China-Serie, Teil 2: Deng und die Entdeckung der Marktwirtschaft

Charmeoffensive. Deng Xiaoping traf auf seiner berühmten US-Tour im Jänner 1979 Präsident Jimmy Carter (links) ebenso wie Big Business -der offizielle Startschuss zur Öffnung Chinas.

Charmeoffensive. Deng Xiaoping traf auf seiner berühmten US-Tour im Jänner 1979 Präsident Jimmy Carter (links) ebenso wie Big Business -der offizielle Startschuss zur Öffnung Chinas.

China-Serie, zweiter Teil: Deng, die ersten Schritte in Richtung Wirtschaftsmacht und der Weg zum Tiananmen-Platz.

Nach der Gu-Mu-Mission ging es schnell. Der Vizepremier selbst, ein Revolutionär der 30er-Jahre, besaß in der Führungsriege der KPCh enorme Reputation. Das frühere Misstrauen der Kader gegenüber allzu positiven Nachrichten aus dem Westen verflog rasch. Die Mitglieder des Politbüros kamen nach Anhörung von Gus Reisebericht zu dem Schluss: "Wenn andere Länder sich für Kapital und Vorprodukte aus dem Westen öffnen, um eine Exportwirtschaft aufzubauen, warum nicht auch wir?"

Gu selbst wurde verantwortlich für ein Programm, das sich als einer der Motoren für die Öffnung herausstellen sollte: die Errichtung kapitalistischer Enklaven auf dem chinesischen Festland, sogenannter Special Economic Zones (SEZ). In diesen Sonderwirtschaftszonen an der Küste sollten westliche Unternehmen mit chinesischen Partnern Joint Ventures bilden können. Die Anreize, sich in den SEZ anzusiedeln, um von hier aus zu exportieren, lagen auf der Hand - niedrigere Steuern, weniger Regulierung und deutlich geringere Arbeitskosten. China wollte die Erkenntnisse aus diesen Versuchslaboren, das heißt sowohl technologisches Know-how als auch Managementmethoden, für den Umbau des eigenen Wirtschaftssystems nutzen.

Hongkong, Jeans und Cola

Offiziell etabliert wurden die ersten vier Sonderwirtschaftszonen, alle im Süden Chinas situiert, Ende August 1979. Die bekannteste wurde Shenzhen in der Provinz Guangdong - vor den Toren Hongkongs, das damals noch britische Kronkolonie war. Deng war bei einem Besuch in Guangdong darauf aufmerksam gemacht worden, dass Zehntausende junge Chinesen ins prosperierende Hongkong zu fliehen versuchten, indem sie schlicht über die Grenze rannten oder schwammen. In Hongkong gab es Arbeitsmöglichkeiten und westlichen Lifestyle inklusive Jeans und Coca-Cola. Das Regime hatte bis dahin mit Stacheldrahtzäunen und Haft für jene reagiert, die auf der Flucht gefasst worden waren. Deng hingegen erklärte, dass die Kluft zwischen den Lebensstandards beiderseits der Grenze zu groß geworden sei - und dass die Antwort darauf eine ökonomische sein müsse.

Diese Antwort fiel schlagkräftig aus. Industrie und Handel in den heute acht Sonderwirtschaftszonen boomten binnen kürzester Zeit; die geradezu fiebrigen Aktivitäten ebbten über Jahrzehnte hinweg nicht ab. In den ersten 30 Jahren ihres Bestehens wuchs die Wirtschaftsleistung von Shenzhen um durchschnittlich 25 Prozent pro Jahr. Aus der 300.000-Einwohner-Stadt im Perlflussdelta ist eine Megacity mit über zehn Millionen Einwohnern geworden.

Den Unruhen von 1989 war eine sprunghafte Geldentwertung vorausgegangen.

Den Unruhen von 1989 war eine sprunghafte Geldentwertung vorausgegangen.

Der Boom wurde von privatem Unternehmertum befeuert, das nun in einer ganzen Reihe von Sektoren zugelassen wurde. Wo sollte man aber die Grenze zwischen offiziell noch immer verpönten Kapitalisten und Entrepreneuren ziehen? Listig zogen die Pragmatiker in der KPCh den vierten Band von Karl Marx' "Das Kapital" zu Rate, in dem ein Unternehmer mit acht Mitarbeitern als Ausbeuter beschrieben wurde. Solange jemand also nicht mehr als sieben Beschäftigte hatte, schlussfolgerten sie, ging er als Arbeiter durch.

