Wo ist das Geld? 18.000 Milliarden Dollar sind im Laufe der Finanzkrise verschwunden

Finanz-Fiasko: Die Verluste an den Börsen summieren sich auf 18.000 Milliarden Dollar. FORMAT begibt sich Spurensuche: Wer sind die Verlierer dieser Geldvernichtung – und wer die Gewinner?

„Wer hat meine Ersparnisse? Wo ist das Geld geblieben?“ Eine Frage, die sich derzeit Zehntausende Österreicher stellen, deren Vermögen unter die Räder der Finanzkrise gekommen sind. Doch nicht nur in Österreich sind Privatanleger ratlos, auch weltweit grübeln im Moment viele darüber, ob die an den globalen Finanzplätzen verzockten Milliarden wirklich weg sind oder ob sie nur jemand anderer hat. Tatsache ist: Seit Beginn des Jahres erlitten die Anleger Verluste in nie gekannten Ausmaßen.

18.000 Mrd Dollar weggeschmolzen
Der Gesamtwert aller Aktien im wichtigsten weltweiten Börsenindex, dem MSCI World, lag Anfang 2008 bei 28.569 Milliarden Dollar. Am 3. November war der Kurswert des Börsenindikators auf 17.488 Milliarden Dollar zusammengeschmolzen. Unterm Strich ergibt das einen Gesamtverlust von 11.081 Milliarden Dollar. Eine Faustregel besagt, dass der MSCI World ungefähr 60 Prozent des globalen Aktienkapitals abdeckt. Unter dieser Voraussetzung dürften sich die Verluste der Anleger heuer auf insgesamt 18.000 Milliarden Dollar summieren – in Worten: achtzehntausend Milliarden. Anders gesagt: Rund 38 Prozent des weltweiten Aktienkapitals haben sich in den vergangenen zehn Monaten pulverisiert.

Geprellte Anleger
Ein großer Teil der institutionellen Anleger und vor allem die Masse der Kleinanleger – deren Run auf die Finanzmärkte etwa über Pensionsprivatisierung die Höhenflüge der Börsen angeheizt hatte – haben die Krise nicht rechtzeitig kommen sehen und verloren. Zu den Verlierern zählt auch Robert S. Im Fall des Wiener Anlageberaters macht der Verlust 300.000 Euro aus. Er hat auf jenes Produkt gesetzt, das er auch seinen Kunden ans Herz legte – angeblich mündelsichere „Aktien“ von Meinl European Land (MEL): „Ich hatte das Geld gespart, um meinen Kindern ein Haus zu bauen. Jetzt ist es futsch.“ S. hat sich einer Sammelklage angeschlossen, mit der die MEL-Anleger zumindest einen Teil ihres Geldes retten wollen. „Es haben sich bereits 6.000 Geschädigte gemeldet“, sagt Jurist Hans Kunst vom Prozessfinanzierer Advofin, der auch sein eigenes Geld mit MEL-Zertifikaten verloren hat. Im Fall der MEL-Geprellten ist es noch möglich, dass ein Teil der Verluste auf gerichtlichem Wege ausgeglichen wird: Die Anleger fühlen sich von MEL falsch informiert und rechnen sich deshalb gute Chancen aus.

Wer mehr Geld hat
Viele haben also verloren – aber hat nun überhaupt jemand gewonnen? Wer vor Beginn der Finanzkrise vorausblickend verkaufte und sein Vermögen in sichere Anleihen oder etwa Goldbarren umschichtete, hat die Gewinne aus den rasant steigenden Kursen in den Jahren davor rechtzeitig in trockene Tücher gebracht. Die Zahl der Milliardäre auf der Welt stieg in der Finanzmarkt-Blase 2006 und 2007 um ein Drittel, ihr Vermögen um 80 Prozent. Banken verdienten so gut wie nie. „Ein guter Teil der realisierten Gewinne aus dieser Zeit ist in Steueroasen geflossen. Die kleine Kanalinsel Jersey wurde so 2007 zur reichsten Volkswirtschaft der Welt“, erklärt der Londoner Ökonom John Christensen, Experte für Offshore-Plätze.
Am lang gezogenen Crash selbst haben nur sehr wenige verdient – die aber richtig. Einer davon ist Finanzguru George Soros, der anlässlich der Krise kurz aus der Pension zurückkam. Während er in düsteren Kommentaren die Ungerechtigkeit des Finanzsystems geißelte, nahm er auch erkleckliche Gewinne mit. Ein anderer ist Hedgefonds-Manager John Paulson, dessen Fonds allein 2007 15 Milliarden Dollar an fallenden Immobilienpreisen verdiente.

