Wie S&P, Moody’s und Fitch über das Schicksal von Euro-Schuldenstaaten urteilen

Daumen rauf, Daumen runter: Die drei Ratingagenturen S&P, Moody’s und Fitch bestimmen mit ihren Bewertungen über das Schicksal von Schuldenstaaten. Die EU will diese mächtige Position nun brechen.

Der Unterschied zwischen den Buchstabenkombinationen „BBB–“ und „BB+“ mag für die meisten Österreicher bedeutungslos sein. Für Leute wie Maurice Jiszda liegen dazwischen Welten. Hier verläuft für den Finanzexperten der Volksbank Investments die Grenze zwischen „durchschnittlich guter“ und „spekulativer“ Anlage. „Stuft eine Ratingagentur eine Kreditanlage auf BB+ zurück, können enorme Verkaufswellen ausgelöst werden“, erklärt Jiszda.

Für derartige Hinauf- und Herabstufungen sind weltweit nur drei Unternehmen verantwortlich: Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch. Damit thront das Trio an einem der mächtigsten Schalthebel der Finanzmärkte: Mit ihren Bewertungen urteilen die drei US-Konzerne, ob und zu welchem Zins Staaten und Unternehmen Kredite bekommen.

Zuletzt geriet diese Praxis erneut ins Kreuzfeuer der Kritik. In den vergangenen Monaten schockten S&P, Moody’s und Fitch mit negativen Ratings die hochverschuldeten Euroländer, wie zuletzt Griechenland und Italien. Und die ohnehin unter Druck stehenden Staaten kommen durch schlechte Beurteilungen schwerer an frisches Geld und noch näher an ihren Ruin. „Die Bedeutung von Ratings muss dringend reduziert werden“, warnt etwa der ÖVP-Europaklubobmann Othmar Karas.

„Ein Rating ist eine Meinung“, rechtfertigt hingegen Torsten Hinrichs, Deutschland-Chef der größten Ratingagentur S&P, im Interview.

Gewaltige Auswirkungen

Die Bewertungen richten sich nach der Bonität der Schuldner und reichen von der Bestnote AAA bis zum Ramschstatus D. Im Grunde zeigt ein Rating die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls an. Im Fall von Griechenland – derzeit von S&P mit B bewertet – liegt diese bei einer zehnjährigen Laufzeit bei immerhin 21,5 Prozent. Je nachdem, ob neue Ereignisse eintreten oder sich bestimmte Annahmen ändern, wird auch das Rating angepasst. Bei S&P etwa bereiten zwei Analysten ein Länderrating vor, ein Komitee aus mindestens fünf Personen entscheidet schlussendlich, wie ein Land eingestuft wird.

In der Praxis orientieren sich Fondsmanager und Investoren freilich nicht nur an den Ratings der drei großen US-Konzerne, sondern beziehen in ihre Entscheidungen auch viele andere Kennziffern mit ein. Allerdings sind die Ratings deshalb so mächtig, weil viele große Pensionskassen und Investmentgesellschaften an den sogenannten „investment grade“ gebunden sind. Das heißt, sie dürfen laut ihren Veranlagungsrichtlinien nicht in Anleihen unter einem bestimmten Rating investieren. Fällt das Rating, müssen sie verkaufen – und die Risikoaufschläge auf die Anleihen steigen. „Gerade wenn eine Herabstufung überraschend kommt, sind die Auswirkungen gewaltig“, meint Karl Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria.

Zudem wird die Bewertung selbst teils heftig kritisiert. Kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase waren viele Unternehmen noch mit Bestnoten bewertet. Und auch bis kurz vor der letzten Finanzkrise waren die meisten „toxischen“ verbrieften Wertpapiere in den USA mit AAA geratet. Derzeit etwa sehen manche Experten eine unverhältnismäßig harte Bewertung der Euro-Staaten im Vergleich zu den ebenso hoch verschuldeten USA. „Staaten wie Kalifornien sind völlig pleite, und die damit verbundene Gefahr für die Weltwirtschaft ist wesentlich größer als jene, die von Griechenland ausgeht“, meint Friedrich Mostböck, Leiter der Erste Group Research.

Diese politische Macht stößt vielen Experten sauer auf: Oft platzen die Rating-Veröffentlichungen mitten in Sparverhandlungen der Regierung, wie zuletzt in den USA und in Griechenland. Italien etwa musste nach einem negativen Ausblick von S&P sein Sparprogramm nervös um mehrere Monate vorziehen, um eine Herabstufung zu vermeiden.

Während sie andere bis ins kleinste Detail analysieren, lassen sich S&P, Moody’s und Fitch selbst nicht so gerne in die Karten blicken. Außer Moody’s gibt keiner Umsätze oder sonstige Angaben zum Geschäftsmodell bekannt. Österreich etwa gibt unter einem Promille seiner derzeitigen Verschuldung von 176,3 Milliarden Euro für Ratings aus. Wie viel genau, will die heimische Bundesfinanzierungsagentur nicht sagen. „Wir befinden uns in laufenden Verhandlungen“, meint Geschäftsführerin Martha Oberndorfer.

Neben den drei großen hat die Republik auch zwei kleinere Ratingagenturen mit Wertungen beauftragt. Würde Österreich nicht von mindestens einer globalen Agentur bewertet, wären die Investoren schnell weg – auch das bedeutet eine gewisse Macht.

Auf europäischer Ebene blickt man den Ratingagenturen im Lichte der Schuldenkrise mit immer mehr Skepsis entgegen. Nach einer Verordnung 2009 wird derzeit in verschiedenen Arbeitsgruppen an noch strengeren Regulierungen gearbeitet. Nächste Woche etwa soll das EU-Parlament einen Initiativbericht beschließen, im Herbst soll die Kommission einen Vorschlag veröffentlichen. Die Kernpunkte: Bei grober Fahrlässigkeit soll die zivilrechtliche Haftung verschärft werden, und Ratingagenturen müssen jährlich ihre durchgeführten Ratings überprüfen.

Außerdem soll auch der Aufbau von europäischen Ratingagenturen unterstützt werden. Othmar Karas: „Wünschenswert wäre eine private, europäische Ratingagentur. Es muss auf jeden Fall ein Gegengewicht zu den drei großen geschaffen werden.“

Doch auch in der EU weiß man: Die Bedeutung der Ratings auf den Finanzmärkten ist schwer zu reduzieren. Finanzexperte Jiszda: „Es ist leichter, einem Kunden ein Produkt über relativ einfache Ratings zu erklären, als über empirische Ausfallwahrscheinlichkeiten zu reden.“

– Barbara Nothegger

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