Wirtschaft für Integration: Mit positiven Vorbildern aus der Diskriminierungsecke

Die Wirtschaft entdeckt, dass sie Migranten braucht – und die Politik zu wenig für Integration tut. Also haben Wirtschaftstreibende selbst Hand angelegt und eigene Projekte gestartet.

„Woher kommst du?“ – eine höfliche Frage, die ganz schön nerven kann. Duygu Arslan ( 2. v. l. im Bild ), 17, Österreicherin, in Österreich geboren und aufgewachsen, seufzt, wenn sie danach gefragt wird. „Aus Wien“, sagt sie dann. „Aus der Türkei“ wird erwartet: Die Schülerin hat türkische Eltern und wird als Mitglied der zweiten Generation allzu oft als Fremde gesehen. „Als die Plakate „Daham statt Islam“ hingen, wurde ich in meiner Klasse damit aufgezogen. Einige Mitschülerinnen haben mit Schals so getan, als ob sie ein Kopftuch tragen würden, obwohl ich selbst nie eines trage. Ich bin stolz darauf, Österreicherin zu sein, aber das hat mich wirklich sehr verletzt“, erzählt Duygu. Sie selbst hat bereits eine steile Karriere hingelegt: erst als Schulsprecherin, dann als Schauspielerin. Ab 30. März ist Duygu in der ORF-Serie „tschuschen:power“ zu sehen. Als „Österreicherin mit Migrationshintergrund“ muss sie für den Erfolg allerdings mehr als andere kämpfen – viele ihrer Freunde aus türkischen Familien kommen über die Hauptschule nicht hinaus.

Initiative „Wirtschaft für Integration“
Junge Österreicher wie Duygu hatten der Teppichhändler Ali Rahimi und Georg Kraft-Kinz, Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, im Kopf, als sie die Initiative „Wirtschaft für Integration“ starteten. „Wir denken wirtschaftlich, als Unternehmer, und sehen: Die mangelnde Integration kostet uns Geld. Taxifahrende Akademiker und Zuwandererkinder ohne Chancen sind für alle Österreicher schlecht, nicht nur für die Betroffenen“, erklärt Georg Kraft-Kinz.
Die Idee entstand an langen gemeinsamen Abenden der beiden unterschiedlichen Freunde: Kraft-Kinz ist autochthoner Niederösterreicher, Ali Rahimi Migrant der dritten Generation. Der erste hat ein schwarzes, der zweite ein rotes Netzwerk. Und beide einte die Sorge, dass die Integrationspolitik Österreichs der Wirtschaft ernsthaft schaden würde. „Wenn ein Betrieb die Produktion verlagern muss, weil er nicht genügend qualifizierte Arbeitskräfte findet, dann trifft das alle. Wir sind kein Sozialverein, sondern wollen Chancen bieten. Durchaus im eigenen Interesse“, erklärt Rahimi. Also vereinten die beiden ihre Netzwerke und stellten Geld auf – und große Namen. Im Vorstand des Vereins sind Führungskräfte von Porr, Rewe, Hochegger, Wien Holding, Novomatic und Uniqa vertreten.

Akademiker als Hilfsarbeiter
Tatsächlich schadet der Hang der Österreicher, Migranten bis in die dritte Generation hinein als lästige Gäste zu sehen, der Wirtschaft des Landes. „Potenziale gehen verloren, die wir nun heben wollen“, sagt Kraft-Kinz. Die Probleme der Migranten beginnen in der ersten Generation: Der Anteil an Akademikern ist unter Migranten leicht höher als unter den Österreichern – doch ihre Jobs entsprechen allzu oft nicht ihrer Ausbildung. Ausländer arbeiten zu 45 Prozent in Berufen, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen, errechnete das Zentrum für soziale Innovation. Bei den Österreichern sind es vergleichsweise geringe 17 Prozent (siehe Grafik ). Statt die Mehrsprachigkeit als Pluspunkt zu sehen, werden angeblich mangelnde Deutschkenntnisse als Begründung vorgeschoben, warum Akademikern oft nur Hilfsarbeiterjobs angeboten werden. August Gächter, Migrationsexperte am Zentrum für Soziale Innovation, weiß, warum: „In Österreich herrscht die völlig falsche Überzeugung, österreichische Abschlüsse seien von besonders hoher Qualität. Es ist fast unmöglich, höhere Abschlüsse aus dem Ausland anerkennen zu lassen, und die Sozialpartner sind leider auch nicht unschuldig. Sie haben seit jeher eine ihrer allerwichtigsten Aufgaben darin gesehen, die nationalen Beschäftigten vor den internationalen zu schützen.“ Dabei ist Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl von der Donau-Uni Krems sicher, dass sich Integration lohnt: „Zugewanderte Mitarbeiter könnten die Gruppe der zugewanderten Konsumenten besser ansprechen.“ Die Familie mit türkischem Hintergrund würde dem türkischen Installateur wohl mehr Vertrauen schenken als dem österreichischen – und die Firma vermutlich innerhalb der türkischen Community eher weiterempfehlen als eine andere.

