Wolfgang Zehetner, Dombaumeister des Wiener Stephansdoms, derzeit Vorsitzender der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, erklärt, wie es nun nach dem Brand von Notre-Dame de Paris weitergeht.

Die „gotischste Kirchen aller gotischer Kirchen“ sei nicht nur ein französisches Wahrzeichen, sondern vielmehr eine europäische Institution, meint Wolfgang Zehetner, Dombaumeister des Wiener Stephansdoms im trend-Interview. Die Renovierung werde Jahre dauern. Doch es gäbe große, berechtigte Hoffnungen, dass sich der Schaden in Grenzen halte.

trend: In einer Nacht wurde ein über 900 Jahre altes Kulturdenkmal von Weltrang zerstört. Wie lange wird es dauern, bis Notre-Dame seinen Glanz wieder erhält?
Wolfgang Zehetner: Es ist noch zu früh, um zu sagen, wie lange für die Renovation von Notre Dame benötigt wird. Ein Riesenproblem ist dabei, dass die handwerklichen Fähigkeiten dünn gesät sind, um die vielen Kräfte mobilisieren zu können, die einen raschen Wiederaufbau ermöglichen. Wir werden von der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, wo ich derzeit Vorstand bin, freilich Hilfe anbieten. Zur Vereinigung zählen die Dombaumeister von über 100 Kirchen. In Wien haben wir 20 exzellente Fachkräfte, die permanent mit der Restauration des Stephansdoms betraut sind. Da können wir zwei Leute abstellen, mit den Kollegen von Köln und Freiburg bin ich im Gespräch. Auch sie wollen Mitarbeiter abstellen. Aber ich gehe davon aus, dass es gut drei Jahre dauern wird, bis die großen Schäden beseitigt sind.

Können Sie schon grob die Schadenshöhe beziffern?
Zehetner: Der Schaden ist immens, allerdings wird es noch Wochen dauern, bis man eine seriöse Schätzung abgeben kann. Es sieht Gott sei Dank danach aus, dass unten im Kirchenschiff die Schäden nicht so gravierend sind, wie es gestern Nacht zu befürchten war. Aber es wird ganz entscheidend sein, wie stark der Sandstein beschädigt wurde. Dies festzustellen, wird noch einige Wochen dauern.

Die Kathedrale nach der Feuersbrunst. Der Zustand des Natursteins ist ein kritischer Faktor für die Restaurierung.

Es gibt schon Schätzungen, nach denen der Wiederaufbau über eine Milliarde Euro kosten wird.
Zehetner: Für eine seriöse Schätzung ist es wirklich zu früh. Eine Schadenssumme im höheren dreistelligen Millionenbereich halte ich durchaus für möglich. Aber wie gesagt: Das muss man abwarten, bis alles geprüft wurde


Notre-Dame ist die Mutter aller Kathedralen.

Kann man davon ausgehen, dass trotz – sagen wir mal – starker Beschädigung, Notre-Dame renoviert und wieder aufgebaut wird? Für Frankreichs Emanuel Macron steht das bereits außer Frage?
Zehetner: Notre-Dame ist die Mutter aller Kathedralen. Sie ist die gotischste Kirche aller gotischen Kirchen. In Paris hat es mit der Gotik begonnen, danach folgte der Bau vieler Kathedralen, Dome oder Münster in anderen Städten Europas. Daher ist Notre-Dame nicht nur ein Wahrzeichen für Frankreich oder nur für Paris. Es ist ein Symbol für ganz Europa. Ich gehe davon aus, dass Notre-Dame ganz sicher wieder aufgebaut wird. Und man kann daraus vielleicht auch noch etwas Besseres machen.

Soll heißen?
Zehetner: Man wird sich auch überlegen, wie man den Wiederaufbau macht. Mit der modernen Technik kann man viele Dinge machen. Außerdem wurden in der französischen Revolution vielen Statuen die Köpfe abgeschnitten. Diese sind seither als Exponate in verschiedenen Museen ausgestellt. Die könnte man zum Beispiel wieder dorthin bringen, wo sie einst waren. Und wo sie hingehören.