Kaum legalisiert, schossen Hunderttausende Friseurläden, Restaurants, Geschäfte für T-Shirts oder Reparaturshops für Fahrradreifen aus dem Boden. Die Dynamik, das wurde auf diese Weise allen vor Augen geführt, lag auf der privaten Seite. Zhangs Romanheld Cheng Dong und seine Kameraden mokieren sich im privat geführten Lokal Zhang & Wang in "The Golden Road" über das staatlich geführte Restaurant auf der anderen Straßenseite, das in den Abendstunden seine Pforten bereits geschlossen hat. 1987 wurde dann die Sieben-Mitarbeiter-Grenze aufgehoben.

Neues Arbeitsbild

Welche Arbeit als nützlich für das System galt, wurde auch in Wissenschaft und Bildung neu definiert. Maos intellektuellenfeindliche Politik hatte Deng zwar in den 50er-Jahren noch maßgeblich mitgetragen; bis Mitte der 70er hatte er seine Ansichten jedoch grundlegend geändert. Er forderte nun, geistige Arbeit als körperlicher Arbeit ebenbürtig anzuerkennen: "Der fehlgeleiteten Haltung, Intellektuelle nicht zu respektieren, muss entgegengetreten werden. Jede Tätigkeit, ob manuell oder geistig, ist Arbeit."

In einer nationalen Wissenschaftskonferenz 1978 wurden wiederum einheimische Forscher dazu ermuntert, ins Ausland zu gehen. Studentische Austauschprogramme waren dem Architekten der Öffnung, der selbst in den 1920er-Jahren Arbeiterstudent in Frankreich gewesen war, ein besonderes Anliegen. Anders als die Führer der Sowjetunion, wo die Angst vor potenziellen Überläufern ins kapitalistische Lager stark ausgeprägt war, glaubte Deng fest daran, dass qualifizierte Auslandschinesen auch dann von Nutzen sein würden, wenn sie nicht wieder ins Heimatland zurückkehrten. Mit seinem berühmten USA-Besuch im Januar 1979, dem offiziellen Startschuss zur Normalisierung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, begannen auch die ersten 50 chinesischen Studenten, in Übersee zu studieren. Insgesamt haben bis Mitte 2016 mehr als vier Millionen Chinesen ihr Land fürs Studium verlassen; nach offiziellen Angaben sind rund die Hälfte davon zurückgekehrt.

Öffnung mit Fallstellen

So linear die Öffnung und der Aufstieg Chinas im Rückblick angesichts der Wachstumsraten von durchschnittlich fast zehn Prozent seit 1978 erscheinen - insbesondere in den ersten 15 Jahren stand der Reformprozess mehrmals auf der Kippe -, bis 1992 war der Ausgang des Experiments völlig offen. Warum es gelang, kann man nur verstehen, wenn man das Zusammenspiel des Dreigestirns Deng, Chen Yun und Zhang Ziyang in Augenschein nimmt - ein personifiziertes System von "Checks and Balances".

Zum Protagonisten des experimentellen Flügels und zum reformfreudigsten Mitstreiter Dengs in ökonomischen Fragen wurde Zhao Ziyang. 15 Jahre jünger, hatte er sich durch erfolgreiches Management in den Regionen einen Namen gemacht und galt nicht als Mitglied des Old Boys Clubs in Beijing, als er 1980 in die Hauptstadt kam. Obwohl Premierminister, verwendete er viel Zeit auf die Arbeit von Thinktanks außerhalb der Parteiinfrastruktur, etwa der Reformkommission zur Wirtschaftsreform und der Forschungsgruppe für ländliche Entwicklung.

Chen Yun besaß in ökonomischen Fragen höchste Autorität. Nur wenige Monate jünger als Deng, hatte Chen während der Kulturrevolution seine wichtigsten Funktionen verloren, war jedoch ab 1978 wieder Mitglied im Ständigen Ausschuss des Politbüros, dem höchsten Führungsgremium der Partei. Er stützte Dengs Aufstieg zum stärksten Mann des Staates und gilt als eigentlicher Architekt des Wirtschaftsprogramms. Mit der Entmachtung von Hua Anfang der 80er-Jahre trat Chen jedoch zusehends als Bremser in Erscheinung: "Wie viel Zeit haben wir seit dem Opiumkrieg verschwendet? Über 100 Jahre", bemerkte er in einer Diskussion im November 1980 und setzte rhetorisch nach: "Warum ist es dann aber so ein großes Thema, ob wir drei weitere Jahre warten können oder nicht?"

Deng war in diesem Widerstreit stets auf Balance bedacht, gab den Reformern aber die Rückendeckung, die sie benötigten. In ökonomischen Belangen galt er, ein ausgewiesener Militärstratege und Außenpolitiker, als wenig erfahren. Zwar habe er den wirtschaftlichen Reformprozess vorangetrieben, erklärte er Mitte der 80er-Jahre auf einer Konferenz, "aber über die Details und die Umsetzung weiß ich wenig."

