Frau Dichand, was erwarten Sie vom „Superminister“ Martin Kocher?

Der Spielraum von Martin Kocher als Wirtschaftsminister ist deutlich kleiner als die Erwartungen der Unternehmer an ihn. „Heute“-Herausgeberin Eva Dichand sieht Kochers Bewegungsspielraum eingeengt, denn: „Sozialpartner, Länder, Bünde und Bonzen reden wieder mit. Die Strukturen wie vor vielen Jahrzehnten sind zurück.“

Herausgeberin Eva Dichand im Newsroom von "Heute".

Herausgeberin Eva Dichand im Newsroom von "Heute".

trend: Frau Dichand, was erwarten Sie vom „Superminister“ Martin Kocher?
Eva Dichand: Kocher ist fähig und gut, er kapiert die Zusammenhänge und auch, dass man jetzt etwas tun muss. Der Arbeitsmarkt wird ihn in den nächsten Jahren jedoch ziemlich beanspruchen. Wunder wird auch er nicht vollbringen können.

Fachkräftemangel war auch schon als Arbeitsminister sein Thema. Wie ist die Situation in der Digitalbranche aktuell?
Man findet keine Datenanalysten, keine Programmierer, keine Frontend-Developer - und dadurch stockt es bei uns in der Digitalisierung so. In der Schule lernen wir noch immer Altgriechisch und Latein statt Coding. Wenn du kein Weltkonzern bist, ist Digitalisierung ein teurer Spaß - da braucht es auch zugeschnittene Förderungen.

Ohne gezielte Zuwanderung wird es dennoch nicht gehen, oder?
Ja, aber da müssen wir uns stärker an den Schweizern orientieren: Wir sollten jene ins Land lassen bzw. sogar holen, die auch über benötigte Qualifikationen verfügen. Vom Fliesenleger bis zum Programmierer, vom Lkw-Fahrer bis zur Pflegekraft. Insofern muss man Länder wie Philippinen oder Indonesien wieder für die Rot-Weiß-Rot-Card öffnen- vielleicht sogar nur für ein paar Jahre begrenzt.


Unternehmer werden mehr als nur ein Gehalt bieten müssen, um Mitarbeiter zu finden und zu halten.

Die Arbeitgeber sind ja wohl auch in der Pflicht?
Auch die großen Unternehmen werden umdenken müssen, ja: lieber ein Prozent weniger Dividende ausschütten, diese dafür in Kinderbetreuung und Ausbildung für die Kinder der Mitarbeiter etc. investieren. Unternehmer werden mehr als nur ein Gehalt bieten müssen, um Mitarbeiter zu finden und zu halten. Nur alles für den Shareholder Value optimieren - diese Zeiten sind vorbei.

Visionen gibt es überhaupt nur noch wenige.
Wir waren einmal Vorreiter und Weltspitze in der grünen Bewegung. Vom Mülltrennen, Wasserkraft, Erdwärme bis hin zu Einspeisetarifen für Windkraft und Photovoltaik. Ebenso in der Bio-Landwirtschaft. Wir müssen auf Qualität und Nachhaltigkeit und nicht auf Masse und billig setzen.

Kocher wird es als Parteiloser in einem Umfeld, das Parteizugehörigkeit und Hausmacht begünstigt, nicht einfach haben, all das umzusetzen.
Ich fürchte da haben Sie Recht. Das politische Pendel schlägt jetzt wieder in die andere Richtung: Sozialpartner, Länder, Bünde und Bonzen reden wieder mit. Die Strukturen wie vor vielen Jahrzehnten sind wieder zurück.


Lesen Sie mehr über Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Kocher und die Erwartungen der Wirtschaft an ihn im Artikel: "Wie super ist der neue Superminister?" in der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25.05.20222

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