China Serie, Teil 5: Die neuen Herren der Welt

Superreiche chinesische Unternehmer werden auch in der westlichen Welt sichtbar (von links): Xu Jiayin (Evergrande), der aktuell reichste Mann Chinas, Pony Ma (Tencent), Jack Ma (Alibaba), Wang Jianlin (Wanda Group).

Superreiche chinesische Unternehmer werden auch in der westlichen Welt sichtbar (von links): Xu Jiayin (Evergrande), der aktuell reichste Mann Chinas, Pony Ma (Tencent), Jack Ma (Alibaba), Wang Jianlin (Wanda Group).

Wird China das 21. Jahrhundert dominieren? Ja, aber weniger mit militärischen als mit wirtschaftlichen Manövern - wie der Neue-Seidenstraße-Initiative. Offen ist, wie die Antwort der USA darauf ausfällt.

Dass sich Donald Trump via Twitter als "Mann des Jahres 2017" ins Spiel brachte, bescherte ihm viel Spott in den sozialen Medien. Denn die diversen Umfragen rund um die traditionelle Auszeichnung des "Time Magazines" weisen eindeutig in eine andere Richtung. Sollte der Titel an eine politische Persönlichkeit gehen, so der Tenor der Analysten, dann kommt neben dem neuen französischen Präsidenten, Emmanuel Macron, nur einer in Frage: Xi Jinping, der chinesische Staatspräsident, der das Jahr perfekt nutzte, um systematisch jenes Weltführungs- Vakuum zu füllen, das der erratische Immobilienmilliardär im Weißen Haus von Auftritt zu Auftritt vergrößert.

Und es ist nur eine Frage von Jahren, nicht Jahrzehnten, bis nicht nur der Staatschef, sondern auch die Unternehmensführer und Neomilliardäre aus Fernost dem westlichen Publikum so geläufig sind wie Bill Gates, Warren Buffett oder Jeff Bezos. Jack Mas Onlineriese Alibaba matcht sich bereits auf Augenhöhe mit Bezos' Amazon, Pony Mas Tencent-Konzern, groß geworden mit einer Messenger-App, wurde an der Börse soeben höher bewertet als Facebook.

Wenn das 19. Jahrhundert das europäische und das 20. Jahrhundert ein von den USA geprägtes war, dann ist die Prophezeiung, dass das 21. Jahrhundert ein chinesisches sein wird, nicht weit hergeholt - angesichts des historisch beispiellosen Aufstiegs des 1,4-Milliarden-Einwohner-Reichs, der in den ersten beiden Teilen der trend-Serie beschrieben wurde. Deshalb sei es höchste Zeit, die Antennen neu auszurichten, meint Österreichs neue Außenministerin Karin Kneissl. Sie empfiehlt am Ende ihres eben erschienenen Buchs "Wachablöse" wohl zu Recht: "Junge Menschen, die eine weiterführende Ausbildung planen, sollten ihr Auslandsjahr eher in China als im angelsächsichen Raum machen." Doch die Botschaft ist noch nicht überall angekommen.

Obor - One Belt, One Road

Geradezu symptomatisch ist, dass die österreichische Delegation unter Verkehrsminister Jörg Leichtfried Mitte Mai kurzfristig eine höchst bedeutende Einladung nach Peking absagte - wegen der Regierungsturbulenzen in Wien. Xi hatte zum offiziellen Startschuss für das größte Infrastrukturprogramm der Neuzeit geladen, genannt One Belt, One Road, kurz: Obor. Projekte im Volumen von bis zu einer Billion Euro sollen mit dieser Neue-Seidenstraßen-Initiative realisiert werden: Häfen, Pipelines, Bahnstrecken, Brücken, Straßenverbindungen.

Asien mit Afrika und Europa zu verbinden, ist eines der Hauptziele von Obor. Wenn die Pläne in die Tat umgesetzt werden, verkürzt sich die Zeit, die ein Frachtzug von Rotterdam nach Peking zurücklegen muss, bis 2030 von bisher rund einem Monat auf zwei Tage. Selbst die ÖBB haben im November die erste Zugverbindung von Ungarn Richtung China aufgenommen, transportiert werden Lebensmittel ebenso wie Autoteile.

