"Wir haben aufgehört, Fremdwährungskredite an Private zu vergeben"

FORMAT: Im Februar haben die Ratingagenturen Österreich die Rote Karte gezeigt, unter anderem, weil das Risiko der österreichischen Banken in Osteuropa so groß ist. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Gianni Franco Papa: Die Herabstufung Österreichs hat nur am Rande mit den Osteuropa-Aktivitäten der heimischen Banken zu tun. Die Ratingagenturen haben dieses Engagement mit 225 Milliarden Euro beziffert, das ist aber kein aussagekräftiger Wert für das Exposure. Nimmt man die Kapitalbeteiligungen, die direkten Kredite aus Österreich an Nicht-Banken in CEE und die Refinanzierung durch die Mutterunternehmen, und das ist meiner Meinung nach die entscheidende Größe, liegen wir gerade einmal bei 110 Milliarden Euro. Das heißt, das eigentliche Risiko ist deutlich geringer.

Moody’s hat also falsche Zahlen rausgegeben?

Nein, ich will damit nur sagen, es hat auch andere Gründe gegeben, weswegen Moody’s unser Rating und den Ausblick gesenkt hat.

Aber es bleibt dabei, dass das Exposure heimischer Banken in CEE von vielen Experten kritisch gesehen wird …

Das kommt ganz auf die Sichtweise an. Man darf das Risiko jedenfalls nicht losgelöst von den Vorteilen sehen, die die österreichische Wirtschaft über viele Jahre daraus gezogen hat, dass sie so früh in der Region präsent war. Die Vorteile überwiegen klar.

Haben die österreichischen Banken in den letzten Jahren in Osteuropa Fehler gemacht?

Wir sollten nicht an der Vergangenheit hängen, sondern über die Zukunft reden. Und die Wirtschaftsprognosen für CEE liegen im Durchschnitt deutlich über jenen in Westeuropa. Gerade haben wir die Prognosen für 2012 von 3 auf 3,3 Prozent angehoben. Das zeigt uns, dass Österreichs Erfolgsstory in Osteuropa zurückkommen wird. Wir waren in CEE immer positiv, und diese Märkte werden auch in den nächsten Jahren unsere Wachstumsregion in Europa sein. Davon sind wir überzeugt. Schon 2011 hat uns gezeigt, dass wir wieder auf dem Weg zurück sind.

Glauben Sie, dass österreichische Banken in fünf Jahren in CEE immer noch führend sein werden?

Ganz bestimmt sogar, auch wenn wir einige neue Mitspieler sehen werden.

Zum Beispiel?

Die Santander und die russische Sberbank sind expansiv unterwegs.

Zurück zu möglichen Fehlern. Denken Sie nicht, dass die Banken Fehler bei der Kreditvergabe gemacht haben?

Fehler ist zu viel gesagt, es waren Kinderkrankheiten. Vielleicht hat man bei Konsumkrediten etwas übertrieben, aber das lag auch daran, dass wir in diesen Ländern lange Zeit zweistellige Wachstumsraten gesehen haben und Liquidität billig war. Vielleicht ist man auch bei den Fremdwährungskrediten für Konsumenten etwas zu extensiv vorgegangen. Das gilt aber nicht für die Bank Austria, wir waren hier immer schon sehr konservativ.

Trotz der ohnehin konservativen Vergabe haben Sie die Kriterien kürzlich noch einmal verschärft …

Nein. Wir haben vor zwei bis drei Jahren aufgehört, Fremdwährungskredite an Private zu vergeben, darüber hinaus hat es keine Veränderungen gegeben. Und die Übertreibungen im Kreditgeschäft, wie wir sie einmal gesehen haben, gibt es heute sicher nicht mehr.

Sehen Sie die Gefahr einer Kreditklemme in einigen CEE-Ländern?

Letztes Jahr haben wir als Bank Austria bei den Krediten in CEE Zuwachsraten von über zehn Prozent gehabt. Ich kann also beim besten Willen keine Kreditklemme erkennen. Es gibt weniger Nachfrage nach Krediten als früher - auch bedingt durch politische Unsicherheiten -, und wir gehen heute noch konservativer an die Märkte heran als vor der Krise.