Sonderschule wegen Deutschmängel
Von den Kindern der einstigen Gastarbeiter wird aber stattdessen einfach verlangt, sich zu integrieren. Gar nicht so einfach, wie eine aktuelle Studie zum Leseverhalten von Volksschülern zeigt: Migranten der zweiten Generation lesen nur unwesentlich besser als jene der ersten. Interessant dabei: Die Integration der Zuwandererkinder gelingt anderen Ländern wie Kanada oder Belgien wesentlich besser. Biffl fordert deshalb mehr Bildungsförderung als heute: „Es kann nicht sein, dass ein Kind nur deshalb in eine Sonderschule geht, weil es zu Schulbeginn noch nicht perfekt Deutsch kann.“ (Siehe Grafik ). Nach der Volksschule landet ein hoher Anteil der Kinder aus Migrantenfamilien fast automatisch in der Hauptschule. Besonders in bürgerlichen Gegenden ist die Trennung nach Herkunft der Eltern radikal; im Bezirk Josefstadt in Wien etwa beträgt der Anteil von Kindern nicht deutscher Muttersprache in der Hauptschule über 85 Prozent. Da die Kinder nicht deutscher Muttersprache ja im Schnitt nicht weniger talentiert sind als solche deutscher Muttersprache, ist die Ursache klar: Diskriminierung in der Schule.

Laptops für Migranten und Österreicher
Bildung ist daher einer der Ansatzpunkte des Vereins „Wirtschaft für Integration“: Eines der Projekte sieht vor, Schulklassen mit besonders hohem Anteil an Kindern nicht deutscher Muttersprache mit Laptops und Geld für Projekte auszustatten – und zwar für alle Kinder. „Wir sprechen immer von Österreichern, denn auch die Kinder zweiter Generation sehen wir natürlich als Landsleute“, sagt Rahimi. „In Klassen mit hohem Migrantenanteil ist oft auch die soziale Lage der österreichischen Kinder nicht so gut, insofern brauchen alle Unterstützung.“ In den Schulen setzt auch das Projekt „Vielfalter“ von Western-Union-Boss Hikmet Ersek an. Denn auch er leidet nach wie vor unter der ständigen Frage: „Woher kommen Sie?“, auf die er immer wieder geduldig erklärt, dass er Österreicher sei und mit 19 Jahren aus der Türkei gekommen ist. Der damalige Basketballprofi leitet von Wien aus den Geldtransfer-Konzern für Europa, Afrika, Asien und den Pazifik. Ihm unterstehen 1.600 Mitarbeiter im Konzern selbst und 260.000 Geschäftsstellen in 160 Ländern. „Es war damals als Türke in Österreich sehr schwer, den Aufstieg zu schaffen“, sagt Ersek. Noch heute wird er oft noch in Gastarbeiter-Deutsch angesprochen: Ein Türke bleibt in Österreich ein Türke, auch nach Jahrzehnten und auch als Konzernchef. Das treffe die zweite Generation besonders: „Es wird einem hier sehr schwer gemacht, sich als Österreicher zu fühlen. In den USA kann ein Einwanderer nach zwei, drei Jahren stolz sagen: I am American. Hier ist das nicht erwünscht.“

Für Vielfalt im öffentlichen Dienst
Das will Ersek nun mit dem Projekt Vielfalter ändern: Mit 100.000 Euro sponsert er – in Zusammenarbeit mit dem interkulturellen Zentrum und dem Bildungsministerium – 50 Projekte für mehr Vielfalt. Zielgruppe sind vor allem Lehrer, die den Wert von Zweisprachigkeit und vielfältigen kulturellen Kompetenzen erkennen lernen sollen. „Wir haben in Österreich keine Lehrer mit Migrationshintergrund, keine Polizisten, keine Straßenbahnfahrer. Wir haben zwar eine zweite Generation, die sich als Österreicher fühlt – doch sie werden aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen“, sagt Ersek. Sein Konzern selbst zeigt, wie nützlich Vielfalt sein kann: Nicht nur, dass Western Union von Migranten weltweit lebt – das Unternehmen wurde auch wiederholt zum „Best Place to Work for“ gewählt. Grund: die interkulturelle Stimmung. Beide Projekte haben ein weiteres Ziel: positive Vorbilder zu schaffen. Sind Migranten in allen Berufen sichtbar, zeigen sie auch den Jugendlichen, dass ihnen alle Chancen offen stehen. Für Emel Yahsi, Österreicherin türkischer Herkunft, war es die Frau von nebenan in der türkischen Botschaft: „Sie zeigte mir, dass man nicht in einer Hausmeister-Wohnung bleiben muss, sondern trotz schwierigerer Startbedingungen Attaché in einer Botschaft werden kann.“ Vorbild ist sie seit kurzem auch selbst: Für ihren erfolgreichen Aufstieg zur Qualitätsmanagerin zuerst im Haus der Barmherzigkeit, dann bei Bayer und nun bei Novo Nordisk bekam sie den Mia-Award, den Preis, mit dem Staatssekretärin Christine Marek erfolgreiche Migrantinnen auszeichnet.

Von Martina Madner und Corinna Milborn

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