Gesucht: Chips - Chipmangel bremst Europas Wirtschaft

Sie sind winzig, sie sind teuer, sie sind Herz und Hirn von Autos, Computer und Handys. Der Chipmangel ist ein weltweites Problem. Europa will nun die Produktion aus Asien zurückholen.

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
Chipmangel: Europa will neue Produktionsstätten schaffen.

Chipmangel: Europa will neue Produktionsstätten schaffen.

Seit Ende April stehen bei VW in Bratislava einige wichtige Bereiche still. Für die SUVs, die hier gebaut werden, fehlt aktuell das, woran es auch bei Audi, Daimler und vielen Automobilherstellern mangelt: Chips. Nicht nur die Autoindustrie klagt, dass sie jetzt, im Aufschwung, plötzlich Woche für Woche neu planen muss. Auch Playstations und Laptops, Handys und Fernseher werden nicht so schnell fertig, wie sie sollten. Rund um die Welt sucht gerade alles, was mit Elektronik zu tun hat: Chips.

Und die sind Mangelware. Dass es so weit gekommen ist, hat mehrere Gründe. Der Ausbruch der Pandemie hatte die Wirtschaft verunsichert. Die Autobauer gingen ihre Chip-Bestellungen für Herbst und Winter 2020 konservativ an. Die große Branchen Consumer Electronics und Mobilfunk nutzten diese Lücken. Das Homeoffice ließ die Nachfrage nach allem, was man dort an technischen Geräten braucht, rasant steigen. Befeuert vom Handelskonflikt zwischen den USA und China haben sich Produzenten dann mit so viel Chips wie möglich eingedeckt. Zusätzlich sorgten ein Fabriksbrand in Japan und Produktionsausfälle im winterlichen Texas für Probleme. Als sich dann auch die Lust auf neue Autos schneller wieder einstellte, als gedacht, war der Wirbel perfekt.

Mangelware bis 2023

Taiwanese Semiconductor Manufacturing (TSMC), der größte Chip-Produzent der Welt mit Sitz in Taiwan, kündigte an, dass der Mangel bis 2023 andauern werde. Und das, obwohl das Unternehmen in den nächsten drei Jahren um 100 Milliarden US-Dollar ausgebaut wird.

Auch der Rest der Branche rechnet mit Verzögerungen, die sich noch über Monate strecken werden, und macht Druck. Das US-Unternehmen Intel will nach Gesprächen mit dem Weißen Haus in Washington schon in sechs bis neun Monaten nun auch Chips für die US-Automobilindustrie zu produzieren - normalerweise dauert so ein Aufbauprozess zwischen drei und vier Jahre.

Audi-Produktion in Ingolstadt

Stillstand. Audi, Daimler, VW und andere Automobilhersteller mussten in den vergangenen Wochen die Produktion teilweise einstellen, weil wesentliche Computerchips fehlen.

Das deutsche Unternehmen Globalfoundries, das vor allem Chips für Tablets und Handys herstellt, will seine Produktion in Dresden mehr als verdoppeln. Und Infineon nimmt am Standort Villach seine neue Produktion für Leistungshalbleiter, die für Elektroautos gebaut werden, statt mit Jahresende schon Ende des dritten Quartals in Betrieb.

Ist also alles nur eine Frage der Zeit? Laufen die VW Touareg, die Porsche Cayenne demnächst wieder wie bestellt in Bratislava vom Band? Und hält Europa hier mit den USA und Asien mit?

Europas Abhängigkeit

Die vergangenen Monate haben es dem Standort Europa bewusster denn je gemacht: Die Abhängigkeit von anderen Weltgegenden ist auch im Bereich der Halbleiter, speziell bei den akut gesuchten Chips, enorm. Der Marktanteil an in Europa produzierten Chips liegt, je nach Schätzung, nur zwischen sechs und zehn Prozent. Europa importiert den Großteil der benötigten Chips nicht nur, seine Unternehmen lassen sie auch mehrheitlich in Asien produzieren.

Seit 2013 hat es die EU-Kommission auf der Agenda, Europas Marktanteil auf 20 Prozent zu erhöhen. Das schon für 2020 gesetzte Ziel wurde nicht erreicht; in der neuen Digitalstrategie der EU, die auf technologische Souveränität abzielt, ist dies nun für 2030 angesetzt.

In den vergangenen Monaten wurde die Planung dazu konkreter. So will nun Industriekommissar Thierry Breton mit Halbleiterkonzernen aus Asien und den USA sprechen. Das Ziel: Sie sollen neue Chips-Generationen in Europa produzieren. "Wir wollen europäische Kapazitäten für das Design und die Produktion der leistungsstärksten und energieeffizientesten Prozessoren aufbauen", sagte Breton unlängst der deutschen Tageszeitung "FAZ". In einer europäischen Allianz soll eine ganze Wertschöpfungskette entstehen. Gespräche soll es mit Intel, Samsung und TSMC geben.

