Zehn Anlageberater verraten ihre Strategien, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen

Offensivstrategien gegen die Krise: Die Rezepte der Berater, um aus dem Wirtschaftsabschwung letztlich gestärkt wieder aufzutauchen. FORMAT hat führende heimische Berater gefragt, welche Maßnahmen jetzt zu setzen sind, um nicht nur den Abschwung besser zu überstehen, sondern sogar gestärkt daraus hervorzugehen.

Krise, Rezession oder gar Depression? Wie es mit der Weltwirtschaft weitergeht, darüber können auch die hochkarätigsten globalen Experten zurzeit nur mutmaßen. Doch wie auch immer, als Unternehmer muss man jetzt reagieren. „Der erste Reflex heißt typischerweise Kostensenkung – und damit Stellenabbau. Unserer Meinung nach ist das aber zu kurz gedacht“, meint dazu Rupert Petry, Österreich-Chef des Strategieberaters Roland Berger. Martin Unger, Partner der Contrast Management Consulting, bringt die ak­tuelle Lage vieler Firmen auf den Punkt: „Es geht ihnen wie verletzten Sportlern: Erst muss der Unfallchirurg ran, aber um wieder leistungsfähig zu werden, müssen sie in der Rehab hart trainieren.“

1. Keine Panikaktionen!
Sparprogram­me gezielt einsetzen, nicht die zukunftsfähigen Bereiche kaputtsparen. Wenn Lieferanten zum Inkasso Schlange stehen und Banken die Kredite sperren, müssen Sofortmaßnahmen her. Wer aber noch Handlungsspielraum hat, sollte nicht dort sparen, wo es am leichtesten geht (Werbung, Forschung, lineare Kürzung in allen Bereichen), sondern, so Contrast-Experte Unger, zielgerichtet, ausbalanciert und strategisch vorbereitet. Breite, unfokussierte Kostensenkungen schwächen dagegen die Zukunftsperspektiven.

2. Szenarien erstellen
Durchrechnen, wie unterschiedliche Entwicklungen konkret auf die Bilanzzahlen wirken. Klassische, lineare Planung ist in un­sicheren Zeiten nicht zielführend. Stattdessen sollte man sich über die ganz ­konkreten finanziellen Folgen unterschiedlicher Entwicklungen (Best und Worst Case) klar werden. „Unser Risiko-Check umfasst diese zwei Szenarien, und zwar sowohl im Hinblick auf das künftige Betriebsergebnis als auch auf die kurzfristige Liquidität“, erklärt Deloitte-Berater Nikolaus Schaffer (im Bild) .

3. Krise als Akquisitionschance
Wer jetzt über Liquidität verfügt, kann so güns­tig zukaufen wie schon lange nicht. „Marktverschiebungen erfolgen in der Rezession, nicht davor und kaum danach. Jetzt ist die Zeit, Verhältnisse zu verändern“, sagt der erfahrene Produktivitäts­berater Alois Czipin. „Akquisitionen in konjunkturell schlechteren Zeiten“, weiß Contrast-Partner Martin Unger aus Studien und seiner eigenen Beratungspraxis, „rechnen sich schneller.“ Wer in der glücklichen Lage ist, jetzt über Liquidität zu verfügen, kann Zukäufe – die selbstverständlich strategisch durchdacht und sinnvoll sein müssen – so günstig tätigen wie seit Jahren nicht mehr. Angstsparen ist jedenfalls keine unternehmerische Tugend. Unger: „Jetzt kann man die Voraussetzungen für Wachstum nach der Krise schaffen.“

4. Alles aus einer Hand
Zentralisierung wichtiger Aufgaben, um schnelle Handlungsfähigkeit und zentrales Risikomanagement zu sichern. Expansionen, wie jene österreichischer Firmen in Zentraleuropa, gehen meist einher mit Dezentralisierung. Das ist in Wachstumsphasen wichtig, um nahe am Markt zu sein. Im Abschwung gibt es aber Gefahren. „Der Vertrieb vor Ort schätzt die Situation meist zu optimistisch ein“, sagt Roland-Berger-Chef Rupert Petry. Er rät daher zur Zentralisierung wichtiger ­Prozesse und vor allem zu zentralem Risikomanagement. Zentralfunktionen in Konzernen sollten jetzt nicht zu stark beschnitten werden, sie bringen Wettbewerbsvorteile gegen dezentrale Mittelständler.