64 Länder sind mit China aktuell in Obor involviert, Leitprojekte sind zum Beispiel der ökonomische Korridor zwischen China und Pakistan, die 3.000 Kilometer lange Hochgeschwindigkeits-Zugverbindung zwischen China und Singapur und Erdgas-Pipelines in Zentralasien. Xi propagiert, ganz US-Style, eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Uneigennützig ist das alles natürlich nicht - Obor dient der systematischen Erweiterung der chinesischen Einflusssphäre. Im chinesischen Traum, von dem Xi spricht, geht es um die Wiederherstellung von Chinas herausragender Rolle in der Welt und um weltweiten Respekt für diese Rolle. Jeder chinesische Schüler und Student lernt heute vom "Jahrhundert der Demütigung", das mit der gewaltsamen Öffnung des Landes 1842 nach dem ersten Opiumkrieg begann und bis zur Gründung der Volksrepublik durch Mao Zedong 1949 dauerte.

Der Mittelpunkt der Welt

"Make China Great Again" knüpft an die Jahrhunderte davor an, als China sich als Zentrum der Zivilisation, als "Reich der Mitte" betrachtete - ein Reich zwischen Himmel und Erde, dessen Überlegenheit von allen, die mit seinem Kaiserhof in Kontakt traten, durch Tributzahlungen anerkannt wurde. Ein wenig erinnerte die Obor-Startzeremonie im Mai 2017 an solche historische Szenarien: Die Liste der Staatschefs, die Xi mit schmeichelnden Worten die Aufwartung machten, war lang: Russlands Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei, der Grieche Alexis Tsipras oder der -inzwischen zurückgetretene -pakistanische Premier Nawaz Sharif.

Das "Reich der Mitte reloaded" wartet aber nicht mehr nur darauf, dass die Tributpflichtigen zu ihm kommen, sondern greift selbst aktiv ins internationale Geschehen ein. Nicht Geopolitik, sondern Geoökonomie ist das Zauberwort. Es geht primär um wirtschaftliche, nicht um militärische Interventionen und Allianzen. Wohl hat die Volksrepublik in den letzten Jahren auch militärisch gewaltig aufgerüstet. 2017 wurde der erste Flugzeugträger vom Stapel gelassen, und auch wenn die USA deren elf im Einsatz haben, sind die Ambitionen des Herausforderers unverkennbar: Mit umgerechnet rund 130 Milliarden Euro gibt China mehr für sein Militär aus als seine Nachbarn Japan, Südkorea, die Philippinen und Vietnam zusammen.

Manöver von US-Kriegsschiffen im Südchinesischen Meer haben enormes Konfliktpotenzial. China will die Kontrolle über seinen "Hinterhof" wie einst die USA über Südamerika.

Manöver von US-Kriegsschiffen im Südchinesischen Meer haben enormes Konfliktpotenzial. China will die Kontrolle über seinen "Hinterhof" wie einst die USA über Südamerika.

Anders als die USA legt es die Volksrepublik aber nicht auf eine weltweite Militärpräsenz an, sondern will in erster Linie einmal seinen "Hinterhof" kontrollieren: das Südchinesische Meer, in dem es immer wieder zu Streitigkeiten über Inseln kommt. "China versucht, in seinem Küstenbereich eine 'chinesische Monroe-Doktrin' umzusetzen", ist der China-Kenner und Industrielle Hannes Androsch überzeugt. So wie die USA seit Präsident James Monroe 1823 den Europäern signalisiert hatten, die Finger von Mittel-und Südamerika zu lassen, verbittet sich Xi amerikanische Einmischung im Südchinesischen Meer.