Geopolitisches Risiko

"Geopolitisch ist das nachvollziehbar, denn dass die wichtigsten Produzenten bisher nur in Asien sitzen, bedeutet ein gewisses Risiko", sagt Jan-Peter Kleinhans, der bei der deutschen Stiftung Neue Verantwortung den Bereich Technologie und Geopolitik leitet. Sowohl Südkorea (Samsung) als auch Taiwan (TSCM) seien von Erdbeben bedroht, die Nähe zu Nordkorea und China sei ein politisches Risiko.

Andreas Gerstenmayer, CEO AT&S

Andreas Gerstenmayer, CEO AT&S: "Europa hat in den vergangenen Jahrzehnten vergessen, sich selbst weiterzuentwickeln."

Dennoch ist Kleinhans von der Idee, dass Europa wieder eine Chip-Produktion aufbaut, nicht ganz überzeugt: "Hier ist die Wertschöpfung relativ gering, dafür sind die Einstiegsbarrieren am größten." Die Kosten einer Fabrik liegen zwischen zehn und zwanzig Milliarden Euro, die Betriebskosten bei einer Milliarde. "Die führenden Fertiger stecken im Schnitt pro Jahr 16 Milliarden Euro in die Erneuerung", sagt Kleinhans. Hinzu kommt, dass es dafür das richtige Umfeld braucht: ausreichend Energie, enorm viel Wasser, die Rohstoffe, die Chemikalien.

Auch Michael Alexander, Halbleiter- Spezialist im Beratungshaus Roland Berger, ist skeptisch. Einer prestigeträchtigen Fabrik würde in Europa etwas Elementares fehlen - die Abnehmer. "Wir haben nicht sehr viele wirklich hochkarätige Chipdesign-Firmen, die dann eine solche Produktion nachfragen und fertigen lassen", sagt Michael. Diese sitzen vor allem in den USA, sie heißen etwa Google, Amazon oder Apple, das nun auch selbst Chips herstellt. Sowohl für Kleinhans als auch für Alexander ergibt es deshalb Sinn, dass die USA die asiatischen Firmen zur Produktion nach Texas und Arizona holen. Aber für Europa, wo kein Siemens Nixdorf mehr Computer baut? Wo Nokia und Ericsson sich von Handys verabschiedet haben? Wo der Halbleitermarkt sich auf Autos, Sensoren und Ladegeräte spezialisiert hat?

Vergessene Schlüsseltechnologie

"Diese Antriebsmotoren fehlen in Europa, das in den vergangenen Jahrzehnten vergessen hat, sich selbst weiterzuentwickeln", sagt Andreas Gerstenmayer, CEO des heimischen Leiterplattenherstellers AT&S. Europa müsse einen dreistelligen Milliardenbetrag in die Hand nehmen, um in der Mikroelektronik wieder aufzuholen, was aber zehn Jahre dauern würde, so Gerstenmayer: "Sie ist eine Schlüsseltechnologie des digitalen Zeitalters." Infineon-Vorstand Helmut Gassel plädierte zuletzt dafür, dass Europa nicht Chips produzieren, sondern vorhandene Stärken ausbauen soll - und in die Zukunft investieren soll, in 6G und künstliche Intelligenz.

In der "Europäischen Prozessoren Alternative" sind seit Dezember 2020 rund 145 Milliarden Euro vorgesehen, die in neue Entwicklungen im Bereich der Mikroelektronik fließen sollen. Wie genau sich das in Produktionskapazität und neue Entwicklungen aufteilt, ist offen.

Wettbewerbsfähigkeit und Wertschöpfung

Die Produktion allein löse jedenfalls nicht die Frage nach Europas zukünftiger Wettbewerbsfähigkeit, so die Experten. "Man sollte sich vor allem fragen: Was kommt als nächstes?", sagt Berater Alexander. Er nennt die Hardware-Entwicklung im Quantencomputing und bei Neuromorphing Computing (künstliche Intelligenz) als Chancen. Auch Jan-Peter Kleinhans plädiert für ein Halbleiter-Ökosystem, das bei Hardware-Start-ups ansetzt und sie zu wertvollen, großen Chipdesignern macht. Hier hapere es aktuell am gesamten Innovationsumfeld. Der Marktanteil der Europäer habe sich im lukrativen Chipdesign von vier Prozent im Jahr 2010 nun halbiert.

Aktuell werden europäische Halbleiterunternehmen mit IPCEIs gefördert, transnationalen Programme, die es den Regierungen erlauben, nicht nur Forschung und Entwicklung von Unternehmen zu fördern. Österreich hat im März grünes Licht für 146 Millionen Euro Förderung bekommen. Das wird zwar den Chipmangel nicht beheben, erlaubt es aber diesen Unternehmen, rascher zu wachsen.


Der Artikel ist der trend. EDITION vom 30. April 2021 entnommen.

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Zur Person. Martin Butollo ist seit 2013 Country CEO der Commerzbank in Österreich. Davor war Butollo für die Commerzbank und die Dresdner Bank in Frankfurt/Main in Managementfunktionen tätig. Seine berufliche Laufbahn begann bei PriceWaterhouseCoopers.

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