Wohlstand ohne Wachstum

Wohlstand ohne Wachstum

Die Wirtschaftsaussichten sind düster. Doch abseits von Krisengipfeln arbeiten Forscher, Unternehmer und Konsumenten an einer besseren Zukunft: Weniger Stress, weniger Arbeit, weniger Umweltzerstörung. Offen ist, wie massentauglich das ist.

Christoph Holzhaider will keine große Sache daraus machen: "Es war meine persönliche Entscheidung. Es war spannend, aber irgendwann wollte ich ein anderes Leben.” Eines, in dem es nicht nur ums Arbeiten, ums Profitstreben geht. Also hat er gekündigt, mitten in der Wirtschaftskrise. Nach drei erfolgreichen Jahren beim Beratungsunternehmen McKinsey hat er sich von einer klassischen Karriere verabschiedet. Und jetzt? Jetzt baut er in Österreich eine Agentur für Bildungsfinanzierung auf, die Ende des Jahres operativ starten soll.

"Natürlich hat die Selbstständigkeit Schattenseiten”, sagt er. Aber eben auch Vorteile: Er arbeitet jetzt selbstbestimmt, sitzt nicht mehr ständig im Flugzeug, hat mehr Zeit für Sport, für die Familie. "Außerdem ist meine Arbeit sinnstiftend”, sagt der 27-Jährige: "Es macht Spaß.”

Christoph Holzhaider ist kein klassischer Aussteiger. Er ist auch kein Ökofreak und schon gar kein Missionar, der andere von den Vorteilen eines alternativen Lebensstils überzeugen will. Er kann sich sogar vorstellen, in einigen Jahren wieder in die karrieregetriebene Wirtschaftswelt zurückzukehren. Nur für die nächsten paar Jahre eben nicht.

Und Holzhaider ist keine Ausnahme. Man muss sich nur ein bisschen umhören, dann kommen sofort die Geschichten: Vom Werbeagenturmanager, der an seinem 50. Geburtstag beschloss, dass 20 Arbeitsstunden pro Woche reichen müssen; vom Software-Unternehmer, der im Sommer die Drei-Tage-Woche einführt, weil die freie Zeit für die Kreativität seiner Mitarbeiter wichtiger ist als Auslastung; von den ehemaligen Vorständen börsenotierter Unternehmen, die noch keine 50 sind und ihre Erfahrung sozialen Projekten zukommen lassen. "Immer mehr gut ausgebildete Menschen suchen neue Karrierewege“, stellt Marie Ringler fest, die das Ashoka-Netzwerk in Österreich leitet und damit soziale und ökologisch vertretbare Unternehmen fördert.

"Vor allem die Jungen haben innovativere Werte”, sagt der Personalberater Othmar Hill: "Ein hohes Gehalt ist nicht mehr so anziehend, der Arbeitsinhalt ist wichtiger geworden.” Es ist nicht mehr egal, was man tut, und schon gar nicht, wie man es tut. Weniger Geld, aber mehr Freizeit ist heute ein gewünschtes Konzept. Für dieselbe Stelle gibt es laut Hills Erfahrungen doppelt so viele Bewerber, wenn sie eine Teilzeitlösung enthält. Was sonst noch gewünscht ist: Herausforderungen, und dass sich Arbeit mit dem guten Gewissen vereinbaren lässt.

In Zeiten, in denen viele in Europa keine Chance auf Arbeit haben, klingen Forderungen nach einem besseren Leben zynisch. Und tatsächlich sind diese Überlegungen einstweilen ein Eliten-Thema. Doch nach Ansicht einiger Experten könnten sie ein Lösungsansatz zur europäischen Wirtschaftsproblematik sein. Warum sollten nach Geld, Erfolg und Macht nicht mal andere Faktoren wichtig werden - mehr Lebensqualität zum Beispiel?