Wie wahrscheinlich ist, dass Chinas rasanter Aufstieg in einen militärischen Konflikt mit den USA mündet? In einer historisch reizvollen Studie hat der Harvard-Politikwissenschaftler Graham Allison geschichtliche Situationen untersucht, in denen eine aufstrebende Macht eine dominante herausgefordert hat, beginnend mit dem antiken Beispiel von Athen und Sparta. In zwölf von 16 Fällen, die Allison identifiziert hat, schnappte die "Thukydides-Falle" zu, benannt nach dem griechischen Chronisten des Peloponnesischen Kriegs im fünften vorchristlichen Jahrhundert. Thukydides charakterisierte diesen Konflikt angesichts des Aufstiegs Athens als "unausweichlich". Allison beschreibt die Kriegsgefahr zwischen China und USA als real, kommt aber zum Schluss, dass es trotz Spannungen gute Chancen und historische Vorbilder gebe, einen lange währenden Frieden auszuverhandeln.

Dass viele der 1,4 Milliarden Chinesen unter Xis jüngst bis 2022 verlängerter Führung ihre Träume schrittweise in die Realität umsetzen werden können, ist nicht unwahrscheinlich. Dass die Volksrepublik weder Werkbank der Welt noch Imitationschampion bleiben will, bezeugt ihre Hightech-Strategie "Made in China 2025", in deren Rahmen etwa die Weltdominanz in der Robotik erreicht werden soll, einer Schlüsseldisziplin der Digitalisierung. Der Kauf des deutschen Herstellers Kuka 2015 passt exakt in diese Strategie; auch der Siemens-Konzern hat seine Zentrale für Forschung im Bereich der autonomen Robotik soeben nach China verlegt.

Mit dem Kauf des deutschen Roboterbauers Kuka (Bild: Einsatz in der US-Flugzeugfertigung) bringen sich die Chinesen in einer Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts in Stellung.

Mit dem Kauf des deutschen Roboterbauers Kuka (Bild: Einsatz in der US-Flugzeugfertigung) bringen sich die Chinesen in einer Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts in Stellung.

Charakteristisch für das chinesische Denken sind extrem langfristig gesteckte Ziele: Nicht nur die berühmten Fünfjahrespläne geben den Takt vor, auch über Dekaden reichende Visionen. 2049, das hundertjährige Jubiläum der Staatsgründung, gilt etwa als leuchtendes Datum am Horizont, bis zu dem der Supermachtstatus endgültig fixiert werden soll.

Xi lässt dabei gleichsam planmäßig träumen: Bis 2035 soll China Innovationsführer in wichtigen Technikbereichen sein, aber auch Umweltschutz, Rechtssicherheit, und die Bedürfnisse der stark gewachsenen Mittelklasse entschieden verbessert haben. Bis 2049 gilt es dann, "modern, stark und wohlhabend" zu werden, so die Leitvision. Ob das - ebenfalls mit einem Masterplan unterlegte - Ziel von Fußballfan Xi realistisch ist, Chinas Fußball-Nationalmannschaft bis 2050 an die Weltspitze zu puschen, scheint derzeit die träumerischste all der Vorgaben von der Staatsspitze zu sein -für die WM in Russland 2018 hat sich das Team jedenfalls nicht qualifiziert.

Der spektakuläre Aufstieg des fernöstlichen Reichs hat nicht nur Konsequenzen für das globale Wirtschaftsund Politikgefüge, sondern auch für das Werteuniversum. Nicht zufällig sind beliebte Partner Chinas im Rahmen von Obor - etwa im so genannten 16+1-Format - die Länder Osteuropas, wo von Ungarn bis Polen dem Modell der "illiberalen" Demokratie gehuldigt wird, in dem Menschenrechte tendenziell als Angelegenheit des jeweils eigenen Herrschaftsbereichs betrachtet werden. "Wer das Gold hat, macht auch die Regeln" ist keine Erfindung von Frank Stronach, sondern auch angewandte fernöstliche Praxis. Setzt sich diese "goldene Regel" mit der Expansion Chinas international durch, wird das die westlichen Demokratien, die seit dem Zweiten Weltkrieg unter US-Führung segelten, im 21. Jahrhundert gewaltig unter Druck bringen.

Der britische "Economist" hat jedenfalls schon im Oktober in einer Covergeschichte über Xi getitelt: "Der mächtigste Mann der Welt".

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