Wissenschaft: Superhirn, Businessman und Aushängeschild Josef Penninger

Top-Genetiker Josef Penninger mischt mit seinen Erfolgen nicht nur die Wissenschaft auf, sondern kurbelt auch das Biotech-Business ordentlich an. Und beides ist gut für Österreich.

Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen: Es fehlte nicht viel, und eine der wichtigsten Forschungspersönlichkeiten des Landes hätte ihre Ruhmesstätte von Wien ans andere Ende der Welt verlegt. Nach Sydney, nach Australien, hätte es Josef Penninger fast gezogen. Das Angebot an den Genforscher, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) und Star der internationalen Biotech-Szene, war gut. Geradezu verlockend. Und es war längst nicht der erste Ruf, der den renommierten Forscher aus dem Ausland ereilt hat. Gefolgt ist ihm der gebürtige Oberösterreicher aber auch diesmal nicht: Er will bleiben. Vorerst zumindest.

Von Kanada nach Wien

Das von Penninger aufgebaute IMBA atmet also ebenso auf wie die Politik, die den Ausnahmeforscher als Zugpferd für die Zukunftsbranche Biotechnologie von Kanada zurück nach Wien geholt hatte. „Forscherpersönlichkeiten wie Josef Penninger geben einem Standort Gewicht, sie bringen Qualität und machen ihn auch für andere Forscher anziehend und attraktiv“, sagt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl. Gerade im Fall von Penninger geht der Einfluss starker Forscherpersönlichkeiten aber weit über die Grundlagenwissenschaft hinaus.

„Er ist ein genialer Kopf“, sagt etwa Manfred Reichl, Aufsichtsrat und Beteiligter an Penningers Firma Apeiron, „er ist auch unkompliziert, vorwärtsorientiert und hat einfach auch ein unternehmerisches Gespür.“ Und spätestens da wird das Ganze auch wirtschaftlich interessant. Mit einem so renommierten Forscher wie Penninger verlässt ja nicht nur eine Person das Land, sondern ihre gesamte Expertise und oftmals auch einige der engsten Mitarbeiter. Auch für Jobs, die sich in Zukunftsbranchen erst aus der Forschung heraus entwickeln, heißt das nichts Gutes. Der Brain Drain zählt zu den Horrorvorstellungen entwickelter Länder.

Internationaler Wettbewerb um die besten Köpfe

Die klügsten Köpfe halten zu können ist aber oft eine Frage des Geldes und der dadurch geschaffenen Rahmenbedingungen. Dazu zählt für Penninger das Institut IMBA, das er zu einem global führenden Forschungszentrum ausbauen will. Das derzeit bestehende Basisbudget von 7,2 Millionen jährlich reiche dafür einfach nicht mehr aus, beklagte der Forscher. „Uns wurde aber eine substanzielle Erhöhung der finanziellen Basisausstattung für die nächsten Jahre zugesagt“, sagt Michael Krebs, kaufmännischer Geschäftsführer des IMBA. Sicherheit gibt es dafür jedoch erst nach Abschluss der laufenden Budgetverhandlungen.

Wie erfolgreich das IMBA bereits jetzt ist, zeigte sich durch seine jüngste Veröffentlichung, die für einen Knalleffekt in der Brustkrebsforschung sorgte. Penninger und sein Team konnten nachweisen, dass dasselbe Protein, das für Knochenschwund verantwortlich ist, auch bei Brustkrebserkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Den Antikörper gegen dieses Protein gibt es bereits: Denosumab wurde in Europa und den USA gerade als Wirkstoff gegen die Knochenschwundkrankheit Osteoporose zugelassen und könnte zukünftig auch zur Vorbeugung und Therapie von Brustkrebs zum Einsatz kommen.

Als Josef Penninger mit Frau und Kindern 2002 zurück nach Österreich kam, feierte die Regierung Schüssel das als großen Coup, und der jüngste Erfolg gibt dem Recht. Der heute 46-jährige Forscher brachte sein Know-how, sein Renommee und seinen unkonventionellen, angloamerikanischen Stil aus Kanada mit. Nicht nur seine Erfolge, sondern auch seine Frisur wurde eifrig kommentiert. Spätestens seit Anfang dieses Jahres der britische Pharma-Riese GlaxoSmithKline (GSK) bei Penningers Biotech-Start-up Apeiron eingestiegen ist, weiß man, dass sich das Werben um den Star-Forscher gelohnt hat. Penninger stellt einen für Österreich immer noch neuen Wissenschaftlertypus dar: Forschung zu betreiben und mit den Ergebnissen auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein sind für ihn kein Widerspruch. Und das Ausnutzen seines formidablen Netzwerkes auch nicht.

