Wie viel ist ein Mensch ökonomisch wert?

Eine Spenderniere gibt es für 1.200 Euro, Jennifer Lopez’ Po ist 340 Millionen Euro wert: Wie Ökonomen den Wert des Menschen berechnen und wo dieser zum Einsatz kommt.

Die Bilder sind verschwommen. Die Männer mit nacktem Oberkörper, die in die Kamera winken, ringen sich ein hoffnungsvolles Lächeln ab. Sie hoffen auf Rettung. Am 5. August wurden 33 Bergarbeiter in der Gold- und Kupfermine im chilenischen San José verschüttet. In 700 Meter Tiefe. Kontakt zur Außenwelt halten sie über das Telefon. Gegenseitig sprechen sie sich Mut zu. Denn die Rettung ist möglich, kann aber dauern. Spätestens zu Weihnachten sollen die Kumpel durch einen neuen Schacht wieder an die Oberfläche kommen.

Die Rettungsarbeiten gestalten sich aufwendig und gefährlich. Experten werden eingeflogen und Spezialbohrer angeschafft, Pläne gezeichnet und Risiken abgewägt. Immer wieder ist der chilenische Präsident vor Ort und spricht zu den Kumpels. Er spricht über Hoffnung. Über Geld spricht er nicht. Die Frage, ob die Rettung der Bergleute den enormen finanziellen Aufwand rechtfertigt, stellt sich nicht. Sich diese Frage zu stellen hieße zu fragen: Was sind diese 33 Menschen ihrem Staat wert?

Der Wert des Menschen

Die Frage mag zwar zynisch klingen, ist aber allgegenwärtig. Täglich werden wir mit der monetären Bewertung von Menschen konfrontiert: Wir kennen den Marktwert von Fußballern und Schauspielern, wir wissen, wie viel Popstar Madonna für ihr afrikanisches Adoptivkind gezahlt hat, was vermögende Westeuropäer bereit sind für eine chinesische Spenderniere oder eine indische Eizelle auszugeben und wie viel Schmerzensgeld für ein verlorenes Bein zugesprochen wird.

Den Preis für menschliches Leben bestimmt der Markt nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, nach dem Abwägen von Kosten und Nutzen. Überall, wo die Ressourcen knapp sind, müssen Entscheidungen getroffen werden, wie sie am effizientesten eingesetzt werden. Für Unternehmen heißt das zum Beispiel: Wie viel Gehalt ist mir ein Mitarbeiter wert? Wie viele Mitarbeiter brauche ich wirklich, um Gewinn zu erzielen? Aber auch die Politik muss entscheiden, wie etwa limitierte Finanzmittel eingesetzt werden können. Sie hat allerdings nicht Gewinn, sondern das größtmögliche Wohl für möglichst viele Menschen zum Ziel. Wie viel aber darf das Wohl des Menschen, seine Gesundheit und seine Sicherheit kosten?

Antworten sollen ökonomische Berechnungsmodelle bringen. Für diese ist allerdings die Quantifizierung des Menschen notwendig. Hier wird es heikel, hier werden ethische und moralische Grenzen berührt. Zumal die unterschiedlichen Bewertungsmethoden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und nicht immer transparent sind. Dennoch werden diese Zahlen in der Politik verstärkt als Entscheidungshilfe herangezogen.

„Ware“ Mensch

Menschenwertberechnungen, denen wir täglich begegnen, sind etwa die sogenannten Marktwerte von Prominenten, die ganz öffentlich mit Preisschildern versehen werden. Die modernste Form des „Menschenhandels“ findet im Sport statt: Sollte der deutsche Stürmer Mesut Özil zum Beispiel den Verein wechseln, müsste der neue Arbeitgeber tief in die Tasche greifen. Rund 250 Millionen Euro würde Real Madrid für die Ablöse von Özil kassieren. Der Austausch Geld gegen Leben hat viele Ausformungen: In den Entwicklungsländern werden Bräute nach wie vor traditionell von ihren Vätern „eingetauscht“. In Kenia kostet eine Braut laut einer Auflistung des Innsbrucker Ökonomen Josef Nussbaumer fünf Kühe, im Südsudan und in Südwestäthiopien 30 Rinder und eine Kalaschnikow.

