Commerzialbank Mattersburg: ein Luftschloss im Burgenland

Im Mittelpunkt des Skandals um die burgenländische Commerzialbank Mattersburg steht eine einzige Person: Bankengründer Martin Pucher. Er steht unter dem Verdacht, über ein Jahrzehnt lang Kredite und Einlagen fingiert zu haben. Wie viele Unternehmen und Personen geschädigt wurden ist noch nicht absehbar. Auch der SV-Mattersburg ringt ums Überleben.

Martin Pucher, Ex-Präsident des SV Mattersburg und gestrauchelter Banker

Martin Pucher, Ex-Präsident des SV Mattersburg und gestrauchelter Banker

Der aus kleinen Verhältnissen stammende 64-jährige Martin Pucher war in Mattersburg im Burgenland eine große Nummer. Er legte mit der Herauslösung der Commerzialbank Mattersburg aus dem Raiffeisensektor im Jahr 1995 und der nachfolgenden großzügigen Unterstützung des Bundesligavereins SV Mattersburg den Grundstein für seinen Höhenflug.

Nun fiel der Self-Made-Bankier denkbar tief. Die WKStA ermittelt, es gibt Hausdurchsuchungen im privaten Umfeld Puchers wie beim SV Mattersburg. Untreue und Bilanzfälschung im großen Stil stehen im Raum. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil spricht von einer "Riesensauerei".

Pucher wird verdächtigt, über ein Jahrzehnt lang Kredite und Einlagen fingiert zu haben. Offiziell sollen die Einlagen des kleinen Instituts bei Großbanken 40 bzw. 65 Millionen Euro betragen haben, offenbar waren es aber tatsächlich hätten lediglich einmal 300.000 und einmal 100.000 Euro. Bei angeblich 800 Millionen Euro Bilanzsumme im Jahr 2018 sollen die Einlagen bei Kreditinstituten wie berichtet in Summe 315 Millionen Euro betragen haben. Möglicherweise sei ein Drittel bis zur Hälfte der Bilanzsumme erfunden, die Überschuldung könne bei 400 bis 500 Millionen Euro liegen.

Hilfe vom Land

Die genaue Schadenssumme ist aus heutiger Sicht noch nicht abzuschätzen, etliche Unternehmen wie zahlreiche Privatpersonen sind betroffen. Die Frequentis AG bangt um 31 Millionen Euro. der Konzertveranstalter Barracuda ebenfalls um einen zweistelligen Millionenbetrag. Dem Fußballverein SV Mattersburg kommt der Hauptsponsor abhanden, es droht der Verlust der Bundesligalizenz. Das Land, so versichert ein Sprecher Doskozils, werde beim Verein sicher nicht in die Bresche springen.

Das Burgenland steht jedoch den Unternehmen zur Seite, die wegen der Bankenpleite in Bredouille kommen. Ein Haftungsrahmen von fünf Millionen Euro soll sicherstellen, dass sie ihren Betrieb weiterführen und Löhne auszahlen können. "Jedes Unternehmen bekommt einen Erstkreditrahmen von 100.000 Euro, 80 Prozent der Haftungen übernimmt das Land", sagte Doskozil dazu. Auch die betroffenen Gemeinden erhalten Unterstützung vom Land. Privatpersonen sollen binnen 14 Tagen ein neues Konto bekommen.

Pucher und seine Commerzialbank wollten auch das Stadtzentrum und das Rathaus von Mattersburg für 30 Millionen Euro neu gestalten, das weitere Vorgehen ist auch hier völlig offen.

Bloß verdribbelt?

Pucher selbst war nach einem Schlaganfall zuletzt nicht mehr häufig in der Öffentlichkeit aufgetreten und auch emotional getroffen: "Bei vielen Gelegenheiten begann er zuletzt, scheinbar unbegründet zu weinen" erzählt ein geschockter Bekannter: "Er war in meinen Augen kein Gangster, er hat sich nur offenbar schwer überschätzt und sich mit dem SV Mattersburg schwer verdribbelt."

Helfen sollen den Betroffenen andere Institute. Bei der Bank Burgenland, vor 20 Jahren ebenfalls im Zentrum eines großen Skandals, werden zwei Rechtsberater vor Ort sein, die Filialen werden länger geöffnet halten, um Kunden die Eröffnung neuer Konten zu ermöglichen. Gleiches gilt für die lokale Filiale der Erste Bank. Ein Vertreter der Einlagensicherung Austria GmbH erstellt eine Kundenliste. Einlagen von bis zu 100.000 Euro von Privatpersonen wie Unternehmen sind ja garantiert.

Gefälschte Saldenbestätigungen

Die "erfundenen" Einlagen bei anderen Instituten hätten das zentrale Hilfsmittel dargestellt, Saldenbestätigungen seien gefälscht worden, so der "Standard". Der Aufsichtsrat habe nichts davon gewusst.

