Produktivität sinkt trotz Technologieschub

Produktivität sinkt trotz Technologieschub

Immer neue Produkte kommen auf den Markt, aber die Produktivität sinkt.

Nur fünf Prozent der Betriebe gelingt es in einer Volkswirtschaft die Produktivität kräftig zu steigern, im Schnitt sinkt sie derzeit sogar. Assenagon-Chefökonom Martin Hüfner erklärt, warum das so ist und warnt: "Überlegen Sie sich genau, ob Sie in Firmen investieren, die noch kein Geld verdienen."

Eines ist eines der großen Rätsel der Ökonomie. Der technische Fortschritt schreitet immer schneller voran, aber die Produktivität zieht nicht mit. Im Gegenteil: Sie verlangsamt sich sogar. Der Nobelpreisträger Robert Solow merkte dazu schon vor dreißig Jahren an: "Sie können das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken".

Dass die Produktivität sinkt ist ein weltweites Phänomen. „Es gilt sowohl für die USA, die durch ihr Silicon Valley zu einem Treiber der modernen Techniken geworden sind, wie auch für Deutschland, das noch hinterherhinkt“, erklärt Martin Hüfner, Chefökonom der Fondsgesellschaft Assenagon in einem Kommentar. Die Produktivität je Arbeitsstunde in Deutschland in den letzten 25 Jahren gesunken. In den 90er Jahren lag die Zuwachsrate noch bei im Schnitt zwei Prozent jährlich, inzwischen ist sie auf unter ein Prozent gefallen. 2018 ist sie gar gesunken.

Seit 2002 sinkt die Produktivität in Deutschland. In anderen Industrieländern ist die Produktivitätswachstum ähnlich schwach.

Wie passt das zusammen? Wie kommt es, das der technische Fortschritt boomt, das Produktivitäts-Wachstum aber schwach ist? Der Grund für dieses Paradoxon: „Technischer Fortschritt und Produktivitätswachstum verlaufen nicht synchron“, so Hüfner. Es gebe zwar Bereiche, in denen technischer Fortschritt die Produktivität verbessert, aber auch mindestens genauso viele Fälle, in denen er nichts mit dem Produktivitätswachstum zu tun habe.


Technischer Fortschritt hat in vielen Fällen nichts mit Produktivitätswachstum zu tun

Smartphones verbessern Produktivität nicht
Gerade bei der Entwicklung neuer Produkte hat sich in letzter Zeit viel getan. Man denke nur an Smartphones, die den Markt in den vergangenen Jahren überschwemmt haben. Oder an Autos, Kühlschränke oder Fernsehapparate, die durch neue Erfindungen verbessert wurden. „Das hat nichts mit Produktivität zu tun. Es verbessert zwar den Nutzen der Kunden, aber Produktivität bezieht sich allein auf die Prozesse in der Produktion“, erläutert Hüfner. Diese bemisst sich an der Arbeitsleistung je Beschäftigtem oder je Beschäftigtenstunde. Die Höhe hängt vom technischen Fortschritt ab. Vor zehn Jahren wurde anders produziert als heute. Daneben spielen für die Produktivität aber auch andere Aspekte eine Rolle.

So ist essentiell, wie und ob der technischen Fortschritts in den Betrieben umgesetzt wird. Hüfner: „Die Erfindung der Dampfmaschine hat für die Volkswirtschaft an sich nichts gebracht. Erst als sie in den Betrieben zum Antrieb von Maschinen oder im Verkehr als Lokomotive genutzt wurde, wurde sie volkswirtschaftlich relevant und hat die Produktivität erhöht.“

Zuerst steigen nur die Kosten
Bei dieser Umsetzung hapert es auch heute vielfach. So müssen, um den technischen Fortschritt umzusetzen, neue Maschinen angeschafft werden. Produktionsprozesse müssen umgestaltet werden. Das Personal muss geschult werden. „Unterm Strich erhöht das den Output in den meisten Fällen zunächst überhaupt nicht. Es steigen nur die Kosten“, erläutert Hüfner. Wenn sich nach einer gewissen Zeit die positiven Effekte zeigen sollten, kommt aber oft wieder eine neue Technik, deren Einführung wieder Geld kostet. Das ist ein permanenter Prozess, eine Innovation löst die andere ab. „Man muss sich nur die großen IT-Abteilungen in den Unternehmen anschauen, die immer größer werden. All das verlangsamt das Wachstum der Produktivität“, so der Assenagon-Chefökonom.

Nur fünf Prozent der Betriebe zählen zu den Produktivitätsgewinnern
Die Umsetzung des technischen Fortschritts erfolgt in den Betrieben mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Große Unternehmen können es sich meist leisten, Innovationen schneller einzusetzen. Im Mittelstand dauert es in der Regel etwas länger. Nach Berechnungen der OECD haben die fünf Prozent produktivsten Betriebe ihren Output je Stunde zwischen 2001 und 2013 um 40 Prozent erhöht.

Die restlichen 95 Prozent der Betriebe (vor allem im mittelständischen Bereich) konnten ihre Produktivität in dieser Zeit dagegen kaum verbessern. Im Durchschnitt ergibt sich daraus eine Zunahme von gerade einmal zwei Prozent.

Gute Infrastruktur ebenso wichtig
Daneben gibt es noch einen anderen Faktor, der nichts mit dem technischen Fortschritt zu tun hat. Hüfner: „Das Umfeld für die Unternehmen muss stimmen. Eine Volkswirtschaft kann technisch noch so gut und fortschrittlich sein und viele Patente anmelden, wenn die Straßen und Brücken schlecht sind und die Güter nicht schnell genug transportiert werden können oder wenn es bei der Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte hakt, bleibt das Wachstum niedrig und die Produktivität erhöht sich nur langsam.“

All das erklärt, weshalb das Produktivitätswachstum trotz hohen technischen Fortschritts so langsam ist und eher noch weiter abnimmt. „Es ist zu vermuten, dass sich daran auch nicht so schnell etwas ändern wird. Die negativen Effekte der demografischen Alterung kann das damit verbundene schwache Wirtschaftswachstum nicht ausgleichen.“

Für den Anleger ist die Unterscheidung zwischen technischem Fortschritt und Produktivität wichtig. Im Augenblick kommen viele Firmen mit klugen Ideen und Innovationen an die Börse. „Sie wirken attraktiv, sind als Unternehmen aber noch nicht so weit, Geld zu verdienen“, erläutert der Ökonom. Die britische Zeitschrift Economist erwähnt ein Dutzend solcher Firmen, die derzeit entweder schon gelistet sind oder den Antrag gestellt haben. Sie machen insgesamt Verluste in Höhe von 14 Milliarden Dollar. Hüfner: „Das ist gefährlich für Anleger. Sie sollten es sich genau überlegen, in Firmen zu investieren, die noch kein Geld verdienen. Lassen Sie sich nicht blenden.“

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