Coface-Chefanalyst Marcilly: „Jumbo-Protektionismus geht weiter“

Coface-Chefanalyst Marcilly: „Jumbo-Protektionismus geht weiter“

Donald Trump als Reizfigur - an jeder Wand, aber auch im Big Business wegen seiner Zollpolitik.

Der Welthandel wird durch Zölle in Schach gehalten und wird 2020 stagnieren. Kreditversicherer Coface sieht größte Unsicherheit für Unternehmen vor allem infolge des Handelskriegs zwischen den USA und China. Coface erwartet zudem weltweit einen Anstieg der Insolvenzen.

Paris. Donald Trump hat in höchsten Tönen seine eigene „America-First-Strategie“ gelobt, dass Amerika noch nie so gut dagestanden hat wie unter seiner Präsidentschaft. Blickt man auf die Kennzahlen des Welthandels, so zeigt sich ein anderes Bild. Der von Trump vom Zaun gebrochene Handelskrieg, vor allem gegen China, brachte seit 2017 einen massiven Rückgang im Welthandel. Und reihenweise Verlierer, Risiken und Unsicherheiten. Die Risiken sind vor allem für Unternehmen gestiegen - weltweit. „Wir sind in der Ära des Jumbo-Protektionismus angelangt“, sagt Julien Marcilly, der Chefvolkswirt vom Kreditversicherungsunternehmen Coface, auf der jährlich in Paris stattfindenden "Coface-Risiko-Konferenz". Kaum verwunderlich, dass der Fokus der Themen vor allem sich auf die Risikoabschätzungen rund um die Zollpolitiken der einzelnen Supermächte und vor allem die bereits sichtbaren Verwerfungen gerichtet hat.

Ein Ende des Handelskrieges zwischen den USA und China scheint nicht absehbar. Denn der weltweite Handel ist rückläufig und so gering wie seit zehn Jahren nicht mehr, so die jüngste Erhebung von Coface. Und das Wachstum stagniert. Eine Erholung des Welthandels im Jahr 2020 erwartet der Coface nicht. „Auch der kürzlich zwischen den USA und China beschlossene „Waffenstillstand im Handelskrieg“ wird kaum das Vertrauen der Unternehmen bedeutend stärken", meint Coface-Chefanalyst Marcilly.

Im Zuge des Handelskrieges zwischen den USA und China und weiteren weltweiten protektionistischen Maßnahmen anderer Nationen kam es seit den ersten Zollerhöhungen durch die USA gegenüber China im Jahr 2017 zu insgesamt über 1000 neuen Zöllen, Erhöhungen bereits geltender Zollschranken und Maßnahmen zum Schutz von Ländermärkten. Alleine 23 Prozent davon betrafen den Handel zwischen den USA und China. Aufgrund der Unsicherheiten ist das Wachstum im globalen Handel im Vorjahr um 0,75 Prozent gesunken.

Für das laufende Jahr 2020 prognostiziert der einst in Frankreich gegründete Kreditversicherungskonzern Coface ein weltweites Handelswachstum von bescheidenen 0,8 Prozent. "Eine Erholung ist derzeit nicht in Sicht", sagt Chefökonom Marcilly. Noch im Herbst war der Welthandel rückläufig und gegenüber dem Vorjahr um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar geschrumpft. Im Jahr 2017 ist der Welthandel noch um 4,5 Prozent gewachsen, das Jahr 2018 brachte noch 3,1 Prozent Wachstum.

Hohes Risiko, geringes Wachstum

Zölle und weltweit zunehmende politischen Unsicherheiten (etwas Iran, Saudia-Arabien), Umweltrisiken (Brände in Australien, Trockenheit in Afrika, Naturkatastrophen) aber auch die Volatilität von Rohstoffpreisen sind als alles andere als Stimmungsmacher für die Ökonomie. Der von Coface errechnete "Uncertainty Index", mit dem die Analysten des in 62 Ländern vertretenen Kreditversicherer die Risiken von 162 Ländern abbildet, beläuft sich derzeit auf dem Alltime-High. Ergo: Der Grad an Verunsicherung war noch nie so hoch. (siehe unten) .

Coface prognostiziert für das Jahr 2020 eine weitere Verlangsamung des Wachstums. Vor allem die Abschottungstendenzen bremsen die Weltwirtschaft. Ein Ende der Zollpolitik ist daher nicht absehbar. „Der Jumbo-Protektionismus geht weiter“, meint Coface-Chefanalyst Marcilly.



Protektionismus machen nicht nur die USA und China, das ist eine globale Erscheinung
Julien Marcilly
Chefvolkswirt von Coface

Eine Stabilisierung, eventuell eine Rücknahme der seit 2017 rund 1000 neu erhobenen Zölle sieht der Chefanalyst des Kreditversicherers Coface noch nicht. Das Welt-Bruttosozialprodukt (GDP) wird laut Berechnungen von Coface im Jahr 2020 nochmals sinken. Die Abwärtsspirale scheint zwar eingebremst, aber 2020 wird mit einem GDP-Wachstum von 2,4 Prozent gerechnet – seit 2017 ist das GPD von 3,3 auf nunmehr 2,4 Prozent gesunken.