Die UniCredit-Gruppe hat für die nächsten Jahre ein Kostensenkungsprogramm angekündigt. Was heißt das für die CEE-Division?

Wir sind der einzige Teil der Gruppe, der investieren darf. Wir werden bis 2015 in CEE 300 neue Filialen eröffnen und den Personalstand um mehr als 1.100 Mitarbeiter erhöhen.

Können Sie ausschließen, dass sich UniCredit aus einem osteuropäischen Land zurückzieht?

Aktuell steht ein solcher Schritt nicht zur Diskussion. Es ist Faktum, dass wir in jedem Land, wo wir sind - mit Ausnahme Kasachstans -, Gewinne erzielen.

Fürchten Sie sich vor einer Insolvenz Ungarns?

Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird. Aber selbst wenn, sind wir in einer komfortablen Lage. Wir sind profitabel in Ungarn, und der Anteil unseres Firmenkunden-Geschäfts ist sehr hoch.

Die UniCredit hat Russland als einen ihrer Wachstumsmärkte definiert. Halten Sie nach den Wahlen daran fest?

Ja, wir glauben weiter an starkes Wachstum in Russland. Politische Entscheidungen wollen wir nicht kommentieren. Wir expandieren, aber das heißt nicht, dass wir weniger Vorsicht walten lassen.

Die EU arbeitet gerade an einer Reform des Bankensystems. Was sollte Ihrer Meinung nach reformiert werden?

Wichtig ist uns, dass man wirklich an EU-weiten Maßnahmen arbeitet. Denn das Gefährlichste, was einer Bank wie der UniCredit - der größten grenzüberschreitenden Bank in Europa - passieren kann, ist, dass in jedem Land verschiedene Regularien entstehen. Und das, obwohl diese Länder alle Teil der EU sind. Wir brauchen eine Reform, die für alle faire Verhältnisse schafft.

Können Sie einer EU-weiten Transaktionssteuer etwas abgewinnen?

Ich habe an sich nichts gegen eine solche Steuer, aber sie müsste weltweit eingeführt werden.

Wie denken Sie über eine ebenfalls angedachte Trennung von Investmentbanking und Massenkundengeschäft?

Das würde bedeuten: back to the future. Diese Trennung gab es früher schon einmal. Wir haben diese Frage für uns so beantwortet: Wir wollen eine solide Kommerzbank sein. Investmentbanking-Services werden wir künftig nur noch im Kundenauftrag erbringen.

Wie fällt Ihr Resümee zur Griechenland-Rettung aus?

Hätte man das Problem vor ein paar Jahren schon angepackt, hätte es die Krise in der Größe vielleicht gar nicht gegeben. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass wir eher mehr als weniger Europa brauchen. Aber das Resultat kann sich sehen lassen: Griechenland bleibt in der Eurozone. Und das ist es, was zählt.

Der Bank-der-Regionen-Vertrag läuft 2016 aus. Was, denken Sie, wird dann passieren?

Ich denke, es wird nichts passieren. Wien als Osteuropazentrale hat gegenüber Mailand viele Vorteile: Hier ist das Know-how und die bessere Infrastruktur. Ich habe kein Indiz dafür, dass an diesem Zustand etwas geändert werden soll.

Der UniCredit-Aufsichtsrat wird verkleinert. Mit Friedrich Kadrnoska und Franz Zwickl sitzen zwei Österreicher im Gremium. Wird sich daran etwas ändern?

Das ist Teil der Diskussionen, die unsere Aktionäre gerade führen. Aber ich denke, es wäre wünschenswert, dass auch Österreicher im Aufsichtsrat vertreten sind.

Zur Person: Gianni Franco Papa, 55, ist seit Anfang 2011 Vizechef der Bank Austria, zuständig für das gesamte Osteuropa-Geschäft. Der Mailänder hat sich in der italienischen UniCredit nach oben gedient, mit Stationen in Hongkong, Singapur, New York, der Ukraine und nun eben Wien. Papa ist in seiner Funktion für mehr als 50.000 Mitarbeiter in 19 Ländern verantwortlich. Der Anteil der Non-Performing-Loans in der Region lag zuletzt bei 5,2 Prozent.

Das Interview führte Angelika Kramer

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