China-Serie, Teil 1: Ein Experiment steht auf der Kippe

Tauwetter. Mit dem Besuch von US-Präsident Richard Nixon (rechts) bei Chinas Staatsgründer Mao Zedong 1972 wurde der erste große Schritt zu einer Wiederannäherung gesetzt.

Tauwetter. Mit dem Besuch von US-Präsident Richard Nixon (rechts) bei Chinas Staatsgründer Mao Zedong 1972 wurde der erste große Schritt zu einer Wiederannäherung gesetzt.

Erster Teil der trend-Serie über den Aufstrieg Chinas zur Wirtschaftsmacht Nummer eins.

In der Stadt Sandy City nahe Schanghai sitzen drei junge Freunde in einem Lokal namens Zhang &Wang, trinken Bier und erörtern ihre beruflichen Aussichten. Der Protagonist, Cheng Dong, hat eben den Job seines Vaters in der örtlichen Chemiefabrik übernommen, den dieser 30 Jahre lang ausgeübt hat. In dem Staatsunternehmen geht es reichlich unambitioniert zu: Die meisten Beschäftigten beginnen eine Viertelstunde später mit dem Dienst, sie lesen erst einmal ausführlich Zeitung, das Klima ist ungetrübt von Verkaufs- oder Effizienzzielen.

Cheng ahnt aber, dass es da draußen noch etwas anderes gibt. "Die Typen an der Spitze sagen, dass jetzt die Wirtschaft entwickelt werden soll", flüstert er seinen Kameraden zu: "Privatunternehmen sind legal, einige Leute können früher reich werden als andere, und wir werden eine Marktwirtschaft aufbauen."

Die Szene, im Jahr 1981 angesiedelt, findet sich in "The Golden Road", einem 2005 erschienenen Roman des ehemaligen Geschäftsmannes Zhang Da-Peng, der ab Ende der 1970er von Hongkong aus die radikalen Umbrüche der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft miterlebte. Das Buch, literarisch ohne Finesse, wird auf Internet-Verkaufsplattformen als "Roman der Deng-Xiaoping-Ära" angepriesen. "The Golden Road" ist ein klassischer Entwicklungs-und Bildungsroman, der den rasanten Aufstieg eines jungen Mannes bescheidener Herkunft zum erfolgreichen Entrepreneur und Investor skizziert.

Die "Typen an der Spitze", auf die der Jüngling in der fiktiven Stadt Sandy City Bezug nimmt, ist die Staatsführung rund um Deng Xiaoping, die China nach dem Tod von Staatsgründer Mao Zedong im September 1976 innerhalb kürzester Zeit in Richtung Westen geöffnet hat: Spätestens mit dem Dritten Plenum des elften Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) im Dezember 1978 hatten sich die reformorientierten Kräfte an der Spitze durchgesetzt. Was folgte, war ein historisch beispielloser wirtschaftlicher Aufstieg.

Bis die chinesische Volkswirtschaft die US-amerikanische als größte der Welt überholt hat, werden nach allgemeiner Einschätzung nur noch einige Jahre vergehen. Der Anteil des Landes an der globalen Wirtschaftsleistung ist von vier Prozent im Jahr 1978 auf 18 Prozent im Jahr 2015 gestiegen, obwohl der Anteil an der Weltbevölkerung im selben Zeitraum von 22 Prozent auf 19 Prozent gesunken ist. Je nach Definition zwischen 300 und 700 Millionen Chinesen sind seit Beginn des Reformprozesses aus der Armut in Richtung Mittelschicht, ja, auch in echten Wohlstand, bugsiert worden. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist, gemessen nach Kaufkraft, heute fast zehnmal so hoch wie vor 40 Jahren. "Das dramatischste Beispiel in der Geschichte für eine Besserstellung der Menschheit", nennt Branko Milanovic, der serbisch-amerikanische Ungleichheitsforscher, das "chinesische Wunder".

Staatslenker Deng

Mit keiner Person verbindet man die Transformation des Riesenreichs mehr als mit jener von Staatslenker Deng, der gleich zweimal, 1978 und 1984, vom "Time Magazine" zum "Mann des Jahres" gekürt wurde. Er war zu Beginn des Reformprozesses bereits 73 Jahre alt und besaß die Autorität, die Durchsetzungskraft und den Pragmatismus, um die Weichen für eine völlige Neuausrichtung zu stellen, ohne das politische System selbst ins Wanken zu bringen.

Deng kam keineswegs aus dem Nichts. Er baute auf eine breit vorhandene Sehnsucht nach Veränderung. Millionen von Chinesen lechzten drei Jahrzehnte nach Gründung der Volksrepublik nach einem tiefgreifenden Wandel, um Armut und Apathie zu entkommen. Aus eigener Kraft - ohne Hilfe von außen - würde das nicht möglich sein: Die Erinnerung an das gigantisch fehlgeschlagene Wirtschaftsexperiment des "Großen Sprungs nach vorn" zwischen 1957 und 1962 war noch frisch, und nach den zehn blutigen, ideologisch vergifteten Jahren der Kulturrevolution ab 1966 brauchte es nicht mehr viel, um sich einem neuen Weg zu öffnen. Viele Gründer der heutigen Weltunternehmen Chinas, beispielsweise des Computerherstellers Lenovo, des E-Commerce-Riesen Alibaba oder des Immobilienentwicklers Dalian Wanda, wurden in ihrer Jugend von den Erfahrungen der Mao-Jahre entscheidend geprägt, wie der österreichische Sinologe Martin Krott in einem noch unveröffentlichten Manuskript herausgearbeitet hat.

