Stiller Champion Bernecker & Rainer wird von ABB übernommen

Bernecker & Rainer (B&R)

Viele der hochkomplexen Steuerungselemente von Bernecker& Rainer, sind kaum größer als Autobatterien. Doch ohne ihre Leistungen würden viele industrielle Produktionsprozesse stillstehen.

Der Innviertler Steuersysteme-Hersteller Bernecker & Rainer ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die Unternehmer Erwin Bernecker und Josef Rainer meiden das Scheinwerferlicht, die Produkte des Unternehmens verrichten ihre Arbeit im Hintergrund. Dem Schweizer Elektronikkonzern ABB ist der Hidden Champion allerdings nicht verborgen geblieben. Er hat das oberösterreichische Vorzeige-Unternehmen nun übernommen.

Das oberösterreichische Unternehmen Bernecker & Rainer (B&R) mit Sitz in Eggelsberg im Innviertel ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Das ist kein Wunder, denn die Firmengründer Erwin Bernecker und sein kongenialer Partner Josef Rainer haben stets das das Scheinwerferlicht gemieden. Dennoch hat sich das 1979 gegründete, auf Industrieautomation spezialisierte Unternehmen international einen Namen gemacht und zählt heute zu den "Hidden Champions" der österreichischen Wirtschaft .

Auch dem Schweizer Elektronikkonzern ABB ist das Unternehmen, dessen Produkte ihre Arbeit im Hintergrund leisten und die man daher praktisch nie bewusst im Einsatz sieht, nicht entgangen. Und so hat ABB mit der gleichen Diskretion, die auch die Firmengründer von B&R an den Tag legen, die Übernahme des Steuersysteme-Herstellers eingefädelt.

Nun ist der Kauf besiegelt. Der Schweizer Elektronikkonzern ABB übernimmt das in der 2300-Seelengemeinde Eggelsberg im Innviertel angesiedelte Unternehmen, das im Geschäftsjahr 2015/16 mit seinen rund 3.000 Mitarbeitern mehr als 600 Millionen Dollar Umsatz und einen operativen Gewinn (EBIT) von 75 Millionen Dollar erwirtschaftet hat. Über den Kaufpreis wird der Mantel des Schweigens gehüllt, allerdings gab ABB an, dass der Kaufpreis den in der Branche üblichen Bewertungen entspricht. Gemessen an der in einem ähnlichen Gebiet tätigen amerikanischen Rockwell dürften die Zürcher damit knapp zwei Milliarden Dollar für B&R auf den Tisch legen.

B&R ist in den letzten zwei Jahrzehnten um durchschnittlich elf Prozent pro Jahr gewachsen und hat den Gesamtmarkt damit weit hinter sich gelassen. In spätestens fünf Jahren soll die nun unter den Fittichen von ABB stehende Firma die Umsatz-Marke von einer Milliarde Dollar knacken.

Bernecker & Rainer baut kluge elektronische Bauteile, die komplexe Maschinen automatisch und mikrometergenau steuern. Sie programmieren unter anderem Tracking-Systeme, mit deren Hilfe sich der Weg von Bauelementen in sämtlichen Produktionsstufen bis zum Endkunden nachverfolgen lässt. Ebenso feilen die B&R-Automationsspezialisten an cloudbasierten Hightech-Kabinen für Arbeitsfahrzeuge wie Traktoren, Mähdrescher, Bau- und Forstmaschinen, die ab 2020 vollautomatisch in Betrieb gegen sollen.

B&R beliefert traditionell Maschinenbauer wie Krones mit Steuerungen. In der Industrieautomation kommen ABB und B&R gemeinsam auf einen Umsatz von rund 15 Milliarden Dollar. Marktführer ist Siemens, die Nummer drei ist Emerson aus den USA. ABB wird mit der Transaktion, die im Sommer abgeschlossen werden soll, eigenen Angaben zufolge der einzige Anbieter, der das ganze Spektrum in der Industrieautomation abdeckt. Experten zufolge könnte das Konkurrenten veranlassen, mit Übernahmen selbst ihre Angebotspalette auszuweiten.