Auch bei Adoptionen spielt der Menschenpreis eine Rolle: Popstar Madonna soll für die Adoption eines Buben aus Malawi kolportierte 15 Million Dollar hingelegt haben. Eine reguläre Auslandsadoption kostet zwischen 20.000 und 35.000 Euro. Die große Nachfrage ruft auch dubiose Agenturen auf den Plan, die am Geschäft mit überhöhten Adoptionspreisen ordentlich mitschneiden. Dann wird aus einer Adoption Kinderhandel, strengstens verbotener Menschenhandel.

Nach wie vor werden jedoch Menschen an andere Menschen für Geld weitergereicht, und wo es einen Markt für Menschen gibt, finden sich auch menschenunwürdige Preise. „Eine Frau in Albanien erzählte mir, ihre Schwester sei für 800 Euro an einen italienischen Zuhälter verkauft worden“, sagt Jörn Klare . Der deutsche Autor und Journalist hat den Menschenhandel zum Ausgangspunkt genommen, um in seinem Buch „Was bin ich wert?“ die Preisbestimmung seiner selbst vorzunehmen.

Nicht nur für den Gesamtmenschen gibt es einen grausamen Markt, sondern auch für jedes seiner Organe. „Wer auf eine Spenderniere wartet und es sich leisten kann, fährt zum Beispiel nach Indien“, sagt Josef Nussbaumer. Den Organempfänger kostet eine solche Transplantation geschätzte 25.000 Euro. Ärzte und Vermittler kassieren den Großteil. Der Organspender wird mit 850 bis 1.700 Euro abgefertigt. „Das ist ein Handel zwischen Reich und Arm“, so Nussbaumer. Mit dem wahren Wert des Menschen habe das natürlich nichts zu tun, der sei unbestimmbar. Der nüchterne Blick auf den Boden der Tatsachen zeigt aber, dass nicht alle Menschen als gleichwertig angesehen werden und das wirtschaftliche Kalkül mittlerweile alle Lebensbereiche durchdringt.

Markt und Moral

Im Zuge der Ökonomisierung aller Lebensbereiche bestimmen zunehmend die Mächtigen, welchen Wert Menschen haben. Die Sphäre wirtschaftlicher Entscheidungen ist in vielen Bereichen von der Lebenssphäre der Menschen völlig abgetrennt und völlig auf Zahlen fokussiert. Anweisungen wie Massenkündigungen werden von Geschäftsführern in fernen Konzernzentralen, von unternehmensfremden Investoren erteilt, die Märkte sind anonym und unsichtbar geworden. Was dort vor sich geht, ist nur mehr schwer nachvollziehbar.

In so manchem Fall bleibt die Moral zugunsten des Profits auf der Strecke. Der berühmteste Skandal betrifft die Ford Motor Company, die in den 70er-Jahren sogar über Leichen ging: Beim preisgünstigen Serienmodell Pinto wurde ein erhöhtes Sicherheitsrisiko festgestellt. Weil eine Kosten-Nutzen-Analyse ergab, dass die Entschädigungszahlungen für errechnete 1.000 Todesfälle das Unternehmen günstiger kommen würden, entschied die Geschäftsführung gegen die Aufrüstung der Autos. Die Bilanz nach vier Jahren: 20 Millionen verkaufte Pintos und 9.000 Todesopfer. Die Rechnung ging für Ford nicht auf. Die mangelnde Nachfrage nach Bekanntwerden des Skandals trieb Ford beinahe in den Ruin.

Einen Imageschaden fügte sich auch Philip Morris, der größte Tabakkonzern der Welt, 2001 zu, nachdem eine in Auftrag gegebene Studie über Kosten und Nutzen des Rauchens in Tschechien an die Öffentlichkeit gelangte. Die Forscher hatten errechnet, dass der tschechische Staat 1999 durch das Rauchen einen Nettoprofit von 124,6 Millionen Euro erwirtschaftete. Dazu haben zum einen die hohen Steuern auf Tabak beigetragen, sagten die Forscher. Zum anderen aber habe der frühzeitige Tod vieler Raucher beim Sparen geholfen: exakt 878 Euro pro Person und Jahr.

Der Preis der Menschenwürde

Der in den Menschenrechten verankerte Begriff der Menschenwürde scheint in solchen Zusammenhängen obsolet zu werden. Der Wert und Nutzen des Menschen besteht vielmehr darin, was er einem Unternehmen oder der Volkswirtschaft bringt und welche Kosten er verursacht. Aus dieser Rechnung ergibt sich eine Lebensbilanz, die keine inneren Werte berücksichtigt, sondern nur wirtschaftliche. Die auf diesen Werten basierende „human capital“-Theorie ist aber selbst unter Ökonomen umstritten. „Definieren sich Wert und Würde des menschlichen Lebens nur mehr über den Job, werden Arbeitslose und ältere Menschen wert und würdelos und an den Rand der Gesellschaft gedrängt“, so Stephan Schulmeister, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO).

In Deutschland erstellte der Rentenspezialist Bernd Raffelshüschen etwa hinsichtlich der in den kommenden Jahrzehnten zu erwartenden Überalterung und der damit einhergehenden Herausforderungen für den Sozialstaat eine „Generationenbilanz“. Die umfassende Kosten-Nutzen- Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass der Break-even des „Kapitalguts Mensch“ im Schnitt im Alter von 40 bis 45 Jahren erreicht ist. Ab diesem Zeitpunkt kostet der Mensch den Staat mehr, als er ihm durch seine Steuerzahlungen bringt. Von Kollegen wird Raffelshüschen allerdings vorgeworfen, mit seinem Rechenmodell, das die Finanzierung des Sozialstaates infrage stellt, für die Privatversicherungen zu werben. Schließlich ist der ehemalige Regierungsberater auch Mitglied im Aufsichtsrat des größten deutschen Versicherers ERGO und Berater des Verbands der Versicherungswirtschaft.

Fundamentales Gut Gesundheit

Die ökonomische Betrachtung geht grundsätzlich von der Annahme aus, dass Ressourcen (Geld, Zeit oder Rohstoffe) begrenzt vorhanden sind. Diese Knappheit ist vor allem in Zeiten von Sparpaketen allgegenwärtig und verlangt nach Entscheidungen für eine effiziente Verteilung der Mittel. Insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich erhofft sich die Politik von den Volkswirten Modelle, wie ein Konsens über effiziente Vorgehensweisen gefunden werden kann. Immer brisanter werden die Rationierungsdiskussionen im Bereich Gesundheit. Gesundheit gilt als fundamentales Gut. Der Gedanke, dass medizinische Dienstleistungen zukünftig verstärkt nach monetären Kriterien verteilt werden, verbreitet allgemeines Unwohlsein. Es stellen sich Fragen wie: Wird ein 75-Jähriger im Sinne der Kosten-Nutzen-Prämisse zukünftig noch eine neue Hüfte bekommen? Wird Menschen mit Behinderung der gleiche Zugang zu medizinischen Leistungen gewährleistet werden wie jenen ohne?

Das QALY-Modell

Seit über 25 Jahren erarbeiten Gesundheitsökonomen Effizienzmodelle, basierend auf einer Maßeinheit, die als „qualitätsbereinigtes Lebensjahr“ (QALY) bezeichnet wird. QALY ist eine Kennzahl für die Bewertung eines Lebensjahres in Abhängigkeit vom erzielten Gesundheitszustand. Zwei Lebensjahre, die nur mit der halben Lebensqualität verbracht werden, entsprechen demnach nur einem qualitätsbereinigten Lebensjahr.

Wenn beispielsweise entschieden werden muss, ob ein neues Krebsmedikament eingesetzt werden soll, wird erst erhoben, wie viele QALYs die jeweiligen Investitionen leisten können. Sollte die Krankenkasse etwa Millionen in etwas investieren, wenn klinische Studien sagen, dass die Lebensverlängerung möglicherweise bei nur 14 Tagen liegt?

