Chinesische Revolution: Kartoffeln sind der neue Reis

Weil in China die Anbauflächen für Reis und Getreide zurückgehen, die Böden durch extremen Pestizideinsatz teils vergiftet sind und diese Nahrungsmittel zu viel Wasser verbrauchen, hat Peking die dritte Revolution des Essens ausgerufen. Die viel weniger durstige Kartoffel soll eine gewaltige Umwälzung der chinesischen Ernährungsgewohnheiten bringen, denn ihr Nährwert ist dem von Reis ebenbürtig, der Kartoffelertrag pro Hektar aber weitaus höher. Bleibt nur noch ein Problem: Die Chinesen mögen keine Kartoffeln.

Kartoffel-Verkäufer in China
Kartoffel-Verkäufer in China

Weil China ein Ernährungsengpass droht, sollen die Chinesen per Dekret mehr Kartoffeln statt Reis essen. Aber die Menschen im Reich der Mitte misstrauen der Knolle.

Fangzhuang, ein Stadtteil im Süden von Peking, gegen halb elf Uhr Vormittag. Im Restaurant "Xiaotudou" wird gerade die gleichnamige Spezialität des Hauses zubereitet -nach einem streng gehüteten Geheimrezept. Chefkoch Ran Longjun schneidet Schweinefleisch und Kartoffeln in kleine Würfel, wirft sie gekonnt in den Wok, in dem bereits Sojasoße brutzelt, streut exakt 13 Gewürze darüber, jetzt noch ein paar Schuss Wasser, und am Ende wird mit Koriander und frischem, pikantem Paprika veredelt.

Nach eineinhalb Stunden Schmoren ist die "kleine Kartoffel" - ein üppiges, dampfendes Gericht für 28 Yuan (umgerechnet 3,85 Euro), das laut Menü auch "dem Parteisekretär aufgetischt wird" - fertig. "Schon 80 Prozent unserer Gäste kommen wegen dieser Speise zu uns", sagt Liu Xin, der Eigentümer des Wirtshauses "Zur kleinen Kartoffel", stolz.

1989 hat er in Shenyang mit einem kleinen Nudelimbiss begonnen, aber bald kamen die Leute lieber wegen seines leckeren Erdäpfelauflaufs, damals eine absolute Rarität in China. Liu ließ sich die Marke "Kleine Kartoffel" schützen und setzte alles auf die im Land des Reises verspotteten "Erdbohnen" oder "Pferdeglocken". Heute hat er ganz Nordchina mit einer Kette aus über 100 "Kleine Kartoffel"-Restaurants überzogen, ist zum Vizepräsidenten von Chinas Gaststättenverband gewählt und als "Held der Arbeit" geehrt worden.

Die dritte Revolution

Denn Liu Xin gilt als Vorreiter und Speerspitze einer gewaltigen Umwälzung in den verkrusteten Ernährungsgewohnheiten der rund 1,35 Milliarden Chinesen, die Anfang 2015 per Dekret ausgerufen wurde. In der ersten chinesischen Revolution des Essens im Mittelalter wurde Getreide, das über die Seidenstraße kam, im Norden Chinas parallel zum Reisanbau im Süden kultiviert. Die zweite Revolution wurde im 16. Jahrhundert mit der Einfuhr von Mais ausgelöst, den portugiesische und spanische Händler aus Südamerika gebracht hatten.

Damals schlug auch die Kartoffel in China Wurzeln, kam aber auf dem Speiseplan im Reich der Mitte kaum über den Rang einer Gemüsebeilage hinaus. Nun soll sie die dritte Revolution einläuten. Durch den Kartoffelbefehl gilt die vernachlässigte Knolle aus dem Untergrund -wie die Dreifaltigkeit aus Reis, Getreide und Mais -inzwischen als zusätzliches "ideales Hauptnahrungsmittel".

Sie gedeihe, teilte das Ernährungsministerium dem staunenden Volk mit, unter "kalten, trockenen, unfruchtbaren Bedingungen" und könne auch im Winter angebaut werden. Außerdem sei ihr hoher Gehalt an Vitamin C äußerst gesund und überhaupt wäre sie ein perfekter Sattmacher. "Bringt die Kartoffel vom Beilagenteller hinein in den Reisnapf", lautet daher die Parole.

Versorgungsengpass

Diese Lobpreisung der "Erdbohne" - eine der Bedeutungen von "todou", dem chinesischen Wort für Erdapfel hat handfeste Gründe. China steht nur ein Zehntel des globalen Ackerlandes zur Ernährung eines Fünftels der Weltbevölkerung zur Verfügung. Aktuell beläuft sich sein jährlicher Verbrauch an Reis und Getreide laut Weltbank auf etwa 600 Millionen Tonnen. Bis 2030, wenn die Bevölkerung auf 1,5 Milliarden angewachsen ist, dürfte er bei rund 700 Millionen Tonnen liegen.

Voller Stolz präsentiert Chefkoch Zhang Aiguo eines von 300 von ihm kreierten Kartoffelgerichten, mit denen er die in China bislang bloß als eine Art Gemüsebeilage gegessene Erdfrucht aus ihrem Schattendasein holen will.

Voller Stolz präsentiert Chefkoch Zhang Aiguo eines von 300 von ihm kreierten Kartoffelgerichten, mit denen er die in China bislang bloß als eine Art Gemüsebeilage gegessene Erdfrucht aus ihrem Schattendasein holen will.