Düstere Prognosen

Zugegeben: Derzeit sieht alles noch düster aus. Die Eurozone wird laut der Juli-Prognose des internationalen Währungsfonds auch 2013 in der Rezession verharren, und selbst 2014 wird das Wachstum mit 0,9 Prozent gering ausfallen. Daniel Gros vom Brüsseler Think Tank "Centre of European Policy Studies“ geht sogar davon aus, dass die Volkswirtschaften der europäischen Südstaaten bis zu zehn Jahre kaum zulegen werden. Und für alle Industriestaaten gilt, dass die Wachstumsraten der Vergangenheit Geschichte sind (siehe Grafik ). Die meisten Politiker in Europa fragen sich bei solchen Zahlen: Wie bekommen wir wieder Wachstum hin, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen, höhere Staatseinnahmen zu bekommen und unsere Schulden zu zahlen? Drucken wir noch mehr Geld? Vergeben wir mehr Förderungen? Brauchen wir noch mehr Strukturreformen? Fest steht: die bisherigen Maßnahmen zeigen kaum Wirkung, der Pessimismus ist enorm. Selbst in Österreich blicken nur 23 Prozent der Jungen optimistisch in die Zukunft der Gesellschaft.

"Die Krise hat dazu geführt, dass mehr Menschen denken: Hier stimmt etwas nicht”, sagt Christian Kreiß. Das gilt auch für den Ökonomen selbst, der sich nach Jahren als Investmentbanker für eine akademische Laufbahn entschied. Er zählt zu einer Gruppe von Menschen, die für ein neues Konzept eintreten: Für Wohlstand ohne Wachstum. Laut Forschern wie Kreiß, dem Briten Tim Jackson oder dem deutschen Soziologen Harald Welzer (siehe Interview ) kann es nicht mehr so weiter gehen wie bisher. "Wir konsumieren immer mehr, finanzieren das mit immer mehr Schulden und kümmern uns nicht darum, welche Umweltfolgen das hat - dass das nicht auf Dauer funktioniert, war schon vor der Krise abzusehen”, sagt Tim Jackson. Seine Antwort darauf lautet: Weg mit der Wachstumsverehrung.

Zumindest in den Industriestaaten seien laut Jackson hohe Wachstumsraten weder endlos möglich noch erstrebenswert. Zu teuer ist uns der Fokus auf steigende Renditen und Shareholder-Value bisher gekommen: Sozial, weil der Aufstieg und Fall der renditestarken Finanzwirtschaft auch die Realwirtschaft mit sich riss. Ökologisch, weil der Ressourcenverbrauch schon jetzt massive Spuren hinterlässt und durch den Aufschwung der Entwicklungsländer zunimmt. Und sogar persönlich, denn viele fühlen sich von Karriere, Selbstoptimierung und Dauerkonsum überfordert. Auch wenn man wieder mal den halben Kühlschrankinhalt wegwirft, denkt man: Da stimmt was nicht.

Verankertes System

Doch der Glaube ans Wachstum sitzt tief: Politiker predigen ihn ebenso wie traditionelle Ökonomen, weil Wachstum Arbeitsplätze schaffe - und wir unser ganzes Sozialsystem darauf ausgerichtet haben. Die Regelkreislauf lautet bisher: mehr Wachstum, mehr Staatseinnahmen, mehr Umverteilung, mehr Zinsrückzahlungen, mehr neue Kredite - und noch mehr Wachstum. Fällt es aus, bricht das Gebäude zusammen. "Im bisherigen System mit all seinen Verflechtungen ist Wohlstand ohne Wachstum wohl schwierig”, sagt Angela Köppl vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Kritiker halten auch die umweltbezogenen Annahmen für zu negativ: "Wir werden neue Ressourcen finden und Möglichkeiten schaffen, sparsamer damit umzugehen”, sagt Harald Badinger, Professor für Internationale Wirtschaft an der WU Wien.

Anpassungen alleine seien allerdings zu wenig, fürchtet etwa Harald Welzer. Er plädiert dafür, sich vom Paradigma des "immer mehr“ zu lösen, um Platz für neue Ideen zu haben. Und um wieder ganz einfache Fragen zu stellen: Macht es Sinn, einen Bio-Apfel aus Neuseeland zu kaufen? Macht es Sinn, energieeffizientere Autos zu fördern, wenn gleichzeitig mehr von ihnen verkauft werden? Und macht es Sinn, Leuten immer absurdere Bohrer anzudrehen, wenn sie diese einmal im Jahr benutzen? Und: Muss ich wirklich dreimal pro Jahr verreisen?