„Es zeigt sich jetzt einfach, wie wichtig es damals war, Penninger zurück nach Österreich zu holen“, sagt Martin Bartenstein. Der Ex-Wirtschaftsminister, mit seinem Pharma-Unternehmen Gerot-Lannach, hat sich früh von den Qualitäten des Ausnahmeforschers überzeugen lassen und in Apeiron investiert. Auch der ÖVP-Abgeordnete Erwin Rasinger, Hannes Androsch oder Walter Scherb, der Eigentümer des Fruchtsaftherstellers Spitz, wollen dabei sein, wenn aus Grundlagenforschung Umsätze werden. Noch müssen sich die Investoren aber gedulden. Bis zu dem Deal mit den Briten hat das Start-up mit 15 Mitarbeitern rund 6,6 Millionen Euro über private Investoren aufgestellt, 3,3 Millionen Euro kamen an nationalen und internationalen Forschungsgeldern dazu – und die wurden auch allesamt gebraucht.

Rahmenvertrag über 240 Millionen Euro

„Uns hat die Überweisung der ersten Tranche von GSK natürlich Luft für neue Projekte verschafft“, sagt Hans Loibner, CEO von Apeiron. Es wurde ein Rahmenvertrag über rund 240 Millionen für die Entwicklung von APNO1 vereinbart, einem Enzym, das unter anderem zur Behandlung bei akutem Lungenversagen eingesetzt werden soll. Die Summe wird in Tranchen ausbezahlt, jeweils nach dem Erreichen einzelner Entwicklungsmeilensteine. Die ersten 12,5 Millionen Euro sind bereits zum Abschluss der Entwicklungsphase I geflossen. Im nächsten Jahr wird es mit der Phase II ernst, da muss das Enzym zeigen, dass es bei betroffenen Menschen auch tatsächlich wirkt. Klappt die gesamte Entwicklung, wird Apeiron auch an den zukünftigen Umsätzen von APNO1 partizipieren. „Jahresumsätze um eine Milliarde Euro sind durchaus möglich“, sagt Loibner. Details zur Vereinbarung werden keine verraten, aber Beteiligungen zwischen 10 und 15 Prozent sind durchaus üblich.

„In der Entwicklung kann jedoch immer noch etwas schiefgehen“, sagt Loibner, weshalb die Pipeline mit neuen Projekten gefüllt wird. Zwei davon sind noch jung und basieren wie APNO1 auf Forschungsergebnissen von Penninger. Das eine soll ein neuartiges Schmerzmittel werden, das andere zur Bioimmuntherapie für Krebspatienten dienen. Zwei reifere Projekte sollen aber noch in diesem Jahr zugekauft oder lizenziert werden. „Wir stellen uns grundsätzlich so auf, dass wir in wenigen Jahren fit für die Börse sind“, sagt Loibner.

Von Börsengang und Milliardenumsätzen noch weit entfernt ist das Unternehmen Akron Molecules, das das bewährte Team Penninger/Reichl/Bartenstein im Sommer gründete. Sie wollen zukünftig daraus Kapital schlagen, dass viele Medikamente mehr als eine Wirkung aufweisen. Findet man diese positiven Nebenwirkungen heraus, lassen sich mit bestehenden Medikamenten weitere Märkte erschließen. Viagra etwa war ursprünglich gegen Angina gedacht, bevor sein Einsatzgebiet durch eine zufällige Entdeckung ein ganz anderes wurde. „Drug Repurposing“ nennt man das in der Fachsprache. Unter der Federführung Penningers, der sich in seinen Ideen nicht auf nur einen kleinen biogenetischen Bereich beschränken will, wird jetzt also getestet, was das Zeug hält.