Vertrauen ist angeknackst
Die Folgen des Bankencrashs sind bekannt: Die Banken vertrauen weder einander noch potenziellen Kreditnehmern – und das trifft nicht nur große Unternehmen, die Investitionen zurückstellen müssen, sondern auch Durchschnittsösterreicher wie Andrea P.: Nicht nur, dass die Bank plötzlich ihren Überziehungsrahmen strich und 5.000 Euro zurückverlangte: Sie stellte auch den Fremdwährungskredit der Wienerin auf Euro um, wodurch sich die Kreditsumme empfindlich erhöhte. Bei der Arbeiterkammer laufen wegen ähnlicher Fälle derzeit die Telefone heiß. Die österreichischen Haushalte sind mit 34 Milliarden Euro in Fremdwährungskrediten verschuldet. Drei Viertel davon sind endfällig und mit dem zusätzlichen Risiko eines Tilgungsträgers in Form von Investmentfonds oder Versicherungen behaftet: Diese Häuslbauer sind von den Börsenverlusten also direkt betroffen. „Die Banken werden vom Staat gerettet – und uns kleinen Leuten werden die Kredite verteuert und die Überziehungsrahmen gestrichen. Das ist doch nicht fair“, klagt Frau P.

Verschont durch Sparwut
Doch so düster, wie es die Schicksale der Krisen-Verlierer vermuten lassen, ist die Lage in Österreich nicht: Ganz gleich, wie sich die Börsen weiter entwickeln – in Summe wird das Vermögen der Österreicher davon nur unwesentlich berührt. Mitte 2008 hatten Privatpersonen laut Nationalbank-Statistik insgesamt 422 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Ein Großteil davon, 193 Milliarden, waren Einlagen auf Sparbüchern und Girokonten, die von der Krise nicht getroffen wurden. Der nächstgrößere Punkt waren Lebensversicherungen mit 62 Milliarden, gefolgt von Fonds (39 Milliarden) und Anleihen (36 Milliarden). Börsennotierte Aktien spielten mit 17 Milliarden Ende Juni nur eine untergeordnete Rolle. Auch wenn davon noch einige Milliarden verloren gegangen sind, hält sich das Minus der Privatanleger daher in letztlich überschaubaren Dimensionen. Glück im Unglück: Der Löwenanteil der Aktien der Wiener Börse, deren Kurswert heuer von 158 Milliarden auf 62 Milliarden Euro fiel, ist in ausländischem Besitz. Bank-Austria-Volkswirt Stefan Bruckbauer hat errechnet, dass sich die Kursverluste der Österreicher einschließlich Fonds von Jänner bis Oktober auf vergleichsweise geringe 9,4 Milliarden Euro summieren. Damit entsprechen die Kursverluste, bezogen auf das gesamte private Finanzvermögen, nur 2,2 Prozent.

Kleinanleger und Steuerzahler verlieren
Wo ist also das Geld? Der Großteil des Vermögens ist noch da, zumal wenn die Aktienkurse irgendwann wieder ihre Ausgangsniveaus erreichen sollten. Echte Gewinne haben aber nur jene, die hohe Spesen kassierten, oder die wenigen Investoren, die in Zeiten des Booms rechtzeitig verkauft haben. Verloren haben dagegen alle anderen: Kleinanleger, die erst auf dem Scheitelpunkt des Kursanstiegs eingestiegen sind, Steuerzahler, weil die Staaten zur Rettung der Banken nun ihre Budgets strapazieren müssen, und letztlich jeder, der von der drohenden Rezession betroffen sein wird.

Von Martin Kwauka, Corinna Milborn und Arndt Müller

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