Chip-Mangel bremst Autoindustrie weiter aus

Fehlende Elektronikbauteile bremsen weiterhin die Produktion bei Autoherstellern. VW, Daimler und General Motors reagieren mit Kurzarbeit und schrauben die Produktion weiter zurück.

Daimler Vorstandschef Ola Källenius

Daimler Vorstandschef Ola Källenius

Kurzarbeit, stillstehende Bänder, Ratlosigkeit - die Autohersteller müssen aufgrund des grassierenden Chip-Mangels weltweit ihre Produktionen drosseln. So etwa im Volkswagen-Konzern, wo in der ersten Septemberwoche wieder Kurzarbeit angemeldet wurde. Im Volkswagen-Werk in Emden können etwa über 40.000 Autos nicht gebaut werden.

Die Ursache für den Arbeitsausfall geht zurück auf die Corona-Krise, während der die Autoindustrie ihre Produktion drosselte und Bestellungen stornierte. Die Chipproduzenten fanden ihrerseits neue Abnehmer, etwa aus der IT, Unterhaltungselektronik oder Medizintechnik. Und nun, da die Produktion in den Automobilwerken wieder angelaufen ist, fehlen die für viele Elektroniksysteme benötigten Bauteile. Verschärft wird die Lage dadurch, dass es bei Zulieferbetrieben etwa in Malaysia wegen hoher Corona-Infektionszahlen erneut Betriebsschließungen gibt,

Ebenso wegen des Chipmangels reduziert der US-Autokonzern GM im September die Produktion in Nordamerika. Besonders davon betroffen ist die Fertigung von Lastwagen und SUV. In insgesamt acht Werken stünden die Bänder für ein oder zwei Wochen still, teilte General Motors mit. Die Produktion des SUV-Modells Equinox, das seit dem 16. August nicht mehr gebaut wird, bleibe bis Ende des Monats ausgesetzt.

Nachfrage übersteigt Kapazitäten

Daimler fährt seine Fertigung nach einem Produktionsstopp in mehreren seiner Mercedes-Werke wegen des Halbleiterengpasses kommende Woche wieder hoch. Einzig am Standort Sindelfingen werde die Produktion wie bisher weiter in Teilbereichen stillstehen, teilte der Konzern mit. In Sindelfingen arbeiten insgesamt 25.000 Menschen bei Daimler. Betroffene Mitarbeiter würden meist in Kurzarbeit geschickt, Zahlen nannte Daimler nicht. Alle anderen Werke sollen wieder "nahezu uneingeschränkt" laufen, wie es hieß. Das bedeutet auch, dass an den Mercedes-Standorten in Bremen, Rastatt sowie im ungarischen Kecskemét - anders als diese Woche - voll gearbeitet werden soll.

Daimler-Vorstandschef Ola Källenius erklärte in der "Automobilwoche", der anhaltende Halbleitermangel bremse den Absatz. Die Autoverkäufe würden im dritten Quartal "voraussichtlich spürbar" unter denen des zweiten Jahresviertels liegen. Wie lange die Halbleiter-Krise das Geschäft noch beeinträchtigen könnte, wagte Källenius nicht vorherzusagen. Längerfristige Prognosen seien schwierig. Wichtig sei aber, "dass die Nachfrage nach den Fahrzeugen da ist. Irgendwann wird auch das Problem der Halbleiter gelöst sein."

Langfristiges Problem

Skeptiker sehen den Mangel an Halbleitern aber eher als langfristiges Problem, das auch den Fortschritt bei der E-Mobilität bremsen wird. "Ich rechne damit, dass die grundsätzliche Anspannung in den Lieferketten in den nächsten sechs bis zwölf Monaten andauern wird", erklärte BMW-Chef Oliver Zipse auf der Automesse IAA Mobility in München. Er verwies auf die weltweit stark gestiegene Autonachfrage. Die Branche befinde sich in einer Nachinvestitionsphase, die auch die Chip-Branche einschließe. Derartige Phasen dauerten üblicherweise 18 Monate, von denen ungefähr sechs Monate geschafft seien. Langfristige Engpässe erwartet er nicht: Die Autobranche bleibe für die Chip-Industrie ein attraktiver Partner.

Beim weltweit führenden Autozulieferer Bosch geht man davon aus, dass sich der Engpass demnächst zwar etwas abmildert, 2022 die Versorgung aber sehr knapp und die Lage angespannt bleibt. Die Versorgung sei kaum zu prognostizieren, erklärte Vorstandschef Volkmar Denner. Die Branche leide derzeit besonders darunter, dass in Malaysia und Thailand im Kampf gegen die Corona-Pandemie Fabriken schließen mussten. Solange diese Länder niedrige Impfquoten hätten, bestehe das Risiko weiter.

Auch die oberste Führung von Volkswagen richtet sich auf eine mögliche längere Lieferkrise bei den wichtigen Mikrochips ein. Das Fehlen größerer Mengen von Elektronik-Bauteilen dürfte nach jetziger Einschätzung wohl nicht so rasch vorbei sein, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch der Deutschen Presse-Agentur am Rande IAA. "Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass wir bis ins erste Halbjahr 2022, vielleicht auch noch weitergehender mit Auswirkungen zu rechnen haben", so Pötsch.

Kritische Lage bei Batterien

Neben Speicherchips sind Batteriezellen ein erfolgskritisches Vorprodukt, bei dem die Nachfrage mit dem Umschwung zu Elektromobilität rapide steigt. Daimler-Entwicklungs- und Produktionschef Markus Schäfer: "Wir müssen die gesamte Lieferkette beherrschten und absichern, dass wir genug Zellen haben." Der Stuttgarter Autobauer hatte im Juli angekündigt, mit Partnerunternehmen acht Zellfabriken mit exklusiver Versorgung für Mercedes-Benz aufzubauen, davon vier in Europa. Eines der Werke für Europa werde in Kürze bekannt gegeben, sagte Schäfer. "Wir werden für Europa aus Europa heraus einen europäischen Batteriechampion haben, mit dem wir das in Partnerschaft machen."

Namen wollte Schäfer nicht nennen. Doch in der Branche gilt Northvolt aus Schweden als ein weit entwickelter Anbieter. Insgesamt gibt es schon rund 50 Projekte in Europa für Zellfertigungen. Und auch hier gelte, dass es zunehmend Lieferverträge des Autobauers direkt mit Rohstoffproduzenten wie etwa für Lithium gebe, um das Ziel zu erreichen, bis 2030 das Pkw-Angebot komplett auf reine E-Autos umstellen zu können, betonte Schäfer. Während in Europa die Produktionskapazitäten für Zellen - das Herz der E-Auto-Batterie in Gang kommen - warnen Experten vor Rohstoffknappheit. Dieses Problem sei von Anfang an klar gewesen, erklärte Bosch-Chef Denner. "Die Fahrzeughersteller haben sich tief um das Thema gekümmert, teilweise bis runter in den Minen."

Arbeitskräftemangel: EU-weite Mobilität forcieren

Arbeits- und Wirtschaftsminster Martin Kocher und Wifo-Chef Gabriel …

Keywan Riahi, Leiter des Energieprogramms am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IAASA) in Laxenburg.

Klimaforscher Keywan Riahi: "Wir werden nicht ärmer werden"

Der weltweit führende Klimaforscher Keywan Riahi im trend. Interview über …

Erste-Chef Spalt verlängert seinen Vertrag nicht

Erste-Chef Spalt verlängert seinen Vertrag nicht

Bernd Spalt, CEO der Erste Group, hat erklärt, dass er seinen bis Ende …

Energiemanagement: schlechte Noten für die Politik [Umfrage]

trend-Umfrage: Die Österreicher sind unzufrieden mit ihren …