Young, wild & hot: Internationale Nobelmarken legen konservatives Image ab

Zerlöcherte T-Shirts und Jeans, ultrakurze Röcke und Lederleggings – internationale Nobelmarken legen ihr konservatives Image ab. Der neue Look kommt nach Österreich.

Wer will schon 08/15 sein? Den gleichen BMW wie der Nachbar fahren und in den gleichen Don-Gil-Anzügen stecken wie irgendein Arbeitskollege? Vielen genügt ein Leben in klassischer Markenware nicht mehr. Luxus ist nicht gleich Luxus. Das war er mal vor der Wirtschaftskrise, als das Wachstum der Branche unendlich schien, Konzerne mit massenproduzierter überteuerter Ware ein Vermögen scheffelten und sich die Menschen damit zufrieden gaben. Heute bestimmen immer stärker junge Trendsetter den Markt, die nicht den klassischen Edellook vom Reißbrett liefern, sondern das Gefühl, mit Understatement zur Revolution aufzurufen.

Young, wild & hot

Etablierte Player setzen ebenso auf den neuen Revoluzzer-Style wie Newcomer. Eine andere Wahl haben sie auch nicht, gilt es doch, die Verluste der vergangenen Jahre wettzumachen. Frühestens 2011 dürfte der globale Markt wieder zwischen 173 und 176 Milliarden Euro umsetzen und damit den bisherigen Topwert von 170 Milliarden aus dem Jahr 2007 übertreffen. Angekurbelt werden die Geschäfte wie schon in den Vorjahren von namhaften Konzernen wie LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), Hermès und PPR (Pinault-Printemps-Redoute) – vor allem durch reiche Asiaten, die sich auf Auslandsreisen mit edlen Ledertaschen, Uhren und Schmuck eindecken.

Neben bewährtem klassischem Design setzen Luxusmarken immer häufiger auf schrägen Style – und Sex. Nirgendwo ist das so stark spürbar wie im Bekleidungssektor. Bei den Pariser Modeschauen im Frühherbst schickte der aufstrebende Designer Christophe Decarnin (Modehaus Balmain) seine Models zu lautem Sound der Sex Pistols über den Laufsteg und verpasste ihnen einen Glamour-Punk-Look fürs 21. Jahrhundert. Zu sehen gab es mit protzigen Nieten besetzte Lederkorsagen, löchrige Netzstrümpfe, hippe Bikerjacken mit verblichenem US-Flaggen-Muster und hautenge Hosen. Der 46-jährige Franzose ist der Liebling der schicken Töchter des Jetsets, die für seine zerlöcherten Shirts, Lederleggings und ultrakurzen Röcke ein kleines Vermögen hinblättern. Allein ein T-Shirt des schrillen Maestros kostet ein vierstelliges Sümmchen.

Für Furore sorgt vor allem Stardesigner Marc Jacobs, um dessen Louis-Vuitton-Taschen sich Käuferinnen aller Altersklassen reißen. Der am ganzen Körper mit Tattoos versehene 47-jährige Amerikaner revolutionierte die traditionsreiche Marke, indem er auf Farben und verspielte Elemente setzte, zum Beispiel mit goldenen Nieten besetzte Lederriemen. Im September war die Nachfrage so hoch, dass sich die Lager unerwartet leerten und Louis Vuitton seine Läden in ganz Frankreich früher schließen musste. Schon in der Vergangenheit war es vermehrt zu Rationierungen gekommen. Kunden des Shops auf den Pariser Champs-Élysées durften nicht mehr als zwei Handtaschen kaufen.

In der Hoffnung, dekadente Millionärskids wie Paris Hilton für sich zu gewinnen, setzen auch andere Häuser auf das Thema „young, wild & hot“. Sie kopieren den Style von Pop-Ikonen wie Beyoncé, Lady Gaga und Christina Aguilera, nur eine Spur edler. Valentino steckt seine Models in enge goldfarbene Kleider, Stella McCartney in silberne Bikinis, Kenzo in löchrige Westen, und die Entwürfe von Versace und Jean Paul Gaultier werden ohne hin immer bunter – und transparenter.

Die Österreicher beobachten diese Entwicklungen mit Interesse, geben sich aber im Vergleich zu den Briten, Italienern und Franzosen noch etwas zurückhaltend. Luxus wird vornehmlich mit klassischem Stil und schlichter Noblesse assoziiert. Begehrt ist neben Louis Vuitton vor allem das Pariser Nobellabel Hermès.

Wer hier den Drang zur Revolution verspürt, shoppt am liebsten beim britischen Dessoushersteller Agent Provocateur oder stattet innovativen heimischen Designern einen Besuch ab, zum Beispiel Ute Ploier, Anita Aigner (Label Schella Kann) sowie Johannes Schweiger und Wally Sall ner (fabrics interseason).

Den internationalen Durchbruch konnte zuletzt das österreichische Designerduo Hermann Fankhauser und Helga Schania schaffen. Ihr avantgardistisches Label Wendy & Jim gibt es bereits in Markentempeln in ganz Europa, Asien und Amerika, beliebt sind vor allem die stylishen Herrenanzüge für etwa 1.500 Euro sowie die mit Digitaldrucken versehenen T-Shirts ab 200 Euro.

Als Geheimtipp nennen Männer häufig die Anzüge des mazedonischen Ehepaars Nora und Todor Piticev. Unter dem Namen Alessandro Pollini sind ihre in Italien aus edler Baumwolle und Schurwolle gefertigten Anzüge zu erwerben, die es bei Spada im Hilton Plaza in Wien und in der Hilton Passage am Stadtpark gibt – und das schon für 299 Euro.

Wien im Luxusfieber

Eine Auswahl an klassischem Luxus prominenter Firmen wie Ferrari, Chopard, Minotti und Rolex wird am nächsten Wochenende (19. bis 21. November) in der Wiener Hofburg präsentiert, wo Veranstalter Gerhard Krispl zum fünften Mal zur „Luxury, please“ bittet. Die neue Luxus-Attitüde „young, wild & hot“ wird dort zwar eine untergeordnete Rolle spielen, doch wie Dior-Österreich-Chef Joseph Obermoser sagt, ist der Drang, frischen Wind in die Branche zu bringen, groß (siehe Interview ).

Nicht alle müssen aber neue Wege gehen, um die Kassen wieder zum Klingeln zu bringen. Die Traiskirchner Firma Bamberger, die ebenfalls bei der „Luxury, please“ vertreten sein wird, konnte selbst in der Wirtschaftskrise zweistellig wachsen. Superreiche aus ganz Europa geben für die Bamberger-Natursteine ein Vermögen aus. Russische Oligarchen zum Beispiel, die Millionen für den edlen Marmor der Österreicher zahlen und somit sichergehen, nicht 08/15 zu sein.

– Silvia Jelincic

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