In England ist man schon einen Schritt weiter. Hier wurden bereits Obergrenzen für Kosten pro QALYs festgelegt. 30.000 Pfund darf ein qualitätsbereinigtes Jahr kosten. „Woher die Summe kommt, ist nie diskutiert oder demokratisch legitimiert worden“, kritisiert Gerald Pruckner, Volkswirtschaftsprofessor an der Uni Linz. In der Praxis sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung dann so aus: Würde jemand durch eine OP zwei gesunde Lebensjahre gewinnen, dürfte der Eingriff maximal 60.000 Pfund kosten. Kostet die OP allerdings 70.000 Pfund, hieße es: „Sorry, zu teuer.“ „Bei uns wird dieses Modell im Gegensatz zu Deutschland nur spärlich diskutiert. Hier entscheidet der verantwortliche Arzt“, so Gesundheitsökonom Christian Köck.

Der Mensch statistisch gesehen

Ein weiterer Ansatz der Ökonomen zur Menschenwertberechnung ist der sogenannte „Wert eines statistischen Lebens“ (WSL), der auf Zahlungsbereitschaft beruht. Dazu werden Menschen befragt, wie viel sie zu zahlen bereit wären, um ihr Sterberisiko zu verringern. Dieser monetäre Betrag wird dann durch das Todesrisiko dividiert. Pruckner: „So wird ein monetärer Wert für ein anonymes statistisches Leben ermittelt. Die Maßnahmenkosten werden dann dem WSL gegenübergestellt.“ Der WSL spielt auch im Bereich Sicherheit eine wesentliche Rolle. Etwa bei Entscheidungen, ob in Lawinenschutzbebauungen oder Hochwasserschutz investiert werden soll oder beispielsweise, wie viel mehr Lohn ein Arbeitgeber einem Arbeitnehmer zahlen muss, damit dieser bereit ist, sich einem höheren Arbeitsrisiko auszusetzen.

Je nach Kontext und Land kommen solche Schätzungen auf sehr unterschiedliche Ergebnisse. Der Wirtschaftswissenschaftler Hannes Spengler von der TU Darmstadt errechnete 1,72 Millionen Euro für einen beschäftigten deutschen Mann, nur 1,43 Millionen Euro für eine beschäftigte Frau und 1,22 Millionen Euro für einen männlichen Arbeiter.

Im Straßenverkehr sind dafür wieder alle Menschen gleich viel wert: „Die Unfall-Folgekosten bei einem Todesfall werden mit durchschnittlich 2,9 Millionen Euro beziffert“, erklärt Klaus Robatsch, Bereichsleiter für Prävention im Kuratorium für Verkehrssicherheit. Diese Summe enthält u. a. die Kosten durch Produktionsausfall des Opfers, Sachschäden, Polizei und Rettungseinsatz, Verwaltung und Zeitverlust. Schwerverletzte kosten im Schnitt 350.000, Leichtverletzte 25.000 Euro. Diese Berechnungen werden auch als Parameter bei der Entscheidung, ob etwa eine Ampelanlage an einer bestimmten Straßenstelle errichtet werden soll oder nicht, herangezogen. Ein Schutzweg mit Ampelanlage kostet 200.000 bis 250.000 Euro. „Bei zwei Leichtverletzten ist die Errichtung schwer zu rechtfertigen. Bei einem Schwerverletzten wird ganz klar investiert“, so Robatsch.

„Aber nicht überall können politische Entscheidungen in erster Linie durch ökonomische Bewertungsmodelle und Statistiken gelöst werden“, sagt Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. Rein wirtschaftlich betrachtet, wäre die aktuelle Rettungsaktion für die 33 verschütteten Bergarbeiter in Chile nämlich viel zu teuer. „Wenn es um konkretes Menschenleben geht, kann die Ökonomie nicht helfen.“ Ansonsten wären wir an einem Punkt angelangt, an dem Ethik und Moral überhaupt keine Rolle mehr spielten.

– Martina Bachler, Nina Kreuzinger

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