Mehr Zeit, weniger Arbeit

Die zweite Kernidee des Wohlstands ohne Wachstum ist, dass sich Wohlstand in Zukunft anders definieren muss. Das erfordert gesellschaftlich ein ziemliches Umdenken. Statt Luxusautos und Fernreisen könnten dann Freizeit, Lebensqualität, Gesundheit oder gute Pflege für Wohlstand stehen. Wenn diese Dinge mehr zählen, kann auch die vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe aufgeteilt werden. Wir werden weniger verdienen, was aber nicht so schlimm ist, weil wir auch weniger konsumieren werden. Das wiederum ist besser für die Umwelt - soweit das Ideal.

Wie dieses neue System praktisch funktioniert, kann noch niemand beantworten. "Wichtig ist, dass ein Übergang geplant wird und nicht durch ein Desaster wie einer schweren Krise erfolgt”, sagt der in Wien lehrende Politikwissenschafter Ulrich Brand. Werden weniger Autos produziert, wird das die in der Autoindustrie beschäftigten Menschen treffen. Hier brauche es Übergangshilfen, so Brandt.

Der Politikwissenschafter war Teil der deutschen Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”, die für den deutschen Bundestag zwei Jahre lang an neuen Indikatoren arbeitete, um den Wohlstand zu messen. In Zukunft sollen dabei neben den wirtschaftlichen Daten auch andere Dinge und Umstände einfließen, die die Lebensqualität bestimmen. Ansätze, die den Menschen und seine Bedürfnisse in den Vordergrund stellen, finden nun auch bei Politikern Gehör.

Abseits von berechneten Indikatoren haben ein paar Menschen zumindest damit angefangen, neue Ansätze auszuprobieren. Heini Staudinger zum Beispiel, der sein Schuhunternehmen ohne große Gewinnansprüche führt.

Oder Johannes Gutmann von Sonnentor, der sich auch die Nachhaltigkeit seiner Produkte und die Fairness gegenüber ihren Produzenten zum Ziel gesetzt hat. Dass wir uns in Zukunft alle in Verzicht üben müssen, wie Kritiker des Wohlstands ohne Wachstum vermuten, hält Gutmann für Blödsinn: "Es geht darum herauszufinden, was man wirklich braucht.“ Um den smarten Konsum also. Denn die meisten der rund 10.000 Güter, die heute jeder besitzt, werden nicht genutzt.

Hier setzt zum Beispiel auch die Autoindustrie an. Vor allem in großen Städten verzichten immer mehr Menschen auf ein Auto, stattdessen mieten sie: Car-Sharing-Dienste wie car2go von Daimler boomen. Bis 2050 soll sich laut dem Fraunhofer Institut auch dadurch die Anzahl vorhandener Autos halbieren. Diese Form von Dienstleistung könnten auch Hersteller von Rasenmähern oder anderen Geräten anbieten, die man nur selten braucht.

Eine Initiative rund um Kika und Leiner in der Steiermark wiederum setzt dort an, wo andere ihren Besitz ausrangieren. Liefern sie neue Möbel aus, nehmen sie alte mit, um sie der Caritas zu schenken. In Zukunft könnten laut Welzer neben den neuen auch alte Dienstleistungen wieder in Mode kommen: reparieren, restaurieren oder recyclen. Was früher spießig und nach Sparzwang klang, führt heute zu neuer Kreativität: Alte Stoffe werden zu neuen Möbeln, aus Autoreifen werden Pullover. Schon verbrauchte Rohstoffe erhalten so ein zweites Leben.

Es entsteht lustvoller Konsum, Arbeit - und sogar so etwas wie Sinn. Und vielleicht ist das dann Christoph Holzhaider nächste Station.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff