Wolfgang Schmidbauer über die fortschreitende Ökonomisierung

In seinem neuen Buch "Das kalte Herz" (Murmann, € 19,90) analysiert Wolfgang Schmidbauer anhand des gleichnamigen Märchens von Wilhelm Hauff wie Geld schleichend unser Leben verändert. Das FORMAT-Interview.

FORMAT: In Ihrem neuen Buch bezeichnen Sie Geld als Droge. Was genau meinen Sie damit?

Schmidbauer: Das Kennzeichen einer jeden Sucht ist, dass ein seelischer Mangelzustand mit einem Mittel bekämpft wird. In unserem Fall ist das Mittel das Geld. Geld ist eine Ersatzbefriedigung und schafft eine Pseudosicherheit, die abhängig macht.

FORMAT: Warum Pseudosicherheit? In den vergangenen Jahrzehnten hat der Wohlstand in den westlichen Gesellschaften zugenommen, und mit ihm die sozialen Sicherungssysteme …

Schmidbauer: Aber fühlen Sie sich wirklich sicherer? Gleichzeitig lösen sich durch die zunehmende Ökonomisierung unseres Lebensumfelds große Institutionen auf, die uns früher Halt und Orientierung gegeben haben.

FORMAT: Wie zum Beispiel?

Schmidbauer: Etwa Staatsunternehmen wie die Bahn oder die Post; oder Großbetriebe wie Siemens: Wer früher dort gearbeitet hat, wusste, er hatte für sein Leben ausgesorgt. Heute wird alles dem Markt unterworfen. Statt Stabilität zählt nur noch Flexibilität. Ständig teilt man uns mit, dass die Welt in zehn Jahren eine völlig andere sein wird. Je tiefer die Gesellschaft durchkapitalisiert ist, desto größer sind die Ängste. Das zeigt sich auch an der starken Zunahme von Depressionskrankheiten in den Industrieländern: Bereits jetzt steht die Depression nach Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs an dritter Stelle der tödlichen Krankheiten. Geht die Entwicklung so weiter, wird sie in fünfzig Jahren die Nummer eins sein.

FORMAT: Und der Einzelne versucht nun, dieses Gefühl der Unsicherheit mithilfe von Geld zu vermeiden?

Schmidbauer: So ist es. Viele setzen auf Geld – und scheitern. Ein gutes Beispiel dafür sind die vielen geprellten Kunden der Lehman-Bank. Die waren auch nicht alle einfach gierig, als sie entsprechende Wertpapiere unterschrieben haben, sondern hatten vielmehr Sorge, zu kurz zu kommen. Die wollten für ihr Leben vorsorgen. Aber die Sicherheit durch Geld ist trügerisch. Das zeigt sich an vielen wohlhabenden Klienten in meiner Praxis: Je mehr Geld, desto größer die Angst, es wieder zu verlieren. Außerdem leidet darunter die Fähigkeit, menschliche Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, kurz: die Empathie.

FORMAT: Woran liegt das?

Schmidbauer: Sind es echte Freunde, wenn ich sie mir kaufen kann? Viele Reiche haben Angst davor, nur wegen ihres Geldes gemocht zu werden. Sie ziehen sich zurück, lassen niemanden mehr an sich heran. Stattdessen suchen Sie sich weitere Ersatzbefriedigungen, die sie nur für Geld bekommen. Das führt dann zu so absurden Dingen wie T-Shirts, die 500 Euro kosten.

FORMAT: Wie lässt sich denn nun dem Geld-Dilemma entkommen?

Schmidbauer: Man muss sich entscheiden. Das ist wie an einer Weggabelung: Die eine Seite ist die Empathie. Dazu muss man sich fragen, was man anderen zu bieten hat und wie man sie für sich gewinnen kann. Das fördert seelische Stabilität und Zufriedenheit. Die andere Seite besteht aus Leistung und Geld. Sie macht abhängig – und depressiv, wenn der Erfolg ausbleibt.

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