5. Heimatmarkt absichern
Stabiler Heimmarkt ist die Basis jedes Geschäfts und bringt in der Regel bessere Margen. Auf Heimmärkten, so Petry, erzielen Unternehmen typischerweise höhere Renditen, arbeiten mit einer höheren Auslastung und somit einem besseren Cashflow. Den Heimmarkt zu verteidigen und diese Vorteile abzusichern hat demnach nun Priorität vor teurer regionaler Expansion. Aber, so Petry: „Der Heimmarkt ist für viele unserer Unternehmen Zentraleuropa, nicht Österreich.“

6. Kostenposition bereinigen
Synergien und Produktivitätsreserven heben, die im Wachstum vernachlässigt wurden. „In guten Zeiten hat man nach Firmenübernahmen nicht alle möglichen Synergien gehoben, weil Wachstum erste Priorität hatte“, so Deloitte-Berater Nikolaus Schaffer. Jetzt sei es an der Zeit, Pläne, die dafür womöglich schon in der Schublade lagen, zu realisieren. Auch interne Abläufe sollten jetzt optimiert werden. „Management- und Mitarbeiterressourcen, die jetzt durch Nachfrageausfall frei werden, kann man sinnvoll für die Verbesserung der Prozesse nutzen“, sagt Österreichs „Produktivitätspapst“ Alois Czipin. Outsourcing macht Kosten zudem variabel.

7. Working Capital Management & Revenue Management Brachliegende Liquiditätsreserven mobilisieren. Bis zu fünf Prozent des Umsatzes gehen Firmen durch die Lappen, weil erbrachte Leistung schlampig abgerechnet wird, weiß Günter Brandner, Chef des Advisory Service bei Ernst & Young. Das ist zu ändern, indem man etwa Berechtigungen für Sonderkonditionen und Rabatte laufend prüft oder rechtzeitige Fakturierung und Mahnung sicherstellt. Working Capital Management greift noch darüber hinaus und zielt auf die Mobilisierung von Kapitalreserven. Dazu sollte man etwa prüfen, ob Lagerbestände und Vorräte reduziert werden können. Deloitte-Experte Schaffer: „Schulden später zahlen stößt aber an natürliche Grenzen.“ Einen Working Capital Check bietet aktuell auch die Bank Austria ihren Kommerzkunden an.

8. Key Account Management stärken
Schlüsselkunden halten, auf Einkaufs­optimierung durch Kunden vorbereiten. Wenn große Kunden im Abschwung an der Kostenschraube drehen und Einkaufsoptimierungen starten, darf man als Lieferant keine Fehler machen. „Ganz fatal wäre, wenn ein Schwesterunternehmen wegen fehlender Abstimmung günstiger anbietet“, nennt Petry ein Beispiel. Effektives Key Account Management und Konzentration auf Schlüsselkunden sind zudem besser, als wegen Auslastungsproblemen vielen kleinen und daher ineffizienten Aufträgen nachzulaufen.

9. Schlüsselkräfte zu identifizieren
und zu halten ist gerade dann entscheidend, wenn es zu Personalreduktion kommt. „Gute Leute können jetzt in noch bessere Positionen kommen. Jetzt gibt es die Chance, gute Leute von Mitbewerbern ­abzuwerben, die Probleme haben“, sagt Hans Jorda, CEO des Personalberaters Neumann & Partners. Eigenen Schlüsselkräften sollte man dagegen jetzt Vertrauen ­vermitteln, damit diese nicht auf Abwanderungsideen kommen.

10. Krise als Chance zum Umbau
Zukunftsfähige Strukturen in Finanzierung, Organisation, Controlling etablieren. „Ballast abwerfen“, rät Martin Hagleitner, Österreich-Chef des Malik MZSG. Schwierige Zeiten erhöhen die Veränderungsbereitschaft. Auf Basis fundierter Analyse, etwa des von Contrast angebotenen „Vitality Audit“, können Unternehmen jetzt Strategie, Strukturen und Finanzierungsbasis so aufstellen, dass sie im nächsten Aufschwung zu den Wachstumssiegern zählen.

Von Michael Schmid

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff