Deutsche Bank: "Investmentbanking war der Führung damals fremd"

Deutsche Bank: "Investmentbanking war der Führung damals fremd"

Unmittelbar vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank geht der Chefvolkswirt des Instituts mit der früheren Bank-Führung hart ins Gericht. Er analysiert Fehlentscheidungen von Mitte der 90er Jahre bis 2012 die Bank in die desaströse Lage gebracht haben. Die besten Zitate des Volkswirts.

Erstmals äußert sich David Folkerts-Landau, Chefökonom der Deutschen Bank, sich im Gespräch mit dem deutschen Handelsblatt öffentlich zur Krisen-Bank. Das Hauptproblem aus seiner Sicht: Die damaligen Vorstandschefs hätten eine unkontrollierte Expansion im Kapitalmarktgeschäft eingeleitet, unter deren Folgen die Bank bis heute leide.

Rasanter Aufstieg durch Kauf einer US-Investmentbank Ende der 90iger Jahre

Das Geschäft rund um die Kapitalmärkte war viele Jahre die Gewinnmaschine der Deutschen Bank. Mit dem Handel von Wertpapieren, der Beratung bei Börsengängen oder der Finanzierung von Übernahmen ließ sich viel Geld verdienen. Um mit den Wall-Street-Häusern auf Augenhöhe spielen zu können, kauften die Frankfurter 1999 die US-Investmentbank Bankers Trust. "Da waren wir schlagartig jemand auf der internationalen Landkarte", sagt der damalige Vorstandschef Rolf Breuer. Dagegen galt das klassische Spar- und Kreditgeschäft mit Privatkunden und Firmen als langweilig und wenig einträglich.

Strategische Führung der Bank Börsenhändlern überlassen

"Die Führung der Bank überließ seit Mitte der 90er Jahre die operative und strategische Kontrolle des Kapitalmarktgeschäfts den Händlern", analysiert der Chefökonom. "Der damaligen Führung war - unabhängig von ihren ehrenwerten Motiven - die neue Welt des Investmentbankings völlig fremd. Dadurch schlug die Bank eine Richtung ein, die uns nahezu zwangsläufig dahin führen musste, wo wir heute stehen."


Wer einen Klempner beauftragt, sein Haus zu bauen, darf sich nicht wundern, wenn es am Ende zu viele Bäder hat

Dass die Händler, das Geschäft massiv ausbauten, ist aus Sicht des Ökonomen folgerichtig. "Wer einen Klempner beauftragt, sein Haus zu bauen, darf sich nicht wundern, wenn es am Ende zu viele Bäder hat."


Es war ein Erfolg, der zulasten der Zukunft ging

Bremsen müssen hätte die Führung der Bank. Doch unter Breuers Nachfolger, Josef Ackermann - Vorstandschef von 2002 bis 2012 - habe das Wachstum der Investmentbank oberste Priorität gehabt. "Es war ein Erfolg, der zulasten der Zukunft ging. Im Rückblick wird klar, dass die Strategie des 'Wachstums über alles' scheitern musste", argumentiert Folkerts-Landau, der seit mehr als 20 Jahren bei Deutschlands größtem Bankhaus arbeitet.

Nach dem Crash 2008: Manipulationen und fragwürdige Deals folgten

Der Bruch kam mit der großen Krise, die 2008 um ein Haar zum Kollaps des globalen Finanzsystems führte und die Weltwirtschaft an den Rande des Abgrunds brachte. Seitdem entwickelte sich das Kapitalmarktgeschäft und Investmentbanking zum Problemfeld der Deutschen Bank: Skandale wie die Manipulation von Referenzzinssätzen oder fragwürdige Deals rund um amerikanische Hypothekenpapiere kosteten die Frankfurter Milliarden. Drei Jahre hintereinander schrieb die Deutsche Bank hohe Verluste. Kunden verloren das Vertrauen.


Die Bank machte so weiter wie vor der Krise. Dadurch gingen kostbare Jahre verloren

Folkerts-Landau kritisiert, dass nach der Finanzkrise die Strategie des Instituts nicht geändert wurde. "Die Bank machte so weiter wie vor der Krise und hoffte, dass sich die Märkte wieder normalisieren würden. Dadurch gingen kostbare Jahre verloren."

Ackermann beurteilt die Lage ganz anders

Ackermann hat nach eigener Einschätzung Mitte 2012 dagegen eine gut aufgestellte Bank an seine Nachfolger übergeben. "Wir haben alles zeitnah korrigiert, was als korrekturbedürftig erkennbar war", sagte der Schweizer jüngst.


Auf der Hauptversammlung an diesem Donnerstag in Frankfurt dürfte allerdings weniger die Vergangenheit von Deutschlands größtem Bankhaus als die Arbeit von Aufsichtsratschef Paul Achleitner im Fokus stehen. Einflussreiche Stimmrechtsberater haben kritische Fragen an die Adresse des seit Juni 2012 amtierenden Chefkontrolleurs angekündigt.

Rauswurf von Cryan verwunderte

Am Sonntag nach Ostern beförderte das Kontrollgremium den bisherigen Konzernvize Christian Sewing auf den Chefsessel - und Amtsinhaber John Cryan vor die Tür. Dass der von Achleitner selbst als Sanierer eingesetzte Brite vorzeitig gehen musste, obwohl er etwa beim Abbau juristischer Altlasten erfolgreich Tempo gemacht hatte, erschloss sich nicht jedem Investor.


Berufung Sewings zum neuen Boss ein epochaler Wandel

Folkerts-Landau sieht in der Berufung Sewings einen "epochalen Wandel". Nach 16 Jahren sei wieder ein Deutscher Chef der Deutschen Bank. "Er kann den Mitarbeitern, ob in Eschborn oder in New York, die Zuversicht in die Zukunft ihrer Bank zurückgeben - und das tut er bereits."

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