Solche Saldenbestätigungen müssten an sich vom Wirtschaftsprüfer bei den jeweiligen Banken selbst eingeholt werden, bei der Commerzialbank Mattersburg sei das anders gelaufen, heißt es in dem Bericht. Die Burgenländer hätten die meist gefakten Bestätigungen auf Briefpapier der jeweiligen Bank an den Wirtschaftsprüfer TPA geschickt, dort sage man, man habe stets korrekt gearbeitet. TPA prüft die Bilanzen seit 2006 und meinte vorige Woche, man sei Opfer, das "Vertrauen in die Korrektheit der zur Verfügung gestellten Unterlagen" sei missbraucht worden.

Der Interessenverband für Anleger (IVA) kritisiert die TPA dafür. Sie agiere "erstaunlich unprofessionell, indem sie jede Verantwortung zurückweist und versucht, in eine Opferrolle zu schlüpfen", erklärt IVA-Chef Wilhelm Rasinger in einer Aussendung.

"Unglaubliches zu Tage gebracht"

Aufgeflogen sei der Schwindel im Zuge einer turnusmäßigen "Vor-Ort-Prüfung" der Commerzialbank Mattersburg durch die Oesterreichische Nationalbank (OeKB) im Auftrag der Finanzmarktaufsicht (FMA), hieß es im "profil". Die OeNB habe im März mit der Untersuchung begonnen, ehe der Lockdown den Prozess unterbrochen habe. Erst kürzlich, im Juli, sei die Prüfung wieder aufgenommen worden und habe Unglaubliches zutage gefördert.

So wurde offenbar etwa Kredite fingiert, um Zinseinnahmen zu suggerieren. Bei existenten Krediten seien die Zinsen auf bis zu 20 Prozent hochgeschraubt worden. Es gebe den Verdacht, es seien Kredite an Kunden ungerechtfertigterweise (ohne Bonität) vergeben worden, die das Geld als Sponsoring dem Fußballclub SV Mattersburg weitergeleitet hätten. "Die Kunden gab und gibt es zwar tatsächlich, die Kredite in Millionenhöhe aber nicht", schreibt "profil": "Einige dieser Phantomkredite waren obendrein mit bis zu 20 Prozent Effektivverzinsung versehen, wodurch das Zinsergebnis mehrerer Jahre geschönt worden sein dürfte."

Hausdurchsuchungen und Beteuerungen

Die WKStA bestätigte Hausdurchsuchungen an sechs Standorten, mehrere davon in privaten Haushalten. U-Haften gebe es in der Causa keine. Puchers Anwalt Norbert Wess rechnet damit, dass Pucher schon bald an Ort und Stelle bei der Bank und in Anwesenheit des Regierungskommissärs weiterbefragt werden wird. Gegenüber der Staatsanwaltschaft habe Pucher "die Geschehnisse aus der Vergangenheit, soweit das adhoc und ohne Unterlagen aus dem Gedächtnis heraus möglich war, umfassend dargelegt", hieß es in einer Aussendung.

Pucher will demnach "die volle Verantwortung übernehmen und sich nach Kräften bemühen, den Schaden nunmehr so gering wie möglich zu halten, indem er keine anderen Personen für sein eigenes Fehlverhalten verantwortlich macht und weiterhin an einer allumfassenden Aufarbeitung und Aufklärung der Geschehnisse mitwirken kann und wird."

Fußballverein in Nöten

Der Fußballverein SV Mattersburg ringt indessen ums Überleben und um seine Bundesliga-Lizenz. Der SVM steht seitdem nicht nur ohne seinen jahrzehntelangen Club-Regenten, sondern auch ohne den Großsponsor Commerzialbank da. Die übrigen Vorstandsmitglieder des Clubs versuchen, das üppige Loch im Budget zu füllen. Viele Kleinsponsoren sind allerdings selbst wirtschaftlich eng mit der Bank verbunden und auch die Clubkonten werden bei der behördlich geschlossenen Commerzialbank Mattersburg vermutet. Beim SVM stellt sich zunehmend die Liquiditätsfrage.

Das Land wird sich bei dem Sportverein nicht engagieren. "Das Land Burgenland ist nicht dazu da, mit Steuermitteln einen Fußballverein zu führen", sagte Landeshauptmann Doskozil dazu. Die Zeit läuft: Bis zum 24. Juli müssen die Burgenländer ihre finanzielle Situation an den Senat 5 der Bundesliga melden. Im Idealfall soll dann feststehen, wer Puchers Nachfolger wird.

Durch das Aussetzen der finanziellen Kriterien im Lizenzierungsverfahren wegen der Coronakrise würde Mattersburg im Falle eines Sanierungsverfahrens kein Zwangsabstieg drohen, sondern ein Sechs-Punkte-Abzug für die kommende Saison sowie eine Personalkostenbremse. Bei einem Konkurs oder freiwilligen Lizenz-Verzicht würde für Mattersburg der Zwangsabstieg folgen und der sportliche Absteiger WSG Tirol bliebe in der Bundesliga.

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