Weil aber das rasante Wachstum der Städte - China hat mehr als 100 Metropolen mit einer Million oder mehr Einwohnern - die Anbauflächen empfindlich reduziert hat, musste Peking bereits 2014 fast 100 Millionen Tonnen Nahrungsmittel vom Weltmarkt importieren, hauptsächlich Sojabohnen aus den USA, aber auch Reis, Weizen, Mais, Gerste, Hirse, Speiseöle und Zucker. Überdies ist die Ertragsfähigkeit der Böden durch den hohen Wasserverbrauch von Reis und Weizen ausgereizt, weite Flächen sind zudem durch den extremen Einsatz von Pestiziden und Dünger verseucht.

Kurzum: China droht eine Krise in der Nahrungsmittelversorgung, die bedrohlicher sein könnte "als einst der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks", wie der Parteiverlag "Shishi Chubanshe" bereits vorsorglich Alarm schlug. Selbst Staatsoberhaupt Xi Jinping hat sich schon zu einer öffentlichen Warnung hinreißen lassen. Mit etwa 300 Millionen Tonnen Getreide, rechnete er vor, werde heute gerade mal die Hälfte des chinesischen Verbrauchs auf dem Weltmarkt gehandelt. "Selbst wenn wir im Krisenfall alles aufkaufen, reicht es uns nur für ein halbes Jahr. Und China würde die Weltversorgung und Preise dabei ins Chaos stürzen."

Den Ausweg aus diesem Dilemma soll die Kartoffel weisen. Denn erstens ist ihr Wasserbedarf um ein Drittel niedriger als jener beim Reis- und Getreideanbau. Zweitens sind die Kartoffelerträge pro Hektar Anbaufläche fast dreimal so hoch wie bei Reis. Und drittens steht der Nährwert der Kartoffel jenem von Reis um nichts nach.

Daher will China seine heute etwa 5,6 Millionen Hektar Kartoffelanbaufläche in den nächsten zehn Jahren verdoppeln und auch deren Produktivität verbessern. Denn weil erst circa zehn Prozent der dortigen Kartoffelpflanzen veredelt und virenfrei sind, liegt ihr Ertrag pro Hektar nur bei einem Drittel der US-Quote.

Der Kartoffel-Gott

Allein, noch will die Kartoffel den Chinesen nicht so richtig schmecken. Viele bringen sie mit den schlimmen Zeiten der großen Hungersnot in den 60er-Jahren oder der Landverschickung während der Kulturrevolution in Verbindung, als der Erde kaum etwas anderes Essbares abgerungen werden konnte. Tief verankert ist auch die Häme, die der frühere Vorsitzende Mao Tse-tung 1965 über den damaligen Sowjetchef Nikita Chruschtschow ergoss: "Weichgekochte Kartoffeln mit Rindfleisch: Hör auf mit dieser Furzerei." Und dass in drei der neun Bedeutungen des Tudou-Schriftzeichens das Wort "Ausland" steckt, ist für die große Kartoffel-Offensive ebenfalls nicht hilfreich.

Der chinesische Unternehmer Liang Xisen gilt als der führende Kartoffel-Magnat im Reich der Mitte. 450 Millionen Euro hat er in den vergangenen zehn Jahren in die Veredelung der Knolle investiert.

Der chinesische Unternehmer Liang Xisen gilt als der führende Kartoffel-Magnat im Reich der Mitte. 450 Millionen Euro hat er in den vergangenen zehn Jahren in die Veredelung der Knolle investiert.

Doch um aus der Kartoffel den neuen Reis zu machen, also den jährlichen Pro-Kopf-Konsum von derzeit gut 31 Kilo auf das Niveau Russlands (170 Kilo) zu pushen, pumpt Peking Milliardeninvestitionen in die gentechnische Verbesserung von Saatgut und eine breit angelegte Propaganda. Auf Plakaten reichen Rotgardisten Kartoffeln statt Mao-Bibeln. Im Staats-TV jagt eine Kartoffel-Kochshow die andere und überall poppen gesponserte Kartoffel-Websites mit "1.000 Zubereitungsarten" bis hin zu karamellisierter Kartoffelnachspeise ("basi todou") auf.

Jüngst hat Chinas Kartoffelunternehmer Nummer eins, Liang Xisen, bei der "Weltkonferenz der Kartoffel" in Peking sogar eine Statue zu Ehren von "Todou Shen", dem Kartoffel-Gott, aufgestellt. Und das Lied, das seine Frontfrau, die "Kartoffelschwester" Feng Xiaoyan, davor gesungen hat, ist schon ein Hit: "Kartoffeln sind unsere Glückseier. Unsere Zukunft ist rosig. Einfache Leute werden reich, wenn wir Kartoffeln anpflanzen."

WKÖ-Vizepräsidentin Martha Schultz

WKO-Vizepräsidentin: "Lockdown wie versprochen beenden"

Martha Schultz, Vizepräsidentin der Bundeswirtschaftskammer, appelliert …

WKÖ-Präsident Mahrer: "Lockdown-Schließungen sind skandalös"

Wirtschaftskammer Präsident Harald Mahrer kritisiert die Schließungen in …

Die Fussl-Chefs Ernst (links) und Karl Mayr: "Eigentlich dürfte es uns so gar nicht geben."

Fussl Modestraße - das unmögliche Modehaus

Kein Webshop, keine Influencer, keine Wegwerfmode: wie FUSSL MODESTRASSE …

Corona-Härtefallfonds: Antragsfrist läuft

Ab sofort können Anträge für den neuen Corona-Härtefallfonds eingebracht …