Derutscher Ex-Präsident Christian Wulff: „2016 ist ein Schicksalsjahr“

Derutscher Ex-Präsident Christian Wulff: „2016 ist ein Schicksalsjahr“

Christian Wulff schmökert in der ersten Ausgabe des neuen trend: Für seine Kinder hat er Printmedien abonniert, gemeinsam wird am Frühstückstisch über die Inhalte diskutiert.

Christian Wulff, der frühere deutsche Bundespräsident, spricht mit trend.at über die Rolle Europas in einer Welt voller Herausforderungen: Von Syrien über Schengen bis zu den Chancen und Risiken einer digitalisierten Wirtschaft.

Maschinen in Fabriken können sich im Rahmen einer vierten industriellen Revolution – der „Industrie 4.0“ – über IT-Prozesse selbst steuern und verwalten. Haushaltsgeräte kommunizieren miteinander. Preisvergleichsportale im Web üben Preisdruck auf den Handel aus. Bestellvorgänge in Webshops laufen automatisiert, komplett ohne menschliches Zutun ab – verschiedene Studien sagen voraus, dass die Digitalisierung etlicher Geschäftsfelder in den kommenden Jahren neue Jobs schaffen und alte Jobs zerstören wird.

Es besteht mittlerweile kein Zweifel daran, dass wir uns mitten in einer digitalen Revolution befinden. Doch wo liegt Europas Part in dieser Entwicklung? Auf den ersten Blick erscheint das Bild durchaus düster: „Europa war einst das Subjekt der Weltpolitik, nun droht es zum Objekt der Weltpolitik zu werden“, sagt Christian Wulff, von 2010 bis 2012 Präsident der Bundesrepublik Deutschland und ist nun unter anderem als Berater für das Immobilienunternehmen Corestate.

Anlässlich einer Veranstaltung in einer Corestate-Immobilie war Wulff zu Gast in Wien und sprach mit trend.at über Europas Rolle in einer sich wandelnden Welt.

Die Suche nach dem Weg

„2016 ist ein Schicksalsjahr“, sagt der ehemalige deutsche Bundespräsident, wenn es um die aktuellen Herausforderungen für den Kontinent geht: „Wir alle müssen uns positive Botschaften wünschen, wenn es um Syrien geht, um die Flüchtlingskrise oder all die anderen Fragen, die die Menschen verunsichern.“ Früher habe es nur eine einzige Krise auf einmal gegeben, wie etwa die Finanzkrise 2008. Heute hingegen kommen viele Phänomene zusammen – und der Schauplatz ist kein weit entferntes Land, stattdessen spielen sich die Konflikte direkt vor der Haustür der Bürger ab. „Das verunsichert die Menschen, und man muss ihre Sorgen ernst nehmen“, sagt Wulff. Die Bevölkerung erwarte sich nun Lösungen – die Menschen sind politischer geworden und informieren sich über die aktuellen Entwicklungen.

Tatsächlich wirkt Europa auf der Weltbühne oft orientierungslos. Die größten Tech-Konzerne der Welt – Apple, Alphabet/Google, Microsoft, Facebook - kommen großteils aus den USA; die Online-Videothek Netflix krempelt den TV-Markt um, der Web-Händler Amazon hat das Geschäft etlicher Buchhandlungen zerstört. China hat seine Rolle in diesem Spiel gefunden, indem mit Unternehmen wie Alibaba US-Konzepte gekonnt kopiert werden – Europa hingegen fehlt es an einer klaren, einheitlichen Strategie. Der deutsche Technologie-Konzern Bosch hat etwa bereits vor vielen Jahren aufgehört, Handys zu prozuzieren. Und auch Finnlands Nokia, einst Weltmarktführer, musste das Handtuch werfen. Die großen Player im Mobilfunk heißen heute Apple, Samsung, LG oder HTC – einen europäischen Namen sucht man vergebens.

Zwar ist Europa noch führend bei Hardware allgemein, in Segmenten wie Industrie und Mechatronik – doch auch hier ist fraglich, welche Spuren Industrie 4.0, neue Antriebsformen und neue Fahrzeugtypen hinterlassen werden: Wenn alle Autos elektrisch fahren, wie werden die Zulieferer reagieren, die bisher auf konventionelle Antriebsformen setzten?