Nach der Öffnung wuchs die Wirtschaft Chinas zeitweise um bis zu 15 Prozent.

Nach der Öffnung wuchs die Wirtschaft Chinas zeitweise um bis zu 15 Prozent.

Häufig wird übersehen, dass bereits Maos unmittelbarer Nachfolger, Hua Guofeng, die Reformpolitik einleitete. In der Frage, ob und wie rasch man sich von Maos Glaubenssätzen distanzieren sollte, gerieten Hua und Deng, der während der Kulturrevolution in Ungnade gefallen war, zwar aneinander. Doch an der prinzipiellen Notwendigkeit einer ökonomischen Öffnung Richtung Westen hatte keiner der beiden Zweifel; die Unterschiede lagen eher in den Methoden, die diese Öffnung herbeiführen sollten. Sicher ist: Deng, der Kühnere, taktisch Versiertere und Charismatischere, wusste sich im überkommenen Machtapparat besser durchzusetzen. China wurde unter dem 1,58 Meter kleinen Mann Schritt für Schritt in die Weltwirtschaft und das globale Institutionengefüge integriert. An Äußerlichkeiten wurde diese Veränderung auch der Weltöffentlichkeit bewusst: Der hellgraue Mao-Anzug, den Deng selbst Zeit seines Lebens trug, wurde sowohl an der Partei-als auch an der Staatsspitze bis Ende der 90er-Jahre von westlicher Businesskleidung verdrängt.

Selbstblendung und Rückständigkeit

Die Öffnung begann mit dem Eingeständnis der eigenen Rückständigkeit. Nach den Jahrzehnten der Selbstblendung suchte Deng "Wahrheit durch Fakten", so eine seiner berühmten Losungen.

Dass auch unter den Parteikadern nach Maos Tod der Meinungsumschwung auf breiter Ebene in so kurzer Zeit gelang, ist den zahlreichen Delegationsreisen ins Ausland zu verdanken. Ihr Zweck war eine Art Benchmarking: "Je mehr wir sehen, umso klarer wird uns, wie sehr wir hinterherhinken", soll Deng gesagt haben.

Keine dieser Tourneen hatte aber eine ähnlich weitreichende Wirkung wie eine fünfwöchige Reise unter Leitung von Vizepremier Gu Mu im Mai und Juni 1978, deren Teilnehmer den real existierenden Kapitalismus in Westeuropa in Augenschein nehmen sollten. Die zwanzigköpfige Delegation bereiste 15 Städte in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Dänemark und Belgien. Begeistert berichtete Gu bei seiner Rückkehr den Parteiobersten, was sie gesehen und erlebt hatten: wie freundlich und zuvorkommend sie überall behandelt worden seien, obwohl gemäß der Logik des Kalten Kriegs aus einem feindlichen Land stammend; wie hoch der Lebensstandard von einfachen Arbeitern sei und wie wenig deren Arbeitsverhältnisse nach kapitalistischer Ausbeutung aussähen; wie weit entwickelt Fabriken, Forschungsinstitute, aber auch die Landwirtschaft in den europäischen Ländern seien. Besonders beeindruckt zeigten sich die Delegationsmitglieder vom Computereinsatz in einem Schweizer Kraftwerk und am Pariser Flughafen Charles de Gaulle, wo Start und Landung elektronisch koordiniert wurden. In Bremerhaven bestaunten die Besucher erstmals, wie moderne Container auf Schiffe gehoben wurden.

Das wichtigste Reisemitbringsel war folglich das intendierte: die Erkenntnis, dass der Westen überlegen war. Als der Leiter einer österreichischen Delegation, die im August 1978 China besuchte, ihn für die große Brücke über den Yangtse in Nanjing lobte, replizierte Deng mit einem Hauch Sarkasmus: "Man hat Ihnen in China das Moderne gezeigt, aber nicht das viele Rückschrittliche. Altes gibt es viel, Neues nur wenig." 20 oder sogar 30 Jahre an Entwicklung verloren zu haben, galt in der Führungscrew des Landes bald als Konsens.

Der Kontrast zur legendären Macartney-Mission des Jahres 1793, die oft als Beleg für den verpassten Anschluss Chinas an die Modernisierung vorgebracht wird, könnte nicht größer sein. Der britische Sonderbotschafter George Macartney hatte den chinesischen Kaiser Qianlong in dessen Sommerresidenz nahe Peking mit der Absicht besucht, einen Handelsverstrag abzuschließen und die gegenseitige Einrichtung von Botschaften in Peking und London zu vereinbaren. Doch als der Gesandte dem Kaiser ausgeklügelte Gastgeschenke, unter anderem ein Fernrohr, eine Luftpumpe, einen modernen Globus und Uhren, überreichte, machte Qianlong kein Hehl daraus, dass er damit schlicht nichts anfangen könne: "Wir haben alles. Wir haben niemals technische Spielereien geschätzt und nicht den geringsten Bedarf an euren Manufakturwaren."

Weniger als 50 Jahre später begann der erste Opiumkrieg, das Reich der Mitte wurde gewaltsam von außen geöffnet. Das - nach chinesischer Lesart - Jahrhundert der Demütigung und Fremdbestimmung hatte begonnen.


Der Essay ist in voller Länge im von Hannes Androsch, Heinz Fischer und Bernhard Ecker herausgegebenen Band "1848 -1918 -1848. 8 Wendepunkte der Weltgeschichte" (Brandstätter-Verlag) erschienen.

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