"Disruption schätzt niemand"

Die Metro-Mittwochsgesellschaft liefert Diskussionsstoff. Von links nach rechts: Moderator Andreas Weber (trend), Elisabeth Köstinger (Nachhaltigkeitsministerin), Heinz Reitbauer ("Steirereck"), Michaela Reitterer (Hoteliervereinigung), Arno Wohlfahrter (Metro).

Die Metro-Mittwochsgesellschaft liefert Diskussionsstoff. Von links nach rechts: Moderator Andreas Weber (trend), Elisabeth Köstinger (Nachhaltigkeitsministerin), Heinz Reitbauer ("Steirereck"), Michaela Reitterer (Hoteliervereinigung), Arno Wohlfahrter (Metro).

Metro-Österreich-Chef Arno Wohlfahrter rückt ökologische Nachhaltigkeit ins Zentrum der Unternehmensentwicklung. Schritt für Schritt, von Elektromobilität bis hin zum Nullenergie-Vorzeigemarkt in St. Pölten. Diskussionsrunden sollen dafür Argumente liefern.

Im Tagesgeschäft schlägt er sich mit Gastronomen und Hoteliers herum, die zunehmend lieber beliefert werden wollen, statt selbst zum Großhandelsmarkt zu fahren. Er kämpft mit Elektroautos, die zu wenig Batteriekapazität haben, um den auszuliefernden Tiefkühlfisch auch richtig zu kühlen. Und er versucht, Investoren der börsennotierten deutschen Muttergesellschaft zu überzeugen, denen die schnelle Rendite lieber ist als eine teure Photovoltaikanlage am Dach.

Dreimal im Jahr allerdings leistet sich Arno Wohlfahrter, seit zwei Jahren Chef von Gastrogroßhändler Metro Österreich, den Luxus, in seiner "Wiener Mittwochsgesellschaft des Handels" über Grundsätzliches nachzudenken, gemeinsam mit immer unterschiedlichen Vorund Nachdenkern aus Politik und Wirtschaft. Denn das, was der Topmanager aus seiner vielfältigen Karriere mitgenommen hat -vom Profiradsportler über Tankstellenmanager und Banker bis hin zum Lebensmittelgroßhändler -, will er auch für den wirtschaftlichen Erfolg nützen: die Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Denn eines ist ihm klar: Der Wettbewerb lässt es nicht zu, nur im eigenen Saft zu schmoren. Metro Österreich betreibt zwölf Großmärkte, betreut mehr als 500.000 Kunden, beschäftigt fast 2.000 Mitarbeiter und promotet 48.000 Artikel im Portfolio. Das bedeutet zwar eine Topposition im heimischen Ranking. Aber die Konkurrenz ist auch nicht untätig: vom Hauptmitbewerber (und Europamarktführer) Transgourmet aus der milliardenschweren Schweizer Coop-Gruppe bis hin zu kleinen, aber expansiven Familienbetrieben wie der Kastner-Gruppe aus dem Waldviertel.

Kein Ökoschmäh

Zuletzt lieferten Wohlfahrter bei der gemeinsam mit dem "trend" organisierten Diskussionsveranstaltung Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger, Hotelier-Vertreterin Michaela Reitterer und Spitzengastronom Heinz Reitbauer den Input. Es ging um das Thema "Nachhaltigkeit".

Für Reitterer etwa war das ein argumentatives Heimspiel, mit ihrem Ökohotel in Wien, dem ersten Nullenergie-Hotel Österreichs, mit Investitionen in Fassadenbegrünung, PV-Anlage, Regenwassernutzung und Bio-Verpflegung: "Wir machen natürlich damit Marketing, sonst wären die Ausgaben kaufmännisch auch fahrlässig. Und es wirkt. Es ist ein USP, es ist authentisch, und es ist mehr als ein Ökoschmäh." Wenn das Personal gutgläubig Biotrauben aus Chile ordert, kann das schon mal zum Konflikt mit der Chefin führen und zu Nachschulungen in Sachen ökologischer Fußabdruck.

Heinz Reitbauer vom Wiener Haubenlokal "Steirereck" wiederum ist ein Anhänger der These, dass Nachhaltigkeit nicht alles ist, aber ohne Nachhaltigkeit aller wirtschaftlicher Erfolg nicht viel wert sei: "Natürlich ist nicht alles bio bei uns - aber alle Lieferanten sind sehr nachhaltig und sorgfältig ausgesucht." Selbst für Spitzengastronomie sei nachhaltiges Wirtschaften nicht zwingend, sagt er. "Bei uns ist es dennoch eine Herzensangelegenheit." Nachhaltigkeit muss sich für den Spitzenwirt offensichtlich nicht sofort in finanzieller Rendite auswirken: "Wir betreiben seit Jahrzehnten selbst eine kleine Biolandwirtschaft und schaffen es bei bestem Willen nicht, wirklich positiv abzuschließen."

Keine Verbote

Nachhaltigkeitsministerin Köstinger wiederum betonte, dass das Thema ganz oben auf ihrer Liste stünde - allerdings ohne Droh- oder Zwangsmaßnahmen. "Die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit geht jedenfalls nur mit der Wirtschaft, nicht gegen sie", postulierte sie. "Wir müssen die Leute mitnehmen, aber ohne erhobenen Zeigefinder. Und mehr kosten darf so eine Strategie auch nicht."

Köstinger geht es um schrittweise Anpassung der politischen Vorgaben. Der eben zur Diskussion gestellte Entwurf einer neue Klima- und Umweltstrategie gehe in die gemeinte Richtung: "Bis 2030 werden wir einen ersten Zwischenschritt erreichen. Dabei halte ich nichts davon, mit Verboten anzufangen. Wichtiger ist, unseren Technikern, Erfindern und Innovatoren einen Teppich auszulegen." Das habe sie bei der jüngsten Regierungsreise nach China gesehen: "Ich war erstaunt, welch großes Interesse das Land an unseren innovativen Unternehmen hatten, die mit uns dabei waren."

Ein Aspekt, den Metro-Boss Wohlfahrter letztlich auch nicht ungern aufnahm. Denn wenn Metro bei Kunden punkten will, dann mit Innovationen und Neuerungen, sei es die neue Elektroautoflotte, ein gemeinsam mit der Post betriebener Fuhrpark für die Zustellung oder eine neue Bestell-App für Gastwirte, die Zusammenarbeit mit Start-ups, der neue Vorzeigemarkt in St.Pölten, ein Passivenergie-Gebäude, das mehr Energie produziert, als es selbst benötigt. Nachhaltig vom Kopf -eine riesige PV-Anlage sorgt für CO2-freie Stromversorgung -bis zum Fuß mit regionalem Fichtenholz als vorherrschendem Baustoff. "Es gilt für uns als Lebensmittelgroßhändler, einen Mix aus allen Trends zu bedienen, auch das Billig-Billig-Segment, sonst wären wir schnell pleite", gab Wohlfahrter zu bedenken. "Aber das müssen wir in Richtung Nachhaltigkeit transformieren, und zwar Schritt für Schritt. Denn die Disruption schätzt in Wirklichkeit niemand." Ohne nachhaltig zu wirtschaften, kann auch ein B2B-Händler heutzutage nicht mehr bestehen.

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