Der Meilenstein

B&R ist in den letzten Jahren dazu übergegangen, Endkunden wie Nestlé oder BMW direkt mit Fabrikautomationsgeräten und Software zu beliefern. Damit verstärkt sich ABB in Branchen wie Nahrungsmittel oder Autobau und kann die bisherige Abhängigkeit von der Öl- und Gasindustrie verringern, die zuletzt nur zögerlich investiert hat. Das Portfolio passt somit zu ABB, das mit der Übernahme von B&R zum Komplettanbieter von Industrieautomation werden will. Als globaler Player ist ABB heute in mehr als 100 Ländern tätig und beschäftigt rund 132.000 Mitarbeiter. "Diese Transaktion ist ein wahrer Meilenstein für ABB, da B&R die historische Lücke in unserem Automationsangebot schließt", erklärte ABB-Chef Ulrich Spiesshofer in einer Aussendung. Das Closing der Übernahme wird im Sommer dieses Jahres erwartet.

Für die Mitarbeiter von B&R - zwei Drittel davon sind in Österreich beschäftigt - soll sich bis auf den Eigentümerwechsel vorläufig nichts ändern, wie die Firmengründer beruhigend erklären: "ABB ist sehr daran interessiert, dass alle Mitarbeiter im Unternehmen bleiben", sagen sie. Auch das aktuelle B&R-Management sowie die Standorte sollen unverändert erhalten bleiben. ABB hat sogar große Pläne mit der Zentrale im Innviertel: Der Hauptsitz von B&R in Eggelsberg soll zum globalen Zentrum für Maschinen- und Fabrikautomation ausgebaut werden. Die Unternehmensgründer Bernecker und Rainer sollen während der Integrationsphase als Berater weiterhin zur Verfügung stehen.


Inside Bernecker & Rainer

Foto-Reportage von Lukas Ilgner

Bernecker & Rainer (B&R)

Mitarbeiter von Bernecker & Rainer in der Zentrale in Eggelsberg

Bernecker & Rainer (B&R)

Steuersysteme von Bernecker & Rainer


Die stillen Lenker

Ansonsten wollen es die Firmengründer halten wie bisher und sich dezent im Hintergrund halten. Selbst ihren Mitarbeitern sind die alten Chefs, die das Unternehmen einst im Keller einer Bank gründeten, weitgehend unbekannt. Im Juni 2014, zum 35-jährigen Firmenjubiläum, wollten ein paar Mitarbeiter die Gründer endlich einmal gesehen haben. Der eine, Josef Rainer, heute 65 Jahre alt, soll damals in seinem Mercedes, Kennzeichen JR777, in die Tiefgarage gefahren sein, der andere, Erwin Bernecker, nur ein Monat älter, über eine Treppe gehuscht sein. Genaueres weiß man nicht.

Auch auf den Firmen-Weihnachtsfeiern ließ sich Rainer immer höchstens ein paar Minuten blicken, von Bernecker ahnt der Großteil der Belegschaft nicht einmal, wie er aussieht. Es gibt keine Bilder von ihnen, keine öffentlichen Auftritte, kaum eine private Spur. Und ihre drei Töchter, die im Betrieb arbeiten, lassen nur durchsickern, dass ihre Väter gelernte Elektrotechniker sind, zurückgezogen in den Nachbardörfern Hochburg und Holzöster leben, aber immer noch die großen strategischen Entscheidungen treffen.

Erwin Bernecker und Josef Rainer gehören zu den am wenigsten bekannten Unternehmern Österreichs, wenngleich ihr Unternehmen eine der wertvollsten Perlen der heimischen Hightech-Industrie ist. Es ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für eine Spezies, von denen es in Österreich zahlreiche gibt: für Familienbetriebe, die in ihrer Nische Weltgeltung erlangt haben.

Eines aber ist bei B&R anders als üblich: Die Gründer haben schon bald Geschäftsführer von außen - den 1966 geborenen Johann Wimmer - in die Auslage gestellt und sich selbst auf die technische Weiterentwicklung im Hintergrund konzentriert. Patriarchen, die alles selbst machen und auf der Bahre aus der Firma getragen werden müssen, sind sie nicht.

Versteckte Produkte

Auch die etwa 10.000 Einzelprodukte von B&R sind, sobald sie sich im Einsatz befinden, kaum zu sehen. Die meisten sind nicht größer als Zigarettenschachteln, manche erreichen die Dimensionen von Autobatterien. All diese Teile sind aber wie lebenswichtige Organe eingebettet in den Tiefen viel größerer Maschinen, in hochentwickelten Industrierobotern oder in mächtigen Industrieanlagen bekannter Hersteller.

Das mit 175 Niederlassungen in 75 Ländern aktive Familienunternehmen stellt komplexe industrielle Automatisierungskomponenten her. Rund 182.000 Steuerungssysteme, zirka 160.000 Industrie-PCs und Panels, also Befehlsschnittstellen zwischen Mensch und Maschine, sowie 192.000 Antriebsaggregate verkauft B&R jährlich an rund 3.500 Kunden aus dem Who-is-who des Maschinen- und Anlagenbaus. "Bis 2020 wollen wir jährlich um 15 Prozent auf eine Milliarde Umsatz wachsen. Nicht umsonst investieren wir jedes Jahr mindestens 70 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung und gehen nun auf die letzten offenen Märkte wie Japan, Taiwan und den Osten der USA", gab Geschäftsführer Wimmer im Juli 2014 im Zuge eines Gesprächs mit dem trend an.

Sehr vereinfacht lässt sich das Kerngeschäft von B&R an jenen Geräten darstellen, mit denen Bernecker und Rainer begonnen haben: Simplen, aber sensiblen Impulszählermodulen. Eine bestimmte Messgröße, etwa Druck, Hitze, Tempo oder Distanz, wird von Sensoren während des Betriebs einer Anlage - Pumpen, Motoren, Pressen - erfasst. Diese Daten werden vom Zählermodul registriert und bei Über- oder Unterschreiten einer Toleranzgrenze wiederum in Steuerbefehle umgewandelt.

Erkennt das Zählermodul also, dass der Druck zu hoch ist, wird die Pumpenleistung reduziert. Wenn ein Motor zu heiß läuft, wird er gedrosselt. Sollte eine Presse zu dünne Platten drucken, wird sie neu justiert. "Das war der Beginn der modernen Steuerungstechnik“, erklärt B&R-Marketingleiter Stefan Schönegger. "Heute geht das alles digital, computergesteuert und zum Teil auch über das Internet, das unsere Einzelteile vollautomatisiert miteinander kommunizieren lässt. Das Prinzip ist aber gleichgeblieben.“

Vorreiter der Automatisierung

Es gibt inzwischen kaum einen Maschinen- oder Anlagentyp, der die hochtechnologischen Steuer- und Antriebssysteme von B&R nicht drin hat. Sie sind integraler Bestandteil etwa in Druckmaschinen von Hewlett-Packard oder Heidelberg Druck, in Verpackungsanlagen von Tetrapak (Schweden) oder Dividella (Schweiz), in Getränkeabfüllmonstern für Rauch oder Coca-Cola, in Kunststoffspritzgussmaschinen aus den Häusern Engel oder Battenfeld, in Gaskraftwerken des französischen Alstom-Konzerns, in den mächtigen Windrädern von Shanghai Electric oder in der neuen Stranggussanlage der Voestalpine in Linz beziehungsweise in der OMV-Raffinerie in Schwechat, einem B&R-Kunden der ersten Stunde.