Rund um die Weiterentwicklung der SEZ spitzte sich die Debatte darüber zu, ob der eingeschlagene Kurs der richtige sei. Es wurde nicht mehr nur die Gefahr einer Überhitzung der Wirtschaft diskutiert, sondern auch darüber, ob die moralischen Grundlagen der Volksrepublik gefährdet seien.

Sonderwirtschaftszonen

Um zu signalisieren, dass in den Regionen für kapitalistische Pilotprojekte auf gar keinen Fall Platz für politische Experimente sei, hatte Chen bereits im März 1980 durchgesetzt, dass die offizielle Bezeichnung von "Sonderzonen" auf "Sonderwirtschaftszonen" geändert wurde. Als sich die Berichte über Schmuggel, Korruption und Bestechung in den SEZ zu häufen begannen, trat er ab Mitte der 80er-Jahre als entschiedener Gegner einer Ausweitung des Experiments auf.

Chens ordnende Rolle im Gesamtgefüge ist nicht zu unterschätzen. Nach Wachstumsraten von fast 15 Prozent in den Jahren 1984 und 1985 und ersten disruptiven Signalen aus den SEZ hatte er entschieden niedrigere Wachstumsziele verordnet: sieben Prozent für den ab 1986 geltenden siebten Fünfjahresplan. Deng musste offiziell Chens Linie unterstützen und ging vorerst in Deckung. Doch im Hintergrund trieb er den Öffnungsprozess unbeirrt voran.

1988 ging er in die Offensive, indem er gegen die Empfehlung seiner Berater auf eine weitere Lockerung der staatlichen Preispolitik setzte. Im Juli wurden Alkohol und Tabak freigegeben, was zu einem Preisanstieg von mehr als 200 Prozent führte, obwohl der Inflationsdruck bereits hoch war (siehe Grafik links). Im August wurden weitere Preisliberalisierungen angekündigt. Doch schon die entsprechenden Meldungen in den staatlichen Medien führten in vielen großen chinesischen Städten zu Panikkäufen.

Wegen des heftigen Gegenwinds musste Deng seine Vorschläge zurückziehen. Das schwächte auch Chefreformer Zhang, seit 1987 Generalsekretär. Die Bremserfraktion hatte wieder die Oberhand. Chen Yun verstärkte nun sogar die Preiskontrollen, es kam zu einer buchstäblich harten Landung der Wirtschaft. Das Wachstum verlangsamte sich nach über elf Prozent im Jahr 1988 abrupt auf rund drei Prozent in den beiden Folgejahren. Und statt 18 Prozent Inflation wie 1988 stiegen die Konsumentenpreise 1990 nur noch um drei Prozent.

Gesellschaftliche Folgen

Zu den wirtschaftlichen Unruhen kamen Ende der 80er- Jahre auch wachsende soziale Spannungen; die Führungsriege war immer uneiniger, wie man mit den gesellschaftlichen Folgen der Öffnung umgehen sollte.

Schon im Dezember 1986 hatten Studenten in 150 chinesischen Städten demonstriert. Ihr Unmut richtete sich gegen die ungerechte Verteilung des neu geschaffenen Wohlstands. Warum dürfen ungebildete Unternehmer, so fragte die angehende akademische und Verwaltungselite, im neuen System reicher werden als begabte und hart lernende Studenten? Es war ein verzweifelter Rückgriff auf das Wertesystem des alten China: Im Konfuzianismus rangierten Kaufleute weit unten, während die Mandarine das höchste Sozialprestige besaßen; sie kannten die Klassiker der Literatur und dienten dem Kaiser.

Inspiriert wurden die Protestierenden von Intellektuellen, aber auch von KPCh-Generalsekretär Hu Yaobang. Hu, der den Protesten nach Ansicht der Parteioberen zu sanft begegnet war, wurde 1987 von Deng gefeuert. Die Erinnerung an das Aufbegehren blieb aber lebendig. Als Hu Mitte April 1989 überraschend starb, entwickelten sich die spontanen Trauerkundgebungen rasch zu Massendemonstrationen in über 300 Städten des Landes. Die Korruption von Parteifunktionären, die nach wie vor miserablen Zustände an den Universitäten, die Restriktionen für die Presse, aber auch die hohe Inflation - alle Schattenseiten der Entwicklung des letzten Jahrzehnts flossen in die Proteste ein. Nach der ökonomischen Entfesselung forderten die Studenten und ihre Sympathisanten nun auch politische Freiheiten. Ihre Hoffnungen endeten am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking.


Der Essay ist in voller Länge im von Hannes Androsch, Heinz Fischer und Bernhard Ecker herausgegebenen Band "1848 -1918 -1848. 8 Wendepunkte der Weltgeschichte" (Brandstätter-Verlag) erschienen.

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