Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Achleitner vor Abgang

Er war im Jahr 2020 der am besten verdienende Aufsichtsratschef Deutschlands: Der Österreicher Paul Achleitner, oberster Kontrolleur der Deutschen Bank. Nun wird Achleitner 65 und steht bei der Deutschen Bank vor dem Abgang.

Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank

Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank

Paul Achleitner hat sich bemerkenswert lange auf einem der wichtigsten Posten der deutschen Wirtschaft gehalten. Doch nach zehn Jahren als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank soll Schluss sein. Das hat der Österreicher wiederholt bekräftigt, der am Dienstag (28.9.) 65 wird. Die nächste reguläre Hauptversammlung am 19. Mai 2022 soll Achleitners letzte als Chefkontrolleur des größten deutschen Geldhauses sein.

Zu möglichen Nachfolgern hält sich Achleitner nach außen hin diplomatisch bedeckt. Der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrates werde "zu gegebener Zeit" einen Vorschlag machen, sagte er im Mai. Chancen werden Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer eingeräumt. Auch Ex-Volkswagen-Finanzvorstand Frank Witter gilt als möglicher Kandidat für den Aufsichtsratsvorsitz bei dem Frankfurter Dax-Konzern. Der langjährige Europachef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC und heutige Bayer-Aufsichtsratsvorsitzende, Norbert Winkeljohann, hat einem Bericht des "Manager Magazins" zufolge bereits abgewunken.

Aus der Krise manövriert

Der Zeitpunkt für Achleitners Abtritt scheint günstig. Die Deutsche Bank schreibt wieder schwarze Zahlen, der Vorstand freut sich über das beste erste Halbjahr seit 2015, der Aktienkurs (DE0005140008) hat das Rekordtief von knapp 4,45 Euro ein gutes Stück hinter sich gelassen. Aktuell notiert das Papier bei gut 11 Euro, die Aktionäre dürfen nach zwei Nullrunden wieder auf Dividende hoffen.

"Unsere Bank steht stabil da, viele, wenn auch nicht alle Probleme vergangener Jahre sind abgearbeitet", bilanzierte Achleitner bei der diesjährigen Hauptversammlung. Die Bank sei auf Kurs zu "nachhaltiger Profitabilität". Auch Aktionärsvertreter loben die Fortschritte.

Noch 2019 schien Achleitner ein Chefkontrolleur auf Bewährung. Immer klarer wurde seit seinem Amtsantritt Mitte 2012: Das Haus war mitnichten "besenrein", wie Josef Ackermann es zu seinem Abschied nach einer Dekade als Deutsche-Bank-Chef im Frühjahr 2012 versprochen hatte. Während die US-Konkurrenz direkt nach der Finanzkrise Bilanzen und Geschäfte entrümpelte, wurschtelte sich die Deutsche Bank durch.

Aus der Krise manövriert

Statt in der Champions League zu spielen, verschliss das einst stolze Institut im Stile abstiegsbedrohter Fußball-Clubs einen Trainer nach dem anderen. Der im April 2018 zum Vorstandsvorsitzenden beförderte Christian Sewing ist der vierte Konzernchef in der Ära von Bayern-München-Fan Achleitner.

Chefkontrolleur Achleitner blieb über die Jahre im Amt und musste sich wiederholt die Frage gefallen lassen, ob das Geldhaus nicht längst besser dastünde, wenn der Aufsichtsrat nicht zu lange an den falschen Managern festgehalten hätte. Dass ausgerechnet der Investmentbanker Anshu Jain als Co-Chef (Juni 2012 - Juni 2015) mit den teuren Altlasten des Kapitalmarktgeschäfts aufräumen und gemeinsam mit Co-Chef Jürgen Fitschen einen "Kulturwandel" bei der Deutschen Bank vorantreiben würde, hielten Kritiker schon bei Jains Berufung für fragwürdig. Den als Sanierer installierten John Cryan (Juli 2015 - April 2018) ließ Achleitner trotz dessen schonungsloser Analyse der Misere des Geldhauses wieder fallen.

Bei der Hauptversammlung 2019 forderten Aktionäre die "Abwahl des Systems Achleitner". Der Chefkontrolleur zeigte sich selbstkritisch: "Habe ich in den vergangenen sieben Jahren Fehler gemacht? Ja natürlich habe ich in den vergangenen sieben Jahren Fehler gemacht", sagte Achleitner - und machte zugleich klar, dass er nicht an Rücktritt denke: "Bin ich die Wurzel allen Übels? Nein, natürlich bin ich das nicht." Er sei bis zur Hauptversammlung 2022 gewählt und habe in seiner Zeit bei dem Institut "doch so viele tolle Menschen kennengelernt innerhalb der Bank, aber auch unter Investoren und Kunden, dass ich nicht vorhabe, diese im Stich zu lassen".

Linzer Fädenzieher

Der privat in München lebende Achleitner gilt als gut vernetzter Fädenzieher. Er begann seine Karriere 1984 nach Wirtschaftsstudium samt Promotion im schweizerischen St. Gallen bei der Unternehmensberatung Bain. 1988 wechselte der gebürtige Linzer zur legendären Wall-Street-Bank Goldman Sachs und baute für sie das Deutschland-Geschäft auf. Dabei brachte er etwa die Telekom an die Börse und schmiedete Thyssen und Krupp zu einem Konzern zusammen.

Im Jahr 2000 holte der damalige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle den Investmentbanker als Finanzchef des Versicherungsriesen nach München (bis 2012). Von dort ging es für Achleitner beruflich nach Frankfurt in die Doppeltürme der Deutschen Bank.

Lange sah es so aus, als habe den einst als Deal-Maker gefeierten Manager bei der Mammutaufgabe, die Deutsche Bank neu auszurichten, das Glück verlassen. Doch Sewings bisherige Bilanz lässt den bestbezahlten Chefkontrolleur eines Dax-Konzerns wieder hoffen, dass er seinen Abschied im nächsten Jahr damit krönen kann, dass die Bank erstmals seit dem Geschäftsjahr 2018 wieder Gewinn ausschüttet. "Der Vorstand hat die intensivste Phase des Umbaus unserer Bank erfolgreich abgeschlossen", so Achleitners jüngstes Urteil.

Problemfelder

Doch längst nicht alles läuft komplett rund. Das Investmentbanking ist nach wie vor der Gewinnbringer, obwohl der Vorstand antrat, die Abhängigkeit vom schwankungsanfälligen Kapitalmarktgeschäft zu verringern. Der Kampf gegen Geldwäsche bleibt ein Dauerbrenner, die Finanzaufsicht Bafin mahnte mehr Anstrengungen der Bank an. Schließlich: Im jüngsten Stresstest der europäischen Bankenaufsicht EBA schnitt die Deutsche Bank schlecht ab: Nur bei 4 der 50 getesteten Geldhäuser sank die Kernkapitalquote im simulierten Krisenszenario noch niedriger.

Am heimischen Küchentisch soll all das keine Rolle spielen, wie Achleitner vor Jahren schilderte. Dort werde mit Gattin Ann-Christin Achleitner, selbst renommierte Wirtschaftsprofessorin an der TU München und Mitglied in etlichen wichtigen Gremien, nicht über die Deutschland-AG beraten: "Die letzte Mathearbeit und der nächste Schulausflug interessieren hier mehr als Boni-Programme und Eigenkapitalregeln." Das seit 1994 verheiratete Paar hat drei Söhne.

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