Trumps Drohung als strategische Waffe

Die Unsicherheit in den unterschiedlichen Märkten wird anhalten. Und ob US-Präsident Trump die Zölle belässt, sei nicht abschätzbar, wie die jüngsten Entwicklungen gezeigt haben. „Es gab zwar eine Einigung mit China, aber es muss weiterhin mit neuen Zöllen gerechnet werden“, sagt Coface-Chefvolkswirt Marcilly. „Das Beständige hierbei ist die Unsicherheit“, so Marcilly. US-Präsident Trump könne daher jederzeit wieder mit neuen Zöllen an die Adresse Pekings drohen. Und somit auch die Weltwirtschaft massiv steuern. Aber nicht nur China, sondern auch die EU stand zuletzt immer wieder im Fadenkreuz des US-Präsidenten, der sich vor allem die Autoindustrie, darunter vor allem Daimler und BMW, ins Visier genommen hatte. Vor allem BMW hätte dann ein zusätzliches Problem seine SUV "Made in USA" in China zu verkaufen.

Allerdings warnt der Coface-Chefanalyst davor, nur bei den USA und China zu suchen: „Protektionismus machen nicht nur die USA und China, das ist eine globale Erscheinung.“

Der Schuss nach hinten

Die zwischen 2017 und 2019 erhobenen Zölle haben alleine Import im Werkt von 10 Milliarden US-Dollar betroffen. Für die USA brachte dies zwar höhere Zolleinnahmen und sinkende Arbeitslosigkeit, was aber die Gesamtlage nicht verbessert. Das Gegenteil. „Der Protektionismus funktioniert bis jetzt nicht“, sagt Coface-Chefanalyst Marcilly. Die Amerika-First-Politik habe bei weitem nicht die Effekte gebracht, die sich der US-Präsident versprochen hat. Das Handelsbilanzplus war 2018 noch bei 10,5 Prozent, im Vorjahr belief es sich auf rund 9 Prozent. Stark rückläufig ist dabei der Handel mit China mit einem Minus von 2 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit ist im Vorjahr nur noch um 0,7 Prozent gesunken, 2018 waren es immerhin noch 1,1 Prozent zum Jahr 2017.

Kurioserweise gab es mit Mexiko und Vietnam zwei Gewinner, die von den USA mit Zöllen und der Abschottungspolitik zwar ins Visier genommen wurden. Beide Nationen haben mit den USA eine positive Bilanz und exportieren laut Coface-Analyst Marcilly mehr in die USA als sie von den USA importieren.

Die Zölle haben aber vor allem auf die Industrie sich ausgewirkt, die von der Zollpolitik von Trump alles andere als profitiert. Die Öl- und Gasindustrie verzeichnet zum Ende des Jahres 2019 kräftige Rückläufe von 22,1 Prozent gegenüber 2018. Kräftige Rücksetzer gibt es auch bei Kleidung (minus 9,4 Prozent) sowie in der Automobilproduktion (minus 7 Prozent), die eigentlich von Trumps erhobenen Zöllen profitieren sollte (siehe Grafik, unten) .

„Die Bauwirtschaft ist der Gewinner des ungewöhnlichen Kreislaufs“, sagt Coface-Ökonom Marcilly. Die Ausgaben vor allem für den Bau von Eigenheimen oder Wohnhausanlagen floriert, begünstigt durch die Geldpolitiken verschiedener Länder. Weniger als erwartet wird in die Erneuerung oder den Neubau von Infrastruktur investiert. „Die Hypothekenzinsen sind erstmals unter das Niveau von 1972 gerutscht.“ Die oberen Einkommenschichten sowie Menschen mit geringen Einkommen würden zudem am meisten von der Geldpolitik profitieren – mehr als die Mittelstand.

Für das Jahr 2020 hat dieser Umstand noch einiges an Brisanz. Die Unsicherheiten im protektionistischen Marktumfeld tragen ebenso bei Preisschwankungen etwa bei Rohstoffpreisen herbeizuführen. Besonders davon betroffen wären etwa die Preis für Agrarprodukte, Stahl und Öl. China, das die Hälfte des weltweit produzierten Stahls herstellt, wird die Produktion kräftig auf 5,8 Prozent des Gesamtvolumens kürzen. Zudem wird der Ölpreis weiterhin sinken - von durchschnittliche 64 Dollar pro Barrel im Jahr 2019 auf rund 60 Dollar im Jahr 2020. Was vor allem der US-Ölindustrie kräftig zusetzen wird.

Erhöhte Insolvenzgefahr

Mit dem bevorstehenden Rücksetzer und dem geringeren Wachstum bleibt freilich auch die Insolvenzgefahr hoch. 80 Prozent der Länder weltweit sind von der Insolvenzgefahr betroffen. Im Durchschnitt beläuft sich der Anstieg der Insolvenzen um zwei Prozent, was dem Wert des Vorjahres entspricht. Für die USA wird ein Anstieg der Insolvenzen um 3 Prozent (nach 6 Prozent im Jahr 2019) erwartet, in Großbritannien ebenso 3 Prozent (seit dem Brexit-Votum beläuft der kumulierte Zuwachs 17 Prozent), in Deutschland zwei und Frankreich mit einem Plus von einem Prozent gerechnet

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