Wie ist es denn mit den Kunstschätzen bestellt. Es heißt, dass es durch die Hitze des Bleis durchaus mit großen Schäden zu rechnen sein wird?
Zehetner: Auch bei den Kunstschätzen werden unsere französischen Kollegen nun erst einmal prüfen, wie stark sie beschädigt wurden. Viele Gegenstände, die Dornenkorne und Reliquien konnten glücklicherweise ja noch gerettet werden. In erster Linie ist entscheidend, wie stark die Hitze etwa die Struktur des Gebäudes beschädigt hat, den Sandstein der Figuren angegriffen hat. Die äußere Hülle kann so stark erhitzt worden sein, dass sie nach dem Abkühlen – vereinfacht gesagt –Risse bekommt. Es kommt dabei vor allem auch darauf an, wie stark etwa auch die Pfeiler und deren Befüllung, also der Kern beschädigt wurden. Hoffen wir, dass die Hitze unten nicht stark war wie etwa im Dach.


Viele Gegenstände und Reliquien konnten gerettet werden.

Die Finanzierung dürfte wohl nicht das große Problem werden – zwei Großspender haben bereits 300 Millionen Euro versprochen. Premier Macon hat sich bereits klar zum Wiederaufbau geäußert und schon eine Spendenaktion angekündigt.
Zehetner: In Frankreich sind die Kirchen seit dem zweiten Weltkrieg im Staatsbesitz. Das bringt nach solch einen Katastrophenfall klarerweise andere Möglichkeiten. Und dass Notre-Dame etwas ganz Besonderes ist, sieht man auch an den Großspendern und der Reaktion der Bevölkerung

Aus der Kathedrale gerettete Reliquien wurden im Pariser Rathaus zwischengelagert.

Sie sprachen es bereits an, dass es nur noch wenige Fachkräfte gibt, die sich mit dem gotischen Baustil auskennen. Wird das nicht dann zum Problem, dass Notre-Dame vielleicht eine jahrelange Baustelle wird?
Zehetner: Das darf man nicht unterschätzen. Aber nehmen wir den Stephansdom her, der im zweiten Weltkrieg beschädigt wurde. Wir haben damals sieben Jahre gebraucht, um die Schäden aus dem zweiten Weltkrieg zu beseitigen. Bis in die 19080er-Jahre hat es gedauert, um weitere, noch aus dem Krieg stammende Schäden entsprechend zu beseitigen und zu restaurieren. Das kann man mit heute aber nicht vergleichen. Die technischen Möglichkeiten sind heute schon anders.

Bei vielen alten Gebäuden fehlen zudem oft noch die Pläne, die infolge der Jahrhunderte aus verschiedenen Gründen verloren, verbrannt oder durch Kriege abhandengekommen sind. Dadurch dauert alles viel länger. Wird das hier auch ein Problem sein?
Zehetner: Da muss man sagen, dass man Im Unglück noch Glück hat. Die Pläne zu Notre-Dame sind erhalten. Und vor allem digitalisiert. Also da sind keine Probleme zu befürchten. Im Übrigen wie beim Stephansdom: Wir haben auch Gigabytes an Daten gespeichert, wo sämtliche Pläne, Kunstgegenstände und Schriften dokumentiert sind. Das ist schon ein beträchtlicher Vorteil für die Rekonstruktion von dem, was verbrannt ist und nicht mehr restauriert werden kann.


Lesen Sie auch:
Notre-Dame in Flammen: Wiederaufbau wird weit über eine Milliarde kosten


Wirtschaft

Volkswagen dämpft aktuelle Gewinnerwartungen

Wirtschaft

CFO-Barometer: Stimmungstief unter Finanzchefs

Wirtschaft

Osram-Mitarbeiter protestierten gegen Jobabbau

Kaufen, ziehen, sofort gewinnen...

Wirtschaft

Casinos Austria: Chats und Mails belasten Löger und Strache