Priorität: Forschung

Bei allem Unternehmergeist steht für Penninger dennoch die Forschung an vorderster Stelle. Ergebnisse wie jene zur Brustkrebsforschung bringen den sendungsbewussten Forscher mit der Strubbelfrisur wieder in die Medien. Selbst wenn, wie in diesem Fall, kein österreichisches Unternehmen direkt davon profitiert, wird der Biotech-Standort Österreich dadurch ins Rampenlicht gerückt. Für Penninger ist das nur eine Bekräftigung seines beständigen Appells für noch mehr Forschungsausgaben (siehe Interview). „Wien hat als Biotech-Standort mittlerweile zwar München überflügelt, aber nach wie vor gibt es in Österreich noch viel zu tun“, sagt Apeiron-Aufsichtsrat Manfred Reichl.

„Im internationalen Vergleich steht Österreich, vor allem in Relation zu seiner Größe, als Biotech-Standort aber gut da“, sagt Erich Lehner, Partner bei Ernst & Young. Das Beratungsunternehmen analysiert regelmäßig die weltweite Biotech-Szene. Vor allem die Frühphasen- Förderungen durch die öffentliche Hand helfen jungen Unternehmen, sich auf forschungsintensive Projekte einzulassen. Über das Schwerpunktprogramm Life Science Austria stellte alleine die Austria Wirtschaftsservice im Jahr 2009 rund 2,9 Millionen Euro zur Frühphasenfinanzierung zur Verfügung, der Wissenschaftsfonds förderte die Zukunftsbranche mit rund 55 Millionen Euro.

Schnell schießen die Biotech-Entwicklungskosten aber über 50, über 100 Millionen Euro hinaus. Und dann wird es schwierig. Risikokapital ist in Österreich nämlich nach wie vor Mangelware. Wollen heimische Biotech-Unternehmen diese Entwicklungsstufe nehmen, kommen sie fast nicht darum herum, sich früh auf eine internationale Bühne zu stellen.

Dass Österreichs Biotech-Unternehmen längst nicht mehr gänzlich unsichtbar auf der internationalen Investitionslandkarte sind, haben aber die großen Deals der letzten Jahre gezeigt. GlaxoSmithKline (GSK) ist auch bei den beiden Wiener Unternehmen Affiris und Intercell eingestiegen. Bei Affiris sicherte sich GSK im Oktober 2008 um rund 430 Millionen Euro die Lizenz an einem Impfstoff gegen Alzheimer. Mit der börsennotierten Intercell gibt es nun eine Allianz bei Impfstoffen gegen Reisedurchfall und die pandemische Grippe, die über Pflaster verabreicht werden können. „Wir suchen international nach speziellen Wirkstoffen und Technologien, die nicht von uns selbst entwickelt werden – auch, um unser Entwicklungsrisiko zu streuen“, sagt Evelyn Schödl, Geschäftsführerin von GSK Österreich.

Penninger: 'Andere Länder geben wahnsinnig Gas'

Trotz dieser großen und einiger kleiner Erfolgsgeschichten ist das Potenzial von Biotech in Österreich längst noch nicht ausgeschöpft. „Andere Länder geben wahnsinnig Gas“, sagt Josef Penninger. Er sieht dringenden weiteren Handlungsbedarf bei der öffentlichen Hand und meint damit nicht nur die immer zu knappen finanziellen Mittel. Er wünsche sich, dass Bildung und Forschung nicht zum Spielball in einem politischen Ränkespiel werden.

Der Verbesserungsbedarf sei auch im universitären Bereich hoch, wolle man nicht den Anschluss an andere Länder verlieren. „Auch wenn Bildung und Forschung mehr davon brauchen: Das Geld alleine ist es nicht“, sagt der Industrielle Hannes Androsch. Es müsse vor allem vernünftig eingesetzt werden – und endlich ein Bewusstsein für die Bedeutung der Forschungsbereiche der Zukunft geschaffen werden. „Wir können es uns nicht leisten, Felder wie die Gentechnologie oder die Nuklearforschung fast links liegen zu lassen“, so Androsch.

Österreich muss sich also anstrengen, will es zur internationalen Forschungs-Weltspitze aufschließen und Köpfe wie Penninger hierbehalten. Sprachlich zumindest liegen Austria und Australia aber schon relativ nah beieinander.

– Martina Bachler

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