Digitalisierung: Alles ist online

Siemens Österreich Vorstandschef Wolfgang Hesoun

Siemens Österreich Vorstandschef Wolfgang Hesoun: "Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik"

Siemens Österreich Vorstandschef Wolgang Hesoun über Zeit- und Kosteneffizienz durch die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette.

trend: Das große Stichwort für die Wirtschaft der Zukunft heißt Digitalisierung?
Wolfgang Hesoun: Ja, aber Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik, sondern schon in der Realität angekommen. Unsere Industrie hat bereits einen hohen Automatisierungsgrad. Jetzt geht es darum, unsere Kunden bei der Lösung ihrer Herausforderungen zu unterstützen, um weiterhin erfolgreich am Markt zu sein. Dafür wird nicht nur der Produktionsprozess selbst, sondern die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert.

trend: Was bedeutet das konkret?
Wolfgang Hesoun: Nehmen wir die Autoindustrie, die auf dem Gebiet der Digitalisierung ein Vorreiter ist. Früher gab es für neue Modelle eigene Entwicklungsprozesse und langwierige Testphasen, während derer immer wieder etwas geändert wurde. Heute funktioniert das alles virtuell: Entwicklung, Simulationen und Tests passieren im Computer. Für die Zulieferer bedeutet das, dass sie sich auch online einklinken müssen: Es gibt keine Pläne mehr, die per Post versandt werden, sondern alles ist online.

trend: Welche Vorteile bringt das?
Wolfgang Hesoun: Knackpunkt ist die Geschwindigkeit, mit der ein neues Produkt auf den Markt kommt. Früher brachten die großen Autohersteller etwa alle acht Jahre ein neues Modell auf den Markt. Heute ist der Zeitraum auf rund vier Jahre geschrumpft -inklusive individueller Kundenwünsche! Wer das beherrscht, gewinnt. Dank der digitalisierten Prozesse im Vorfeld können unsere Ingenieure von Linz aus für die Automobilindustrie weltweit Roboterstraßen programmieren und in Betrieb setzen. Allein für die Rohbaukarosserien werden bis zu 800 Roboter verwendet. Während das Design einer Karosserie entsteht, werden die Roboter von den Ingenieuren entsprechend platziert und bei Änderungen mit minimalem Aufwand per Mausklick versetzt. Früher konnte die Software-Programmierung erst starten, wenn das Design komplett fertig war. Der Zeit-und Effizienzgewinn ist enorm.


Die Digitalisierung ist ein zentraler Produktivitätshebel.

trend: Was bedeutet das für die Mitarbeiter und ihre Arbeitsplätze?
Wolfgang Hesoun: Die Anforderungen an die Mitarbeiter und Aufgabenbereiche ändern sich. Es werden neue Anforderungsprofile entstehen -der Umgang mit Software und Programmierkenntnisse werden immer wichtiger. Vor allem aber ändert sich die Produktionskapazität. Im Siemens-Werk im bayerischen Amberg haben wir 1.200 Mitarbeiter, genauso viele wie vor 25 Jahren. Aber wir produzieren dort jetzt achtmal so viel wie damals.

trend: Wie beeinflusst die Digitalisierung sowohl Produktionsprozesse als auch Produktivität?
Wolfgang Hesoun: Nehmen wir zum Beispiel die Pharmaindustrie: Die Entwicklung neuer Arzneimittel und Wirkstoffe ist kostenintensiv und zeitaufwendig. Ob ein Medikament mit den zuvor definierten Produktmerkmalen übereinstimmt, wird üblicherweise erst am Ende der Produktion überprüft. Treten Abweichungen auf, wird die Charge nicht freigegeben. Die Lösung dieses Problems liegt in der Digitalisierung der Produktionsanlage - und zwar über den gesamten Anlagenzyklus: vom Engineering und Betrieb bis hin zur laufenden Optimierung. Daher arbeiten wir in Wien in einer Bioprozess- Pilotanlage an innovativen Methoden, um Bioprozesse im Pharmabereich und in der Lebensmittelindustrie zu optimieren. Die Digitalisierung ist auch hier ein zentraler Produktivitätshebel, der über diesen Weg die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen steigert.

trend: Spielt die Digitalisierung auch außerhalb des reinen Produktionsprozesses eine Rolle?
Wolfgang Hesoun: Ja, sie betrifft im Grunde alle Lebens-und Arbeitsbereiche. Nehmen Sie das Thema Ersatzteile für einen Zug. Das sind Hunderttausende. Diese alle permanent auf Lager zu halten, verursacht hohe Kosten. Heute kann der Zug selbst, via Onlineverbindung, mitteilen, was defekt zu werden droht, und wenn er dann in der Wartung ist, können gewisse Ersatzteile, je nach Erfordernis, aus dem 3D-Drucker kommen.

trend: Für all das braucht es leistungsstarke Datennetze.
Wolfgang Hesoun: Absolut, die Infrastruktur muss funktionieren. So, wie man ohne Eisenbahnanschluss kein Stahlwerk betreiben kann, ist ohne Internet keine digitale Produktion möglich. Deshalb ist es wichtig, in die Qualität des Wirtschaftsstandortes zu investieren -etwa in Breitband. Von der Qualität der Infrastruktur wird es abhängen, ob es uns gelingt, Jobs zu schaffen und zu sichern. Wir müssen die Digitalisierung als Chance begreifen und diese zielgerichtet gestalten, um unsere Stärken klar hervorzustreichen - denn mit der Digitalisierung wächst auch die Austauschbarkeit der Unternehmen im internationalen Wettbewerb.

trend: In Wien-Aspern betreibt Siemens mit Partnern eine Pilotfabrik. Was passiert dort?

Wolfgang Hesoun: In großen Unternehmen ist die Digitalisierung bereits Realität. Von diesem Wandel sollen auch kleinere Betriebe profitieren. Für Klein-und Mittelunternehmen ist es aber schwierig, sozusagen auf gut Glück die großen Anfangsinvestitionen zu stemmen. In dieser ersten Pilotfabrik -weitere sind geplant - gibt es für Betriebe die Möglichkeit, die neuen Produktionstechnologien zu erproben.

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