Ein anschauliches Anwendungsbeispiel ist der sogenannte "Mega-Slicer“ des niederländischen Maschinenbauers "Convenience Food Systems“ - ein mächtiges, angsteinflößendes Teil zum automatisierten Schneiden (und Verpacken) von Fleisch, Wurst, Käse und Fisch. Dank der B&R-Geräte wird die Konsistenz des Rohstoffs - Fasern im Fleisch, Klumpen in der Wurst, Löcher im Käse - Mikrometer für Mikrometer erfasst. Kommt es zu Abweichungen von vorgegebenen Grenzwerten, wird die Schnittdicke und damit das Scheibengewicht in Mikrosekunden sofort wieder angepasst - ein Affentempo, auf das B&R besonders stolz ist.

Ähnlich hochentwickelt sind auch die Geräte, mit denen B&R die 100 Meter langen Flaschenabfüllanlagen des Schweizer Herstellers Krones ausstattet: Vereinfacht gesagt wird diese Maschine hinten mit einem riesigen Glasrohling gefüttert, den diese dann in 80.000 einzelne Flaschen pro Stunde schmilzt, schließlich Fruchtsaft, Mineralwasser oder Coca-Cola abfüllt und mit Etiketten bedruckt. "Von uns stammt die komplette Intelligenz der Maschine“, sagt Schönegger stolz. "Krones macht bloß die Mechanik.“

Keine Waffen, keine Atomkraft

Diese Anwendungsliste ist schier endlos: B&R-Technologie steckt beispielsweise in den iPhone-Schutzhüllen, die vorrangig mit Maschinen des brasilianischen Spritzgießers Romi hergestellt werden. Oder in ultradünnen Leiter-oder Isolierfolien, wie sie der deutsche Produzent Brückner an alle Fernseher- und Handyhersteller der Welt liefert. Und auch in den Motoren, Leit- und Tanksystemen sowie Klimaanlagen von Fracht- und Passagierschiffen. Nur ein Segment, so die Überlieferung, haben Bernecker und Rainer als Tabu klassifiziert: "Keine Waffen, keine Kernkraft, keine Militärgeräte.“

Im Bereich von umfangreichen Steuerungssystemen für ganze Fabriken oder Infrastrukturen legt sich B&R inzwischen auch mit industriellen Schwergewichten wie Siemens an, dessen Automatisierungsdivision zehnmal so groß ist. In den USA ist der dortige Platzhirsch Rockwell und in Asien Mitsubishi der Hauptkonkurrent. Dennoch ist es B&R gelungen, etwa das BMW-Autowerk in München, einige Fabriken der Luxusuhrenmarke Rolex, den russischen Pipelinebetreiber Surgutneftegaz oder die China Southern Rail auszurüsten.

Hinter solchen Durchbrüchen ins ganze große Business steckt die sogenannte "Powerlink“-Technologie von B&R, inzwischen ein Kommunikationsstandard für das "Internet der Dinge“. "Das ist eine Art hochgetuntes Internet-Protokoll“, erklärt Schönegger: "So können unsere einzelnen Steuerelemente 500 Mal schneller als herkömmlich miteinander kommunizieren.“ Im Gegensatz zu Konkurrenten, die zwar ähnliche Systeme anbieten, jedoch die Kunden zu deren ausschließlicher Nutzung zwingen, stellt B&R Powerlink als Open-Source-Technologie zur Verfügung, was den Einstieg in dieses Industriesegment erst ermöglicht hat.

All dies entspringt den Ideen der rund 1200 B&R-Ingenieure, davon 400 Spitzenforscher allein in der F&E-Abteilung in Eggelsberg. Da erhebt sich schon die Frage, wie es Bernecker + Rainer schafft, genügend qualifizierte Leute in eine Gegend zu locken, die zwar wunderschön ist, aber wo sich Fuchs und Hase gute Nacht wünschen. "Wir sagen ihnen einfach“, sagt Geschäftsführer Wimmer und lacht herzlich, "dass sie dort arbeiten können, wo andere Urlaub machen.“


Teile des Artikels sind ursprünglich als Reportage in der trend-Ausgabe 8/2014 vom 28. Juli 2014 unter dem Titel "Der stille Champion" erschienen. (Autor: Rainer Himmelfreundpointner, Fotos: Lukas Ilgner


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