Eine Vielfalt an Problemen

Basierend auf den blutigen Kriegen der Vergangenheit – dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber dem 30jährigen Krieg – hat Europa ein System erschaffen, in dem Pluralismus, Religionsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat und ähnliche Prinzipien hochgehalten werden. „Europa ist ein Modell, das es ermöglicht, zu Lösungen zu kommen“, sagt Wulff: „Und ich hoffe, dass Saudi Arabien und der Iran zu einem ähnlichen Miteinander finden, wie es bei uns nach dem 30jährigen Krieg der Fall war.“

Der Lichtblick des Kontinents liegt in den Erfahrungen, die seine Völker im Lauf der Geschichte gemacht haben. Nun sei es nötig, aus der Geschichte zu lernen, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und mit einer Stimme zu sprechen.

Die von Wulff geforderte „gemeinsame Strategie“ hängt jedoch am seidenen Faden: Immer lauter wurden in den vergangenen Monaten die Stimmen, die ein Schließung der Grenzen forderten – was einem Ende des Schengen Raums gleichkäme. „Die nationalistischen Tendenzen, bei denen die Vorteile für das eigene Land mehr im Vordergrund stehen als jene für ganz Europa, nehmen ohne Zweifel zu“, sagt Wulff. Die Menschen müssten einsehen, dass sie von offenen Grenzen und der Globalisierung des Welthandels profitieren. Dazu muss das Schengen-Abkommen in Europa ernst genommen werden.

Die Flüchtlingsfrage sieht er weniger als ein ökonomisches Problem für Europa. Vor einem Jahr war Wulff im jordanischen Flüchtlingslager Saatari, wo inzwischen 90.000 Flüchtlinge mitten in der Wüste leben. Die Bevölkerung Jordaniens ist durch den Flüchtlingszustrom um 20 Prozent gewachsen – im Vergleich dazu sind die Veränderungen in Europa gering. Wichtiger sei der Aspekt, dass die geflohenen Menschen eigentlich in ihrer Heimat leben und arbeiten wollen. „Wir brauchen daher eine Friedenslösung für Syrien und wir müssen dafür sorgen, dass junge Tunesier in Tunesien eine Perspektive haben“, sagt Wulff. Auch hier muss Europa konzertiert vorgehen.

Die Türkei, so Wulff, ist dafür ein wichtiger Partner, mit dem inzwischen auch auf Augenhöhe diskutiert wird – nicht zuletzt, weil in Deutschland viele Türken leben. Wulff hatte bereits in seiner Amtszeit als Bundespräsident betont, dass der Islam ebenso zu Deutschland gehört wie das Christen- und das Judentum. „Das Miteinander von Muslimen und Christen in Europa ist wichtig“, sagt Wulff: Er habe im Rahmen seiner Recherchen Strategiepapiere des IS gelesen, in denen die Spaltung der europäischen Gesellschaft – Christen sehen Moslems als Sündenbock für den Terror, Moslems bilden im Gegenzug eine Parallelgesellschaft - als Ziel formuliert wird.

Und eine Spaltung würde Europa angesichts der aktuellen Herausforderungen nur weiter schaden.


Zur Person:

Christian Wulff ist heute als Berater tätig. Außenpolitisch engagiert er sich als Präsident der EMA (Euro-Mediterran-Arabische Ländervereinigung) und ist Ehrendoktor der Tongji-Universität in Shanghai, China, und der Universität Tokyo-Tsukuba, Japan. Christian Wulff ist seit 2001 Schirmherr der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und erhielt die Ehrenmedaille des Deutschen Mittelstandspreises. Er war von 2010 bis zu seinem Rücktritt 2012 Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Angesprochen darauf, dass es in Deutschland deutlich mehr Politiker-Rücktritte gibt als in Österreich, sagt er rückblickend im Gespräch mit trend.at: „In Deutschland wird zu schnell und zu oft zurückgetreten. Mancher, der nun nicht mehr da ist, fehlt uns. Und die Reservebank ist nicht endlos lang.“ Er würde Österreichern nicht unbedingt raten, dass sie sich an deutschen Politikern in dieser Hinsicht ein Beispiel nehmen sollen. Ob er seinen eigenen Rücktritt bereut? Wulff: „Ich war gerne Bundespräsident. Doch nun bin ich auch gerne Berater, Familienvater und Präsident der EMA.“

Brigitte Ederer

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